Giuseppe Fiori: „Das Leben des Antonio Gramsci“

Mit einer weiteren Beleuchtung des Begriffs der Philosophie der Praxis habe ich gestern dargestellt, wie es möglich ist, Antonio Gramsci als Denker einer universal gültigen Theorie des Philosophierens im Leben, als dauerhaften gesellschaftlichen Akt zu begreifen.

fiori-Gramsci

Es gibt wohl kaum einen passenderen Moment, um mit einer Besprechung einer Biografie dieses Mannes zu untersuchen, inwiefern auch er sein eigenes Leben unter diesen Stern gestellt hat – und zu fragen, ob er es überhaupt konnte. Nach einer Antwort auf diese drängenden Fragen suchte auch sein wohl treffendster Biograf, der italienische Rechtsanwalt, Schriftsteller und Politiker Giuseppe Fiori in seinem Buch „Das Leben des Antonio Gramsci“.

Bald nach dem zweiten Weltkrieg traf dieser in Sardinien, Turin, Rom und anderen Orten Verwandte und Freunde des im Gefängnis verstorbenen Philosophen auf. Er befragte sie, machte sich Notizen und las parallelGramscis Aufzeichnungen, Briefen und journalistischen Veröffentlichungen in den vielen Zeitungen und Zeitschriften für die dieser gearbeitet hatte.

Fiori muss danach, bei der Niederschrift seiner Biografie, welche seit 2014 in einer Neuauflage durch den Rotbuch Verlag wieder erhältlich ist, wie ein berauschter Berserker durch seine Aufzeichnungen gegangen sein. Anders kann ich mir es mir nicht erklären, dass er Gramscis Leben sowohl brillant als auch rasant, wie in einem Atemzug, erzählt.

Eine permanente Revolution des Stils

Zugleich verliert er dabei aber nie den Kontakt zu seinem Gegenstand – dem Menschen Gramsci. Er erzählt dessen Leben in einer Art von Stil, die Gramsci selbst in seiner Jugend an die Lektüre von Geschichtsbüchern gefesselt hat, mit einer Lebendigkeit, einer Erzählkraft, die permanenten Wandel, die Veränderung des Lebens seines Objekts mit nachvollzieht. Eine Form von Biografie, die deshalb spannend ist, weil sie stilistisch zeigt, dass sie „von lebendigen Menschen handelt“.

Fioris Stil verändert sich ununterbrochen, um Gramscis radikales Leben empathisch in den Griff zu bekommen. Eine Stilform, die meines Erachtens sogar mit einem passenden politiktheoretischen Konzept in Verbindung gebracht werden kann: der sogenannten permanenten Revolution, einem Gedanken von Leo Trotzki.

Wikipedia notiert dazu, dass der erste Leitsatz dieser Theorie die „Notwendigkeit des unmittelbaren Übergangs von der demokratischen zur sozialistischen Revolution“ sei – gesetzt den Fall, dass bereits eine Revolution im Gange ist. Trotzki versuchte mit diesem an Marx anschließenden Verständnis der Dynamik von Revolutionen, den Fokus der Triebkraft gesellschaftlicher Veränderungen verstärkt auf die Wandelbarkeit des menschlichen Wesens zu legen.

Kernaspekt dieser Theorie ist darum die beständige Transformation, sowohl der gesellschaftlichen Verhältnisse an sich, als auch der revolutionären Bewegung als Spezialfall. Dass deren Situationslage starr in blockartige Phasen einteilbar ist, dass ein Übergang von einem Staatssystem zum anderen wie von Zauberhand stattfindet (in der Russischen Revolution etwa von Zarismus zur Diktatur des Proletariats), war Trotzki absolut fremd.

Das galt auch für Gramsci und seine politischen, vor allem parteiinternen Positionen, die  in meiner Besprechung des biografischen Abrisses in Wolfram Kleins Studie zu Gramsci bereits dargelegt wurden. Sein politisches Leben innerhalb der sozialistischen und kommunistischen Parteien Italiens in der ersten Hälfte des 20. Jahrhunderts war geprägt von politischen Grabenkämpfen zwischen links und ultralinks, Einmischungen von russischen Kommunisten wie Lenin. Es stand zugleich unter dem Stern des wachsenden Drucks durch die faschistische Partei Mussolinis, deren Macht er früh erkannte und gegen die er mit aller Macht vorgehen wollte, nicht nur als Kommunist, sondern auch als Demokrat.

„Das italienische Volk kämpft in diesem Augenblick nicht für die Diktatur des Proletariats, sondern für die Demokratie. Wer das nicht versteht, versteht nicht die Bedeutung der Ereignisse, die sich vor unseren Augen abspielen“

Was zeigt: Seine politische Theorie musste, um sich unter diesen Bedingungen zumindest irgendwie zu behaupten, zugleich transformativ und selbstbehauptend sein.

