Manfred Geier: „Wittgenstein und Heidegger“

Dass ich mich für ein besseres Verständnis der Welt und der Position des Menschen in ihr – und dem, was meine Hauptleidenschaft, die Sprache, damit zu hat – häufig mit Friedrich Nietzsche auseinandersetze, habe ich bereits in meiner Rezension von Sarah Kofmans „Nietzsche und die Metapher“ kundgetan.

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Doch es gibt noch zwei weitere Philosophen, die in dieser Hinsicht meinen bisherigen Weg des Denkens dauerhaft begleitet haben: Martin Heidegger und Ludwig Wittgenstein.

Ich bilde mir ein, mit ihrem Werk schon ein wenig vertraut zu sein. Bei Wittgenstein vor allem mit dem Tractatus logico-philosophicus, bei Heidegger mit seiner Antrittsvorlesung von 1929 mit dem Titel „Was ist Metaphysik?“, seinen Deutungen von Gedichten Friedrich Hölderlins und anderen Aufsätzen wie dem „Brief über den Humanismus“.

Bei beiden fehlt mir also noch eingehendere Kenntnis über die sogenannten Hauptwerke, die Philosophischen Betrachtungen einerseits, Sein und Zeit andererseits. Das braucht auch noch einiges an Zeit und Aufwand – doch das kann, so glaube ich, einen produktiven Vorteil liefern, für dieses Blogprojekt und im Speziellen für die heutige Rezension von Manfred Geiers Doppelbiografie von Ludwig Wittgenstein und Martin Heidegger, die innerhalb von fünf Monaten im Jahr 1889 auf die Welt kamen.

Außerdem wird auch inhaltlich bereits nach wenigen Seiten der Lektüre beliebiger Schriften der beiden klar, wie gut sie sich tatsächlich für eine parallele, gegensätzliche, widerstandsformende Vergleichslektüre eignen.

Wieso? Dies zu zeigen ist, so glaube ich, eines der Hauptanliegen des auch ohne Vorkenntnisse ziemlich lesbaren Buchs von Manfred Geier. Weshalb er auch eines immer wieder tut: Bezüge zwischen philosophischen Bildern Wittgensteins und Heideggers und ihrer Lebensentwicklung herzustellen.

Nicht nur erleichtert das die Erläuterung ihrer schwer verständlichen philosophischen Thesen, es lockert nicht nur den Aufbau der Doppelbiografie, die sich durch Variation der Länge der einzelnen Abschnitte wie eine lebendig-flexible Ziehharmonika auf- und zuzieht – es weist auch auf ein zentrales Phänomen des philosophischen Schreibens: die Kernstellung von Bildern und bildlichen Deutungen.

Philosophen gebrauchen seit frühester Zeit schon Bilder, Gleichnisse, Metaphern, um ihre Gedanken zu gestalten und vermittelbar zu machen. Natürlich sind es nie absolut die gleichen. Die Liste der vielfältigen Wortmittel, die etwa Heidegger und Wittgenstein zur Verdeutlichung gebraucht haben, ist für sich schon ellenlang – und zu allen gibt es wiederum (bildliche) Deutungen, wissenschaftliche wie philosophische.

Aber, so glaube ich, bedeutet die Tatsache, dass sie überhaupt Bilder verwendet haben und wie sie das getan haben, hier einen besonderen Aspekt ihrer Denksysteme im Ganzen: Das Drängen zu einem Zustand, in dem sprachliche Bilder nicht mehr nötig sind, sondern das ausgedrückt werden kann, was wirklich ausgedrückt werden soll.

Jeder kennt diesen Drang in der Beobachtung des Zustandes der eigenen Gedanken, wenn um Worte gerungen wird. Es ist etwas im Kopf, im Leben da, über das man auch andere klar werden lassen will, vielleicht auch, um es sich selbst klar werden zu lassen. Dann spricht man etwas aus, überwindet (vermeintlich) den Widerstand von Innen- und Außenwelt – und stellt häufig schmerzlich fest, dass die Worte nicht das aussagen, was man sagen wollte.

Damit ist man mitten in der Theorie Wittgensteins, dessen überzitierter Satz „Wovon man nicht sprechen kann, darüber muss man schweigen.“ bekanntlich den Messenger-Status eines ganzen Pulks von Frühstudierenden (wobei ich auch direkt in einen Spiegel blicke) ziert.

Was aber nicht immer sofort auffällt ist die klare Präsenz dieses Dilemmas auch bei Martin Heidegger. Er verbirgt es nämlich geschickt in einem besonderen sprachlichen Gewand – aber bei genauerer Untersuchung wird es dadurch erst recht präsent.

Mir wurde diese Verbindung spätestens dann erneut überdeutlich klar, als Geier etwa in der Mitte des Buches Heideggers vielleicht bekannteste Frage in den Fokus nimmt, die er von Leibniz übernommen und abgewandelt hat: „Warum ist überhaupt Seiendes und nicht vielmehr nichts?“.

Sie ist der Höhepunkt des Vortrags „Was ist Metaphysik?“, eines Textes, von dem ich ohne Umschweife sagen kann, dass er mein Leben verändert hat – deshalb, weil er nicht nur fundamental nach dem Wesen der Welt fragt, sondern auch nach dem Wesen der Sprache. Der Vortrag ist getragen von Heideggers Frage nach dem Sinn vom Sein der Sprache.

