Überinformation und Begriffsschleifen

Ich wollte hier eigentlich nicht über jedes Buch schreiben, das ich lese. Insbesondere momentan kann das nämlich eigentlich nicht gutgehen. Aber, trotz der Gefahr, arrogant, unverständlich, krude oder uninformiert genannt zu werden, will ich es dennoch versuchen.

Ich lese zurzeit die Kritik der reinen Vernunft.

Die Kritik der reinen Vernunft ist eines der wichtigsten Bücher, die je geschrieben wurden. Es fühlt sich mitunter wie eine Ehre an, die deutsche Sprache, in der sie geschrieben wurde, als Muttersprache erlernt zu haben, nur um dieses Buch in seiner Tiefe womöglich verstehen zu können.

Sie ist außerdem ein Buch, das mir persönlich gerade sehr guttut. Ich will erläutern wieso. Vorher will ich aber erst erklären, wieso ich darüber jetzt überhaupt schreiben will, wieso sie mir guttut.

Die Überschrift zu diesem Artikel geistert schon seit drei Wochen in meinen Blog-Entwürfen herum. Sie war eigentlich dazu gedacht, einen Zustand zu beschreiben, der mich immer heimsucht, wenn an der Universität, an der ich studiere, ein neues Semester beginnt. Viele Pflichten, ein Haufen Termine, neue Gesichter und andere Zeiteinteilungen prasseln auf dann auf einen ein. Alle sechs Monate falle ich dadurch in ein Loch.

Dieses Loch, das aus Unorganisiertheit, Müdigkeit und allgemeinem Stress besteht, habe ich seit etwa einer Woche endgültig hinter mir. Dafür, so scheint mir, hat(te) Martin Oetting eine ähnliche Befindlichkeit zu überstehen, zumindest wenn ich seinen gestrigen Beitrag auf Kaffee & Kapital richtig verstehe.

Meine Lektüre von Kant hat damit inhaltlich nur bedingt etwas zu tun, ist aber ein Resultat aus Wochen des Stresses und der Orientierungslosigkeit, der Suche nach der richtigen Richtung.

Ein Resultat mit einem Effekt, den Martin in ein paar Tagen oder Wochen auch finden und hoffentlich bemerken wird – oder vielleicht schon bemerkt hat: Kants Buch hat auf mich den Effekt einer ausgleichenden Tätigkeit. Ich stelle mit ihm eine Art von Gleichgewicht her zwischen den Ansprüchen meines Lebens und den Bedürfnissen meines Geistes.

Martin scheint mir ein ähnliches Gleichgewicht zu suchen, so wenn er schreibt:

[I]ch muss einen Mechanismus finden, um das Nachdenken über Politik von meinem übrigen Leben besser zu trennen. Es muss mir besser gelingen, Phasen des Unpolitischen zu schaffen, das Hirn auch abzuschalten, und sich eine Weile lang nicht zu sorgen, nicht zu grübeln, nicht zu hadern.

Damit will ich nicht sagen, dass dieser Mechanismus für alle derselbe sein soll. Mir fällt es, das ist mir klar, aufgrund meines Studiums, meiner hart erarbeiteten Leidenschaft für Bücher leichter als anderen, solche Phasen durch Leseaktivität zu gewinnen. Martin, der einen anderen, schnelllebigeren Lebensstil gewohnt ist, weiß daher schmerzlicher über die Anstrengung zu schreiben, die es braucht, um Geduld für Bücher aufzuwenden.

Ich will vielmehr einen Aspekt des Lesens von Büchern hervorheben, der bei meiner Suche nach der richtigen Lektüre als Ausgleich häufig zu kurz kommt, aber bei der Wahl des Buches als Ausgleich hilft, nämlich die Tatsache, dass Bücher im Grunde immer aufregend sind. Je nach Übereinstimmung mit der Lebenswelt und Haltung des Lesers ist diese Aufregung anders gewichtet und wird durch andere Elemente eines Buchs ausgelöst. Aber immer können sie gut oder schlecht aufregen.

In einer Phase der Überforderung durch außen würde mich beispielsweise ein Buch schlecht aufregen, in dem immer wieder Themen aufkämen, die ich zwar kenne, für die es aber keine eindeutige Bestimmung, auf deren Fragen es viele plausible Antworten gibt. Zum Beispiel „wahre Sozialdemokratie“. Oder „Bildungsreform“. Diese Begriffe werden teilweise in politischen Diskussionen hin und her geworfen, sodass irgendwann der Eindruck einer sinnlosen Dauerschleife, einer Weltferne entsteht, durch die keiner mehr durchblickt.

Was für eine Wohltat ist mir da ein Philosoph, der alles gerichtet durchdenkt und dessen einziges erklärtes Ziel es ist, zu ordnen – und mir dafür nicht die Welt, sondern meinen eigenen Verstand erklären will! Was für ein Geschenk, nur über mich nachzudenken und nicht immer sofort nach den anderen fragen zu müssen! Kant regt mich gut auf, wühlt mich positiv auf, er regt mich an.

Deshalb funktioniert der Ausgleich bei mir durch sein Buch, zugegeben etwas hochtrabend und bei weitem nicht für jeden ratsam, nicht weil es zu komplex ist, sondern nicht immer dieselbe psychologische Wirkung hervorrufen wird. Bei anderen Menschen funktioniert Ausgleich denn also anders. Sport soll etwa helfen. Oder Freunde treffen. Das mache ich auch – das eine weniger als das andere –, aber gerade gleicht eben nichts anderes meinen Alltag besser aus, als das Hauptwerk der Erkenntnistheorie.

Ich weiß im Übrigen gar nicht, wie ich überhaupt dazu gekommen bin, es direkt und gerade jetzt zu lesen. Es erschien mir einfach notwendig – was sich im Nachhinein auch als richtig herausgestellt hat. Denn ich ahne bereits, dass ich mich danach mit erstarkter Kraft wieder in das Politikgetümmel der täglichen Nachrichten stürzen kann. Weil ich weiß, dass ich Geduld und Konzentration bewiesen habe, in dem Maße, in dem mir vorher die Herausforderung, die Kants Buch an mich stellt, gefehlt hat.

1 Kommentar zu „Überinformation und Begriffsschleifen“

  1. Ja, stimmt. Bücher regen auch auf, auf andere Weise. Bislang noch entsteht bei mir eine Art Aufregung im Stile von „Oh mein Gott, das ist ja krass, wissen das denn die Menschen, das müssten doch viel mehr Menschen wissen!“ Werden muss daraus aber: „Oh mein Gott, ein neues Puzzlestück in dem großen Bild, das ich in meinem Kopf zu bauen versuche.“ Und das Nachdenken über andere kommt dann erst sehr viel später, wenn das Bild vorzeigbar ist. Geduld.

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