Gerade deshalb ist es naheliegend zu glauben, die dauerhaften Schwierigkeiten, die ihm als Theoretiker und später, eingesperrt im faschistischen Knast, hätten ihn wahrscheinlich langsam aber sicher zermürbt. Fiori legt vermutlich auch deshalb sein Hauptaugenmerk gerade darauf, zu zeigen, wie konsequent Gramsci gelebt hat. Dass er eben nicht eingeknickt ist.

Die Konsequenz des Antonio Gramsci

Gramsci wagte es etwa, als die Faschisten bereits einige politische Gegner ermordet hatten, sich 1925 im Parlament mit einer Rede gegen Mussolini zu stellen – die im Buch glücklicherweise zur Gänze im Wortlaut abgedruckt ist – und gab Mussolini, der beeindruckt von seinen rhetorischen Fähigkeiten war und ihm zu seiner Rede gegen seinen Faschismus „gratulieren“ wollte, anschließend im Abgeordnetenzimmer nicht die Hand.

„Gramsci war kein lautstarker Demagoge, seine Worte schienen direkt aus dem Kopf zu kommen, nicht aus der Kehle und aus den Lungen.“

Er verweigerte es auch, später im Gefägnis um ein Gnadengesuch zu bitten. Ein solches hätte ihm als Italiener/Sarde womöglich noch eine körperliche Freiheit und damit Gesundheit ermöglicht – doch es wären faschistisch geknechtete und überwachte Zustände gewesen. Weshalb er sich dagegen entschied.

Stattdessen hat er – und davon handelt das letzte, wohl herausragendste Drittel von Fioris Buch – seine Widerstandsenergie lieber gebündelt, unter den erschwerten Bedingungen fokussiert und in seine Gefängnishefte gesteckt. Dokumentiert ist die enorme psychische Anstrengung dieser Taten vor allem in seinen Briefen, an die Mutter und auch seine Frau (und Mutter seiner Kinder), die psychisch wohl schwerkranke, launische Giulia Schucht. Briefe, die momentan auch in einer eigenen Ausgabe im Berliner Argument Verlag erscheinen.

Gramsci transformierte in dieser Phase der härtesten politscher Unterdrückung seinen Widerstand in Theoriearbeit. Das fasziniert mich ungemein und ist mir ein wahres Vorbild. Es ist gelebte Praxis unter den praxisfeindlichsten, weil körperlich und geistig einschränkendsten Umständen.

Ein längeres Zitat Fioris erfasst wohl am besten, was mir an dieser Arbeitsweise des Gramscis so bedeutsam erscheint:

Grundlegend […] war Gramscis Überzeugung, dass eine Theorie, die nicht in die Praxis umgesetzt werden kann, nutzlose Abstraktion sei und dass politische Aktivität, die nicht von einer Theorie untermauert ist, erfolglos bleiben müsse. Hier wird schon die Tendenz zur »mäeutischen« oder sokratischen Methode sichtbar, die später für Gramsci so charakteristisch war. Nach dieser Methode war die Erziehung der Massen ein Prozess von Frage und Antwort und nicht bloß flammende Rhetorik von der Tribüne. (S. 142)

Was er erreichen wollte – und vielfach auch erreicht hat – ist verdichtetes Denken, das in Andenken an seine vielen Mitstreiter in der kommunistischen Partei (von denen Fiori auch viel erzählt) immer auch dialogfähig sein muss.

Viele Erinnerungen an Gramsci, die in dem Buch durch Fioris Fragen an seine Zeitgenossen wieder aufleben, kreisen um die Art und Weise, wie Gramsci immer – ob auf dem Land oder in Stadt, unter Polizeischutz oder in Freiheit in Sowjet-Russland – aufs intensivste mit jungen Kommunisten, aber auch Mitgliedern anderer Gruppierungen diskutiert hat. Im stillen Denken, in der Theorie, im Sprechen, im Bewegen und Handeln: überall war Gramsci praktizierend, selbstermächtigt lebendig.

Weshalb Fiori auch nichts über Gramscis Tod schreibt.

Der Philosoph stirbt in der Lebensbeschreibung den stillsten Tod, so konsequent still, dass der Fokus des Buches bis zum auf dem Leben liegen muss. Auf dem Leben eines Denkers, das eigentlich durchweg mit Steinen übersät war und durch eine schwere Krankheit dunkel gekrönt wurde – und der gerade dies als Anlass für eine positiv eingestellte, friedvolle, demütige Arbeit nahm.

Die Sozialisten dürfen nicht eine Ordnung durch eine andere ersetzen. Sie müssen die Ordnung an sich errichten. Die rechtliche Maxime, die sie verwirklichen wollen, heißt Möglichkeit der vollständigen Verwirklichung der eigenen Persönlichkeit für alle Staatsbürger.


Giuseppe Fioris Biografie „Das Leben des Antonio Gramsci“ umfasst 400 Seiten und ist für 24,99 Euro beim Rotbuch Verlag erhältlich.

Eine Übersicht über alle Beiträge rund um das Leseprojekt „Gramsci verteidigen“ finden sich hier.

2 Kommentare zu „Giuseppe Fiori: „Das Leben des Antonio Gramsci““

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