Ich habe jetzt erst zwei bekannte Sätze der beiden zitiert – aber in diesen tritt bereits die Grundlage ihrer Leben und Denkwege zu Tage. Eine Grundlage, die sich denkerisch auch anders ausdrücken lässt: Ihr Leben und Denken befasst sich mit der Form von Grenzerfahrungen.

Diese wurzeln, das zeigt Geier hervorragend, bei beiden in Grundsatzentscheidungen der frühen Erwachsenenjahre. Der aristokratisch erzogene Wiener Wittgenstein wurde durch seine Teilnahme am Ersten Weltkrieg, zu der er sich wohl als eine perverse Art von Mutprobe freiwillig bereiterklärte, in eine physische Grenzsituation zwischen Leben und Tod geworfen.

In ihr stellte er sich erstmals radikal die Frage nach dem guten Leben, nach dem, was das Gewissen und der Glaube gemeinsam haben. Seine Tagebücher der Kriegsjahre zeugen davon, wie  ihm schon in diesen jungen Erwachsenenjahren klar geworden ist, dass er diese Frage als sprachlich begabter Mensch nie lösen wird – aber dennoch stellen muss.

Heidegger hingegen fand sich in seiner katholisch behüteten Heimat im Schwarzwald tief von der fehlenden Einheit der modernen Welt, vor allem der Großstadt betroffen. Er drängte danach, den Menschen zu einer ursprünglicheren Einheit zu bringen, im Einklang mit seiner Natur, dem „Wesen“.

Die beiden Denkrichtungen, die von diesen so drastisch verdichteten Anfangspunkten ausgehen, lassen sich, wie ich glaube, durch zwei Begriffe verständlich machen – und auch mit dem Thema des Widerstands verbinden: Diese Begriffe sind die Grenze und den Abgrund.

Beides sind Gegebenheiten in der Welt, die den Menschen einschränken und behindern. Die Übermacht der Grenze, die den Zutritt in andere Bereiche eines Raums, egal ob geistig oder territorial, verhindert und die Bodenlosigkeit eines dunklen Abgrunds sind gleichermaßen Erfahrungen, die dem Menschen einen übermächtigen Einfluss aufzwingen, ihn handlungsunfähig und ohnmächtig machen.

Der springende Punkt ist aber: Trotz gewaltsamer Einschränkung haben diese Erfahrungen bei den beiden Philosophen zur einer Hinwendung zur Frage nach der richtigen Philosophie im Sinne einer richtigen Lebenshaltung und Lebenspraxis geführt.

Man könnte also von beiden, Ludwig Wittgenstein und Martin Heidegger, als Philosophen auf der Suche nach einer Praxis der Philosophie sprechen. Sie betreiben praktische Philosophie, um der Philosophie, die sie damit betreiben, wiederum auf die Schliche zu kommen.

Und ja, damit sind wir nahe bei der Philosophie der Praxis, einem Begriff mit einer  marxistischer Tradition. Ein Begriff, dem Antonio Gramsci, einer der Stützpfeiler dieses Projekts, zur gleichen Zeit, in der Heidegger und Wittgenstein ihre wichtigsten Bücher publizierten, in Zeitungsbeiträgen und später in seinen Gefängnisheften eine allgemein-philosophische Dimension verschafft hat, eine Dimension die in meinen Beiträgen zu seinem Werk eine wichtige Stellung einnimmt.

Weshalb ich auch mit dieser Rezension – die eher zu einem Essay geworden ist, in dem aber nicht vergessen werden darf, dass Geiers kenntnisreiches Buch sein Anstoß war – eine Serie zu Wittgenstein und Heidegger beginnen will. Sie ist die zweite Serie, eine Parallelserie, wenn man so will, zu meiner Auseinandersetzung mit dem Rechtsbegriff.

An den kommenden Dienstagen sollen innerhalb dieser Serie, als eine Art Hommage an Geiers Biografie, die Theorien der beiden im Hinblick auf die existenziellen Widerstandsphänomene der Grenze und des Abgrunds als Philosophien der Praxis doppelt untersucht werden.

Direkte historische Bezüge und Kommentare zu ihrer (bei Heidegger bekanntermaßen problematischen) politischen Einstellung sollen dabei nicht ausbleiben. Vielleicht befruchtet ja auch der juristische Kosmos der anderen Serie dieses Unternehmen – etwas, das vor allem im Bereich der Ethik durchaus denkbar ist.

Der Plan, mit dem ich jetzt auch für heute schließen will, ist folgender: Nächste und übernächste Woche stehen Wittgenstein und Heidegger einzeln im Fokus, Wittgensteins Sprachgrenzen und Heideggers Abgrund des Nichts – und die Frage nach dem praktischen Umgang mit ihnen.

In einem zweiten Schritt will ich anschließend den historischen Rahmen ihrer Werke erweitern, den einzelnen Thesen angemessen. Bei Wittgenstein scheint dazu eine erste Beschäftigung mit den philosophischen Überlegungen des Logikers Gottlob Frege dienlich zu sein, bei Heidegger mit dem griechischen Vorsokratiker Parmenides.

Damit wäre der Rahmen für die nächsten vier Dienstage abgesteckt. Mal schauen, wie weit ich komme und wie viel ich dabei über diesen Themenkomplex aufdecken kann – und was mich neues auf dem Weg an Erkenntnis erwartet.


„Wittgenstein und Heidegger. Die letzten Philosophen.“ von Manfred Geier ist im Rowohl Verlag erschienen und kostet 26,95 Euro.

3 Kommentare zu „Manfred Geier: „Wittgenstein und Heidegger““

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