Honoré de Balzac: Mercadet oder Warten auf Godeau

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Heute soll endlich wieder ein literarisches Werk Hauptthema sein – welches zugleich eines ist, das von gesellschaftlichen Verhältnissen spricht. Genauer gesagt verhandelt Honoré de Balzacs „Mercadet oder Warten auf Godeau“ zwei der vielfältigsten und auch manipulativsten aller Machtmechanismen der modernen Gesellschaft: Die Geldspekulation und das Warten. Die – und in diesem Brennpunkt verdichtet Balzac diese banal scheinenden Themen – aber in eine tiefe Tragik und umfassende Komik zugleich aufgehen.

Da es hier um eine dramatische Interaktion zwischen Figuren geht, die dann auch noch enorm stereotyp funktionieren, komme ich nicht umhin, zunächst eine der – mir in Rezensionen sonst so zutiefst verhassten – Inhaltsangaben zu geben.

Ich fasse mich kurz: Mercadet ist ein Börsenspekulant, der bei fast allen anderen erwachsenen Figuren in der Schuld steht. Seine Tochter Julie soll verheiratet werden. Er versucht daraus Profit zu schlagen, was mal zu gelingen scheint, mal nicht. Und Godeau, der in der neuen Übersetzung auch namentlich in den Titel einbezogen wurde (eigentlich heißt das Stück französisch Mercadet ou le Faiseur), ist der heldenhafte Retter. Er ist ein angeblicher Freund und Geschäftspartner von Mercadet mit dem sprechenden Namen, welcher mit dem Verweis auf sein baldiges Kommen seine Gläubiger immer wieder hinhält.

Weiter die Kunst des Schreibens von Balzac inhaltlich nachzuahmen wäre vermessen. Alle warten eben auf Godeau – und der Clou des Stücks liegt im überraschenden Ende, das ich hier ganz bestimmt nicht verraten werde.Ein Buch muss halt gelesen werden.

Ich möchte den restlichen Platz lieber dafür aufwenden, um kurz ein wenig über die Kraft des Geldes zu schreiben und wie Balzac in seinem letzten, für ihn wohl wichtigsten Stück (er hat zehn Jahre an „Mercadet“ gearbeitet) dieses Thema zu fassen sucht.

Das Geld und der mit ihr verbundene Kaufvertrag sind grundlegende Pfeiler der gesamten globalen Gesellschaft. Niemand kommt um sie herum. Balzacs Stück beweist mit der Tatsache, dass der Leser ihm sein finanzbeherrschtes Gesellschaftsbild des mittleren 19. Jahrhunderts abkauft, dass das auch schon vor über 150 Jahren so war.

Das gilt nicht nur für den internationalen Handel, sondern auch für das private, politische und vor allem das privatpolitische Leben der Figuren.

„Die Partei von morgen wird sich sozial nennen, vielleicht weil sie unsozial ist; man muss immer das Gegenteil eines Worts im Auge haben, um seine wahre Bedeutung zu erkennen.“

Jeder ist hier auf seinen eigenen Vorteil bedacht, punktum. Philantropie ist fehl am Platz – was die Tragik jedoch umso drastischer erscheinen lässst. In der kleinen spießbürgerlichen Gesellschaft entdeckt Balzac auf eine ganz perfide Weise die Gefahr der Entfremdung in der Globalisierung, was den Text ungeheuer aktuell macht.

Die Figur von Mercadets Tochter, die romantisch Verliebte, wird vom Egoismus des Stück am heftigsten geschüttelt. Mit ihr leidet die Liebe unter dem Finanzkapital, was heftig anzusehen ist.

Um die Verbindung dieser Thematik zu Gegenwart noch deutlicher hervorzuheben, liefert der Band zum Abschluss noch ein kleines Stück Literatur- und Kulturgeschichte.

Nicht nur erzählt Übersetzerin Erika Tophoven in ihm, dass das Stück tragischerweise erst ein Jahr nach Balzac Tod im Jahr 1850 uraufgeführt werden konnte – sondern auch von seiner weiteren lebhaften Historie, die vor allem mit Samuel Beckett zusammenhängt, dessen Bücher zum Großteil ihr Mann Elmar ins Deutsche übersetzt haben.

Beckett selbst sagt, er habe „Mercadet“ nie gesehen. Doch wer sein „Warten auf Godot“ kennt oder im Zusammenhang mit Balzacs Stück liest oder betrachtet, wird nicht umhin kommen, die Ähnlichkeiten festzustellen. Welche, das kann ich leider auch nicht verraten – nicht nur, weil es das Stück vermiesen würde, sondern auch, weil ich mir nicht sicher bin, ob ich es überhaupt verraten könnte.

Denn klar ist der Zusammehang und Ausgang beider Dramen nicht: In beiden Stücken gewartet – und man fragt sich bis zuletzt, warum und wozu. Bei Balzac wird auf die rettende Auslösung aus der Schuld gewartet, bei Beckett… Ja, bei Beckett irgendwie auch. Beide Stücke rühren an die Existenz, spießbürgerlich oder abstrakt, das ist hier eigentlich gleich.

Denn Godeau/Godot ist immer im Zentrum, weil auf ihn gewartet wird, egal ob er existiert oder nicht. Und ist das nicht auch eine Eigenschaft des Geldes und das unerschütterbare Fundament des Kapitalismus? Immer bewirkt das, worauf gewartet wird, eine Spannung. Ganz gleich ob man es nun zu Gesicht bekommt oder nicht, ob man es besitzt oder verzweifelt darauf wartet.

Ob es nun das Geld oder die Erlösung ist. Am Ende des Wartens ist alles gleich.


„Mercadet oder Warten auf Godeau“ von Honoré de Balzac ist in der Übersetzung und mit einem Nachwort von Erika Tophoven im Verbrecher Verlag erschienen. Es umfasst 128 Seiten und kann für 16 Euro hier bestellt werden.

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