Erster Versuch, die Kunst von Gerhard Richter scharf zu stellen

In der Beschäftigung mit der Kunst geht es irgendwann auch um die Kunst, sich die Kunst zur Hürde zum Verständnis von Kunst zu machen und so Kunst schärfer sehen zu können. Es ist schauerlich, wenn das mal nicht gelingt, und dann auch noch bei einem so bekannten Maler wie Gerhard Richter.

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Eigentlich sollte ich mich glücklich schätzen: Ich bin Student, wohne in NRW und habe so die Chance, eine ausnehmende Retrospektive über das Werk eines Künstlers aus dieser Gegend zu sehen: Weshalb ich auch die Ausstellungen von neuen und alten Bildern Gerhard Richters im Museum Ludwig Köln und dem Folkwang Museum Essen besucht habe.

Aber ich bin nicht glücklicher dadurch geworden. Es hat mich leiden gemacht. Und darüber muss ich mich jetzt ein wenig auslassen.

Die Kunst von Gerhard Richter, verstanden und betrachtet als Versuch, Kunst zu machen macht etwas mit mir, worüber ich sprechen muss. Ich kann aber nur davon sprechen, indem ich es nachvollziehe. Darum hier in Kurzfassung die Geschichte meiner Museumsspaziergänge in Köln und Essen.

Widerstand

Ein Kunstwerk wird im Museum immer zuerst von weitem gesehen. Nie tritt es allein und ohne seine Umgebung – manchmal voller Menschen, manchmal ohne, manchmal mit Kunstwerken neben ihm – in Erscheinung.

Was macht das mit dem ausgestellten Kunstwerk? Es tritt in Erscheinung im Verbund mit den anderen. Es ist nur erkennbar, weil ich es in Beziehung zu den anderen setze. Es interagiert automatisch.

Die Kunst von Gerhard Richter entzieht sich dieser Interaktion. Immer wieder wird Richter mit dem Schlagwort der Distanz genannt – aber statt diese wahrzunehmen, treibt micht seine Kunst, so wie ich sie sehe, bis zum Exzess weg von sich selbst.

Heißt, anders gesagt: Ich verstehe nicht, wovon diese Kunst handelt, weil sie sich jeder Verbindung entzieht, weil sie unscharf ist, vielleicht einfach nichts sagt. Ich glaube auch, es gibt tatsächlich nichts, wovon sie handelt.

Das bedeutet aber auch, dass ich in ihr keine Handlung erkenne, die ihre Existenz rechtfertigt. Sie ist ein lebloser Gegenstand, grundlos da. Nicht zweckfrei, grundlos. Ich kann auch selbst nicht handeln, um sie zu begreifen. Sie macht mich handlungsunfähig.

Sie erscheint mir unorganisch, körperlos. Sie ist reiner Geist, aber ohne Handlung.

Was ist das Ergebnis dieser Kombination? Lebloser Kitsch, starre Schönheit ohne Tiefe? Noch mehr: Sie ist so reines Konsumgut wie es nur vorstellbar ist, die Gemälde sind dadurch wie unnötige Naturprodukte, man schaut sie einfach nur an und sie blicken nicht zurück.

Ich sehe sie mir als handlungslose Kunst deshalb auch nicht bewusst an, ich konsumiere sie nur. Die Kunst von Gerhard Richter entzieht sich für mich immer sofort der Chance, wirklich betrachtet zu werden, auch einverleiben kann ich sie nicht.

Ekel

Der Modus wechselt daher schnell, wenn ich mehr von ihr ansehe, so auch im weiteren Verlauf der Ausstellungsbesuche. Ich beginne mich dann wirklich, vor ihr zu ekeln.

Ich handle als Reaktion darauf selbst, anstatt der Kunst, indem ich schneller durch die Räume gehe. In den Ausstellungen in Köln und Essen (von denen nur die letzte, größere noch läuft) wechseln sich Werkgruppen schnell ab, eine Ausdrucksform wechselt mit der nächsten den Platz. Ich entferne mich in dieser beschleunigten Variation, die sich mir dadurch zeigt, von dem Schock der Handlungsunfähigkeit beim Betrachten eines einzelnen Objekts.

Aber gerade weil ich dann merke, dass ich diese Kunst ja eigentlich nicht brauche, um selbst zu handekn, ekele ich mich vor der Art und Weise, wie das Museum sie als notwendig präsentiert. Ich will weg.

Langeweile

Dann nimmt, je abstoßender ich von dieser neuen Perspektive aus die Bilder sehe, je mehr ich weg will, das nächste Schreckliche den Platz ein: Gähnende Leere in mir.

Ich erkenne: Kein Bild berührt mich, noch weniger also als vorher und ich spüre den Mangel, will fast den Ekel wieder zurück. Weil ich dann Platz öffne für Selbstvorwürfe: Verstehe ich diese Bilder vielleicht einfach nicht, weil ich unfähig bin? Liegt es vielleicht nicht an ihm, sondern an mir?

Überdruss

Ich fliehe mich, um diese Frage nicht beantworten zu müssen schnell in eine neue Benennung des Effektes der Kunst von Richter: Aus Langeweile wird mir das Werk nun überdrüssig. Alles scheint mir dasselbe, eintönig, das Konzept von Richter ist es, ohne Konzept zu bleiben und das habe ich schon tausendmal gesehen.

Ich will mehr Pathos, mehr politische Klarheit in der Kunst, gerade heute. Irgendwas, das mir zeigt, dass Aktion – und was ist Kunst machen anderes? – immer auch mit Gehalt, mit Ausdruckszielen verbunden ist, denn davon bin ich überzeugt.

Aber will ich Aktion von einem Mann, der mit dem plattesten Argument die Flüchtlingskrise kritisiert hat, Schwarze noch Neger nennt und sich auf das Wort „Willkommenskultur“ mit einem wütenden Geifer stürzt, als sei es das einzige, was beim Umgang mit Kriegen und Flucht ankommt? Lieber nicht.

Zynismus

Aber was spricht dann noch aus dieser Kunst, die ja immerhin auch Deutschlandflaggen und 9/11 zur Zielscheibe ihrer die Realität verwischenden Technik hat? Die offenbar politisch sein will, denn sonst hätte sie ja wohl die Natur zum Thema?

Für mich spricht aus dieser Frage, aus der Tatsache, dass sie entsteht aus Kunst, die auch einfach nur schön sein könnte, eine nur allzu bekannte Doppelmoral: Der Künstler will möglichst viel Distanz zu dem, was er sagen will, aber dennoch als gesellschaftskritisch wirken können – und also doch wollen. Das ist der Impetus von Richter.

Das macht das politische Bewusstsein des Betrachters aber nicht durch eine Art Übermoral klarer – es macht es unscharf und gibt ihm nichts zur Hand, besser zu erkennen. Es verwirrt und gibt keinen Schlüssel zur Auflösung, es ermächtigt den Betrachter zu nichts, es lässt ihn unmündig vor den Bildern stehen.

Gerhard Richter kann mir damit aber nicht zeigen, dass ich selbst denken muss, um die Welt zu begreifen. Er zeigt mir nur eines: Malerei an sich ist noch keine Haltung zur Welt.

Und ich kann durch sie erkennen, dass, wenn ich malen würde, es mir als erstes um eine Haltung ginge. Aber zum Glück schreibe ich ja und habe keinen Pinsel in der Hand.

1 Kommentar zu „Erster Versuch, die Kunst von Gerhard Richter scharf zu stellen“

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