Hans-Albert Walter: „Gib dem Herrn die Hand, er ist ein Flüchtling“

25 Jahre. So viel braucht die Geschichte nur, um sich einmal zu wiederholen. Zumindest drängt sich diese Zeitrechnung bei der Lektüre von Hans-Albert Walters Essay „Gib dem Herrn die Hand, er ist ein Flüchtling“ auf.

hans-albert-walter-1

„Abgeschlossen am 12. August 1992, vor Rostock und dem Versuch von großen Teilen der politischen Klasse, die neuerliche Terrorwelle zur Abschaffung der Asylrechtsgarantie von Art. 16 Abs. 2 des Grundgesetzes zu instrumentalisieren.“ – Nicht nur diese abschließende Bemerkung Walters am Ende dieses 2016 vom Düsseldorfer C.W. Leske Verlag wiederaufgelegten Textes ist ein Satz, der eins-zu-eins übersetzt und in gegenwärtige Münder gelegt werden kann.

Und spätestens dann, wenn auf Seite 54 der Spruch „America first“ fällt, ist es endgültig präsent: Das Gefühl, dass die Menschheit tatsächlich nichts aus ihren Fehlern lernt.

Über dieses Gefühl breitet sich Walter, seines Zeichens herausragender Kenner der deutschen Exilliteratur und Herausgeber des mehrbändigen Standardwerks Deutsche Exilliteratur 1933-1950 in seiner kleinen Handreichung literar- und welthistorisch aus. Er lässt Aussagen von Politikern wie Carl von Ossietzky, von Schriftstellern wie Thomas und Heinrich Mann und vielen weiteren (Revue) passieren, um mit ihnen als Schlaglichtern sein Hauptthema, eben das Exil – und dessen Vorausgang, die Flucht – zu beleuchten.

Seine Analyse ist schonungslos, stilistisch sogar derart brillant, dass sich das nicht an jeder Stelle offenbart. Wer aber über Walters reines Erzählvermögen hinaus in die Essenz des Essays hineinkriecht, findet erschreckende, überzeitlich brisante Gedankengänge.

Sie ziehen die unterirdischen Grenzen in einer Gesellschaft, die an der Oberfläche die Auflösung von Ländergrenzen als enorm schmerzlich wahrnimmt. Einer Gesellschaft, in einem „Jahrhundert der Flüchtlinge“, wie Walter an einer Stelle zaghaft überlegt, das vergangene Jahrhundert zu nennen, eine Gesellschaft voller Flüchtlinge. Die Gesellschaft des Nachkriegswestens.

Im Kern will Walter in seinem Essay eigentlich nur Zeugnis von ebendiesem Gesellschaftszustand ablegen: damit er nicht in Vergessenheit gerät, damit klar wird, wie weit sein historischer Einfluss reicht, bis heute.

„Unerbittlich aber jene Menschen, die dem Flüchtling nach dem Verlust der Lebensbasis auch noch die Fähigkeit des Chamäleons abverlangen.“

Gemeinsam mit der eingangs zitierten Abschlussbemerkung rahmt deshalb auch ein Dankeswort zu Beginn Walters Reflexionen ein. Es ist eine Widmung an den parlamentarischen Rat. Dieser, als Vertreter des deutschen Volks, dem gemeinschaftlichen Autoren des Grundgesetzes, hat um die Gefahren des Exil, der Flucht gewusst – unter dem Einfluss natürlich primär der politischen, nicht bürgerlich-kriegerischen Unterdrückung – und das Asylrecht inmitten des Grundgesetzes fundamental und unverrückbar verankert.

Die Tatsache, dass eine solche Verteidigung des Grundgesetzes heute angebracht, weil ihr Objekt nicht mehr selbstverständlich ist, zeugt an dieser Stelle erneut der bedenklichen Aktualität dieses Textes und rahmt seine mahnende Erinnerung programmatisch ein.

Es sind dazwischen außerdem noch die immer wieder eingeschobenen, aus den Berichten entstehenden literarisch-philosophischen Sätze, welche allgemeine Phänomene etwa des Exils, der Flucht oder der Fremde betreffen, die Walters Essay nicht nur theoretisch, sondern auch emotional schlüssig und wirksam werden lassen.

Die neue Ausgabe dieser Schrift, mit einem informativen Nachwort von Herbert Wiesner versehen, ist daher neben ihrer denkerischen, analytischen Kraft eine zutiefst emphatische Streitschrift für die Vernunft und die gesellschaftliche Moral. Werte, die, so hat mich mein Lektüreeindruck deutlich gelehrt, nicht mehr vorauszusetzen sind.


„Gib dem Herrn die Hand, er ist ein Flüchtling“ von Hans-Albert Walter ist im C.W. Leske Verlag erschienen. Das Bändchen umfasst 128 Seiten und kann hier bestellt werden.

Weitere Stimmen zum Buch finden sich auch auf den Webseiten re-visionen.de und literaturkritik.de.

Kommentar verfassen

Trage deine Daten unten ein oder klicke ein Icon um dich einzuloggen:

WordPress.com-Logo

Du kommentierst mit Deinem WordPress.com-Konto. Abmelden / Ändern )

Twitter-Bild

Du kommentierst mit Deinem Twitter-Konto. Abmelden / Ändern )

Facebook-Foto

Du kommentierst mit Deinem Facebook-Konto. Abmelden / Ändern )

Google+ Foto

Du kommentierst mit Deinem Google+-Konto. Abmelden / Ändern )

Verbinde mit %s