Das Grundgesetz: Eine Fundamentalrezension

Auf einem eigenen Blog kann ja jeder tun und lassen, was er will. Alles, was ihm oder ihr recht ist, sozusagen. Aber wie genau wissen wir eigentlich, was in dieser Gesellschaft allgemein rechtens ist und was nicht – und wie war das früher? Darum soll es heute und an den kommenden Montagen in einer zyklischen Serie gehen.

Ich möchte diese Serie einläuten mit einer Buchrezension. Mit einer Rezension des Grundgesetzes.

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Das Grundgesetz ist ein spannendes Buch. Es hat mich zwar nicht wirklich gefesselt, aber ich bin dennoch dabei geblieben. Zum Glück – denn das Ende hat es in sich. Außerdem wurde ich immer wieder überrascht.

Was wirklich stimmt und nicht bloß so gemeint ist. Das Grundgesetz vermag durch altbacken scheinende Passagen eine Zeitreise auslösen, lässt alte Welten auferstehen, bietet aber auch immer Platz für Neues.

Überraschend ist auch, wie wenig von dem eigentlich tagtäglich ins Bewusstsein kommt von dem, was in diesem Buch eigentlich drinsteht. Man müsste doch meinen, jeder Deutsche ist damit groß geworden. Wie mit Grimms Märchen oder – meine Generation zumindest – mit „Was ist Was“-Büchern.

Falsch gedacht. Erst wer das Grundgesetz liest, lernt sich selbst und seine Erziehung kennen. Erst nach der Lektüre ist wirklich klar, was für ein Deutscher (oder eine Deutsche…) wirklich in einem steckt – und ob einem das auch gefällt.

Oder ist etwa jedem von Kindesbeinen an gewiss bewusst, dass niemandem, der sie erst einmal besitzt, die deutsche Staatsbürgerschaft entzogen werden darf – und dass der Verlust der Staatsangehörigkeit nur dann eintreten darf, „wenn der Betroffene dadurch nicht staatenlos wird“? – Steht aber drin. Oder dass die Gesamtheit der „deutschen Kauffahrteischiffe“ als „eine einheitliche Handelsflotte“ bezeichnet wird? Artikel 16 und 27 klären auf.

Und ich habe noch nicht davon gesprochen, dass jeder, der sich auf das Grundgesetz als unantastbar in seiner Gesamtheit bezieht, auch implizit für die Verteidigung der europäische Union ist (Artikel 23), den Bund der Länder noch als „Eigentümer der bisherigen Reichsautobahnen und Reichsstraßen“ bezeichnet und sich sogar als Teil des deutschen Volkes versteht, welches in der Lage ist, dieses Gesetz auch wieder durch ein neues zu ersetzen. Autodiktatur quasi – was für ein Finale, diese Regel am Schluss (entschuldigt den Spoiler).

Das Grundgesetz hält neben diesen Verhandlungen von Lebensfragen auch schöne Momente parat, einfach Sätze, die so einheitlich komponiert sind, dass sie nicht nur einfach schön zu zitieren sind sind, sondern auch ästhetisch wie gemeißelt dastehen. Einige Beispiele wären zu nennen, meine Erinnerung kehrt aber immer wieder zu dem einen Satz zurück:

Art. 102 Die Todesstrafe ist abgeschafft.

Vor allem im ersten Kapitel des Buchs finden sich Sätze ähnlicher Qualität, etwa wenn von der Aufgabenverteilung zwischen Bund und Ländern die Rede ist. Hier werden sogar Listen zum angemessenen, formbewussten Mittel.

Die Höhen und Tiefen, die das Grundgesetz inhaltlich eindeutig hat, sind literarisch kaum zu spüren. Seine Sprache ist einheitlich, gesetzt, stilistisch wohl durchdacht.

Darum scheint mir auch der Zweck dieses Werks zu sein, sprachlich zu zeigen, was für eine Anstrengung hinter seiner Entstehung liegt. Es braucht nicht viel Gespür, um dem Wandel der Zeit in diesem beeindruckenden Text auf die Spur zu kommen – und welche ein Aufwand es bedeutet, dies in Worten abzubilden

Deshalb eignet es sich auch hervorragend für Vergleich mit anderen Texten seines Ranges, es lädt zum Weiterlesen ein. Vermutlich auch, weil es so schön kompakt ist, haben die Herausgeber des Werks die wunderbare Idee gehabt, das Grundgesetz daher im Verbund mit anderen, qualitativ ähnlichen Werken zu veröffentlichen, darunter das gedrungene „Gesetz über die Konvention zum Schutze der Menschenrechte und Grundfreiheiten“, verfasst vom Deutschen Bundestag im Jahr 1952, oder die doch recht komplexe und teilweise ermüdend lange Schrift mit dem Titel „Vertrag über die Arbeitsweise der Europäischen Union“.

Aber genug des vorrangigen Lobes. Einfach selbst lesen. Mein Fazit lautet einfach: Ein Lesebuch, das vergnüglich unterhält und zugleich belehrt. Wie sagt man so schön: Für jeden was dabei.


Die günstigste und beste Ausgabe des Grundgesetzes, voll von Wissen und großen Errungenschaften der Menschheit, ist die Taschenbuchausgabe des Beck Verlags. Sie wird bei jeder Änderung einer der Gesetze aktualisiert – für einen allgemeinen Überblick reicht es aber, jetzt einmalig 6,90 Euro für das Buch auszugeben und sich jetzt und in Zukunft immer mal wieder hineinzustürzen.

5 Kommentare zu „Das Grundgesetz: Eine Fundamentalrezension“

  1. Wer es noch günstiger mag – und, der Hinweis sei erlaubt, auf den neben Lukas‘ anregenden Gedanken zum GG empfehlenswerten historisch-systematischen Einleitungstext der besprochenen Ausgabe von Udo Di Fabio verzichten möchte – kann sich ein Gratisexemplar bei der Bundeszentrale für politische Bildung (bpb) bestellen: http://www.bpb.de/shop/buecher/grundgesetz/34367/grundgesetz-fuer-die-bundesrepublik-deutschland – oder, angesichts der Herkunft des Blogs, als Bonner einfach dem Medienzentrum der bpb an der Adenauerallee einen immer lohnenden Besuch abstatten. Dann allerdings ohne weitere (Kon-) Texte. Dafür mit Nationalhymne auf der Rückseite – und sicherlich einem Stück „(Leit-)“ Kultur 😉

    1. Olaf hat natürlich recht mit seinem Hinweis. Neben dem Bonner Medienzentrum gibt es hier auch noch den Europapunkt am Bertha-von-Suttner-Platz (http://www.europapunkt-bonn.de). Da gibt es zusätzlich noch Informationen über den größeren Zusammenhang, in den das Grundgesetz mittlerweile eingebettet ist – und so zumindest wieder mit etwas Kontext.

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