Gramsci begreifen: Der integrale Staat, universelle Theorie und das Individuum

Anfang des Monats habe ich mein Leseprojekt „Gramsci verteidigen“ mit drei ersten Beiträgen gestartet. Heute und morgen geht es in die zweite Runde, welche dann am Donnerstag abgeschlossen wird mit einem kleinen politikgeschichtlichen Exkurs, der die historischen Umstände von Gramscis Jugendjahren ein wenig erhellen soll.

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Zentrales Ziel dieser Etappe soll das sein, was bereits zu Beginn des Leseprojekts postuliert wurde und heute auch in der Überschrift steht: Ich will versuchen klarzustellen, wie Theorien von Antonio Gramsci bei aktuellen Problemstellungen helfen können – indem er als ein Philosoph und damit als universaler Denker angesehen wird, dessen Schriften nicht immer per se politisch festgelegt sind, aber immer Politik im Ganzen verständlich machen wollen.

Gramsci, Gleichheit, Humanismus

Das ist nötig, um die wichtigen und auch zutreffenden Analysen dieses Mannes aus den historischen Umständen seiner Zeit zu lösen und für zeitgenössische Politik(theorie) und ihre Kritik im Geiste der Gleichheit und des Humanismus fruchtbar zu machen.

Ich glaube, dass diesem Anliegen am besten geholfen ist, wenn ich neben einer (fortlaufenden) Erläuterung seines Begriffes von Philosophie der Praxis dabei heute auch den von ihm geprägten Begriff des „integralen Staates“ thematisiere.

Um zu diesem Thema hinzuführen, will ich vorab die Frage beantworten, warum ich persönlich überhaupt so viel Zeit damit verbringe, Gramsci zu lesen und seine Theorien zu überdenken. Das hat zunächst einen ganz banalen Grund: Ich bin von seiner Persönlichkeit, seinem Schreibstil, seiner Lebenshaltung fasziniert. Aber dazu erst morgen mehr, wenn ich über seine Biografie schreibe.

Die Schwelle zwischen Theorie und Praxis

Der zweite – und wichtigere – Grund liegt darin, dass seine Theorie ein ziemlich gutes Abbild meiner aktuellen Lebenssituation ist. Denn Gramsci hilft mir, die Schwelle zwischen Theorie und Praxis zu bedenken und sie immer häufiger in meinem politischer geworden Leben experimentierend zu überschreiten. Er unterstützt mich in meinem Anliegen, nicht mehr nur zu denken, sondern auch zu handeln.

Dazu passt eine kleine private Notiz: Ich war am vergangenen Samstag auf der Demonstration gegen den AfD-Bundesparteitag in Köln. Aus privatem Engagement heraus. Es war meine erste Teilnahme an einer Demo, ich hätte so etwas bis vor kurzem nie als eine Ausdrucksform meiner gesellschaftlichen Vorstellung verstanden.

Aber das hat sich geändert. Und ich glaube, das hat es getan, weil ich gemerkt habe, wie präsent Politik – oder, um noch besser in Gramsci überzuleiten – staatliche Entscheidungen in meinem Leben mittlerweile sind.

Ich kann mich nicht mehr abkapseln. Meine heile Welt des Lesens, der schönen Künste, der reinen Philosophie des Lebens, des Todes, der Wirklichkeit an sich – sie wurde und wird kontaminiert von früher absolut unglaubwürdigen Aussagen, die selbstverständlich falsch schienen, aber nun gesellschaftlich debattiert und sogar – meistens weit rechts – anerkannt werden, und sogar von Gesetzen, die immer näher an eine Beschränkung meiner Lebenswelt reichen.

Darum habe ich ja auch dieses Blogprojekt gestartet. Ein ziemlich egoistischer Grund, der sich aber schnell als kollektives Phänomen herausstellte. Viele Menschen machen sich ähnliche  Sorgen, spüren Unruhe, wie ich. Mit Buchbesprechungen, Interviews und Hinweisen auf Projekte will ich hier zeigen, wie verbreitet dieses Phänomen ist, heute und eben auch in der Geschichte, vor allem der des 20. Jahrhunderts.

Die Aktion und der integrale Staat

Antonio Gramsci hat mir eröffnet, dass ich mit diesen Aktionen bereits ein wichtiger Teil der Politik bin und Veränderungen wenn nicht schaffe, so doch womöglich vorbereite. Ich bin laut ihm, weil ich agiere, Teil des Staates – weil ich mit meinen Aussagen hier immer auch Forderungen erheben.

Gramsci meint (hier in den Worten der Herausgeber des meinen Überlegungen zugrunde liegenden Bandes „Gramsci lesen“ zitiert):

Auch die privaten Initiativen der Zivilgesellschaft sind Teil des Staates. Zur Zivilgesellschaft gehören etwa Wirtschaftsverbände, Gewerkschaften und Interessenverbände, aber auch Medien, kulturelle Initiativen, politische Vereine und Nichtregierungsorganisationen. In der öffentlichen Auseinandersetzung wird um den gesellschaftlichen Konsens gestritten: welche politischen Vorstellungen, Forderungen und Werte als richtig oder normal anerkannt werden. Anders als im liberalen Verständnis ist Zivilgesellschaft für Gramsci kein neutraler Ort der Meinungsbildung durch freie Diskussion, sondern ein Kampfplatz. (S. 68f.)

