Zweiter Versuch, die Kunst von Gerhard Richter scharf zu stellen

Die Frage nach der Ästhetik der Kunst von Gerhard Richter und ihrem kritischen Potential hat mich auch heute beschäftigt, vor allem, da ich in meinem gestrigen Beitrag ja doch sehr emotional argumentiert habe.

Dem möchte ich heute einige kritische, objektivere Notizen beigeben.

Sie sollen an einem Werk Richters festgemacht werden, das ich bereits gestern verlinkt habe: ‚Schwarz, Rot, Gold‘, von 1998:

schwarz-rot-gold

Die Beschreibung dieser Collage auf der Webseite „Texte zur Kunst“ lautet folgendermaßen:

Das Symbol für die Idee nationaler Einheit wird [hier] aufgebrochen und dadurch quasi seiner Essenz beraubt. Dieser Auflösungsprozess wird durch das Moment der Serialisierung wie durch leichte Farbabweichungen unterstrichen: „Schwarz”, „Rot” und „Gold” werden in jeweils vier Abstufungen kombiniert und sind demnach nur annäherungsweise repräsentiert. So variiert etwa das „Gold” zwischen Ocker und Senffarben.

Ich möchte versuchen zu erläutern, wie symptomatisch diese Interpretation für die Unentschiedenheit, für die Haltungslosigkeit Richters ist, die im Übrigen eine schlechte Haltungslosigkeit ist, weil sie perverserweise konstruktive Kritik und unbeteiligte Autonomie verbinden will.

Um das zu zeigen, will ich auf einen Aufsatz von Chantal Mouffe – mit deren Theorie ich mich hier bereits befasst habe – hinweisen: „Artistic Strategies in Politics and Political Strategies in Art“. Der Aufsatz ist ursprünglich 2014 im Band „Truth is Concrete“ der Sternberg Press Berlin erschienen, ist aber auch online (mit einigen Rechtschreibfehlern) einzusehen.

Sein Inhalt, in einem Satz kondensiert: Mouffe fragt in diesem Text nach den Möglichkeiten die es gibt, „ästhetischen Widerstand“ zu betreiben.

Mit Widerstand ist damit vor allem Widerstand gegen Kreativität beschränkenden Einfluss des Kapitalismus auf die Kunst gemeint. Solcher stehe im Gegensatz zum künstlerischen Arbeitsprozess, der spätestens seit dem 2. Weltkrieg, so Mouffe, gänzlich „performativ geworden“ ist und „die universalsten Requisiten unserer Spezies: Wahrnehmung, Sprache, Erinnerung und Gefühle“ mobilisiert.

Damit erhöht sich die Menge derjenigen Teile des Lebens, die Thema und Mittel der Kunst werden können – aber zugleich werden diese elementaren Eigenschaften des Menschen ökonomisiert, und damit vieler Möglichkeiten beraubt, zu verändern, weil sie immer auch in einem gewissen Grad der Geldwirtschaft dienen.

„Aufgabe der kritischen künstlerischen Praxis“ sollte es aber eigentlich sein,

einen Beitrag zur Entwicklung neuer sozialer Verhältnisse zu liefern, zur Produktion neuer Subjektivitäten und zur Ausarbeitung neuer Welten, die die Bedingungen für eine Selbstorganisation der Vielheit schaffen.

Eine schwierige Aufgabe, gerade wenn, wie ja bereits Adorno und Horkheimer feststellten, die Kunst Teil des allgegenwärtigen Industrieapparates ist.

Die Beziehung zu dieser Aufgabe ist die Stelle, an der eine Trennung zwischen dem Versuch einer kritischen Kunst und tatsächlich kritischer Kunst gezogen werden kann, zwischen tatsächlich verändernder oder nur scheinbar verändernder Kunst.

Eine Trennung, die auch in Bezug auf Gerhard Richter gezogen werden kann und – so glaube ich – zwischen dem Anspruch seiner Kunst und ihrem effektiven Gehalt verläuft.

Das Resultat der Trennung lässt sich direkt an der oben zitierten Beschreibung seiner Flaggen-Collage festmachen, konkret an zwei ihrer Worte: „quasi“ und „annäherungsweise“.

Dazu noch einmal Mouffe: Ein wirksamer Weg, den Künstler für eine kritische Kunst beschreiten können, scheint ihr ein „Engagement mit Institutionen“ zu sein, Institutionen auch der Politik. Denn

[k]ünstlerische Praktiken haben eine notwendige Verbindung mit Politik, weil sie entweder zur Reproduktion des common sense, der eine bestehende Hegemonie sichert, beitragen, oder zu dessen Herausforderung.

Ich glaube: Gerhard Richters künstlerische Praxis fällt in keiner dieser beiden Kategorien.

Nehmen wir dazu die Institution der Deutschlandflagge und des Staates, den sie repräsentiert. Wenn Richter diese Flagge nun „anders“ konzipiert, mit anderen Farbtönen malt, fordert er sie dann heraus? Ich glaube nicht.

Ihre Symbolkraft bleibt nämlich weiterhin bestehen. Es wird in ihr immer noch die Deutschlandflagge erkannt, gleich ob ihre Symbolkraft durch die neuen Farben und die veränderte Form eine von der „eigentlichen“ Flagge verschiedene ist. Sie wird eben nur „quasi“, nur „annäherungsweise“ verändert, nicht entschieden und deutlich.

Die künstlerische Kritik kann hier nicht die tatsächliche Symbolkraft des Objekts verändern und gänzlich überlagern. Sie tut es nur scheinbar. Und diese abschließende Bewertung fälle ich bei vielen, vor allem früheren Werken Richters – und in Bezug auf politisches Engagement ist das keine gute Wertung.

An seine ungegenständliche Kunst kann diese Frage wiederum nur bedingt gestellt werden. Aber vielleicht ist diese ja eine Konsequenz aus dieser Unentschiedenheit: Eine Darstellung der Problematik, die Richter in seiner politischen Kritik erkannt hat. Dann wiederum wäre sie eine hervorragende Sublimation seiner früheren Defizite – und ich würde meine Kritik zurücknehmen. Aber das habe ich bisher noch nicht erkannt, geschweige denn begründen können. Ich kann nur sagen, dass mich seine Kunst irgendwie nicht loslässt. Was wiederum für ihre Wirkkraft sprechen würde….

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