Die zivile Gesellschaft ist ein Kampfplatz – und ich bin mit diesem Projekt mitten drin.

Gramsci zu lesen bedeutet für mich weiterhin, diesen Kampfplatz vorurteilsfrei sondieren zu können.

Dank seiner Theorie habe ich etwa die Möglichkeit, Teil eines gesamtgesellschaftlichen Kampfes gegen Rechts zu sein, aber auch zu merken, wann Gruppen oder Einzelpersonen, egal ob von links oder von rechts agierend, ob medial zu sehen oder in meinem direkten Umfeld, vereinfachende, populistische Rhetorik verwenden oder mit Aussagen schlicht und ergreifend falsch liegen. Ich kann auf einer Anti-AfD-Demo mitlaufen, muss mich aber nicht umgekehrt von anderen Ideologien, etwa einer einfach gestrickten, sozialistischen oder einer anarchischen wie der bestimmter Teile der Antifa, bedrängt fühlen.

Erst das Individuum

Denn Antonio Gramsci ist – wie schon in meinem Beitrag zur organischen Intellektualität thematisiert wurde – das Individuum immer das erste Anliegen. Nicht das kommunistische Kollektiv, das als Masse daherkommt, sondern der Mensch, der selbständig und selbstermächtigt aktiv wird, bereit dazu, Bündnisse zu schließen, Debatten auszufechten und, wenn nötig, Kompromisse einzugehen ist.

Jemand, der gestalten kann anstatt bloß von Gesetzen und anderen eingreifenden Mächten gestaltet zu werden:

Jeder Mensch, insofern er aktiv, das heißt lebendig ist, trägt dazu bei, die gesellschaftliche Umgebung zu verändern, in der er sich entwickelt (bestimmte Merkmale von ihr zu verändern oder andere zu erhalten), ist also bestrebt, »Normen«, Lebens- und Verhaltensregeln aufzustellen (S. 86)

Das ist zwar ein wenig pathetisch, aber es stimmt. Die Umgebung, zu der ein solch aktiver, lebendiger Mensch seinen Beitrag leistet, ist das, was Gramsci zusammengedacht mit dem Menschen selbst den „integralen Staat“ nennt. Nicht „die da oben“ sind der Staat – auch nicht wenn versucht wird, sie durch (neurechte) Würdenträger zu ersetzen – sondern all das, was aktiv darunter ist und sich selbst als unabhängig von solchen Strukturen denken könnend begreift.

Es handelt sich dabei um einen Staatsbegriff, der den Menschen wieder praktisch werden lassen kann. Jede Handlung, die Veränderung herbeiführen will und das sich selbst begreiflich machen kann, wird durch ihn zur staatlich, allgemein ausagierten, praktischen Philosophie der eigenen Weltsicht. Theoretisch ausgebildet, kann der Einzelne in jedem einzelnen praktischen Akt universal wirken, wenn er es aus sich heraus, selbstermächtigt, tut.

Der einzelne Gesetzgeber – Das Gesetz des Kollektivs

Daraus entstehen, integral, also im Staat selbst, Strukturen mündiger, humaner Menschen, die auch ohne Politiker, im Dialog oder in der Diskussion, verpflichtende Gesetze für ihr Umfeld bestimmen können – moralisch, wirtschaftlich, kommunikativ – und so lebenswerte Systeme aufbauen:

Wenn jedermann Gesetzgeber im weitesten Sinne des Begriffs ist, bleibt jedermann auch dann Gesetzgeber, wenn er Leitlinien anderer akzeptiert, und indem er sie ausführt, kontrolliert er, ob auch die anderen sie ausführen, da er sie in ihrem Geist verstanden hat, verbreitet sie, indem er aus ihnen gleichsam Regelwerke für die besondere Anwendung auf begrenzte und besondere Lebensbereiche macht. (S. 87)

Ein Zitat aus Gramscis Überlegungen zur Staatsphilosophie von Niccolò Machiavelli, der zu Unrecht als despotischer, machtgeiler Philosoph verschrien ist. Darum auch ein Zitat, an dem ich abschließend noch einen weiteren Punkt klarstellen will: Gramsci ist – wie machtbesessene Denker der Neuen Rechten, die ihn und auch Machiavelli als Philosophen der Autorität sehen wollen – kein Theoretiker der Taktik für mehr Macht, um der Macht willen.

Gramsci ist ein Philosoph, der erstmal bloß zeigt, dass überall Macht im Spiel ist – und der einzelne Mensch sein alltägliches Denken als praktisches Philosophieren, als politschen Akt für ein besseres Weltverständnis verstehen muss, um solche Machtverhältnisse nicht unbedacht sein Leben beherrschen zu lassen.

Ob und wie er diese Form von bewusstem Handeln in seinem eigenen Leben realisieren wollte und wie ihn Widerstand gegen diese Haltung verändert hat, soll morgen im zweiten Beitrag der Etappe Thema sein, in dem ich mich mit Giuseppe Fioris Biografie „Das Leben des Antonio Gramsci“ auseinandersetzen werde.


Eine Übersicht über alle Beiträge rund um das Leseprojekt „Gramsci verteidigen“ finden sich hier.

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