Paul Geyer: „Von Dante zu Ionesco“

Endlich mal ein Buch, das zeigt, wie einflussreich die von mir so geliebte Literaturwissenschaft sein kann, was sie an Wirksamkeit vermag: Paul Geyer erzählt in „Von Dante zu Ionesco“ unter politischen Vorzeichen die Geschichte des modernen Menschen in Italien und Frankreich.

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Erster Ausgangspunkt ist dabei Dante. Über Petrarca, Boccaccio, Machiavelli, Ariost und Tasso führt er im ersten Band einer dreiteiligen Buchreihe (Band 2 und 3 stehen noch aus) den Leser durch die italienische Literatur des 14., 15., und 16. Jahrhunderts.

Sein Ziel, sein Wunsch dieses und der nächsten beiden Bände ist kein geringer: Eine neue, zeitgemäße Erzählung der Kulturgeschichte Europas, mit dem Fokus auf seine zwei Steckenpferde als Romanistikprofessor, Italien und Frankreich.

Was bedeutet: Keine bloße Geschichtsschreibung, vollgestopft mit Fakten, sondern ein lebendiges Erstehenlassen, ein Zeigen auf Altes, um Bahnen für Neues zu schlagen.

Er schreibt, erzählt auch tatsächlich unheimlich lebendig – mit Begeisterung, aber nicht einfach nur aus Begeisterung: Seine Ausführung sind nicht nur gelehrsam, er kann auch kraftvoll lehren.

Geyer ist sich, das ist damit klar, der Verantwortung, die in der Entscheidung für sein Projekt liegt, absolut und an jeder Stelle bewusst. Er weiß, wie wichtig es ist, Europa spannend zu erzählen und somit wertvoll zu machen.

Was das Vorwort zu einer der beeindruckendsten Stellen des Buches macht.

In ihm legt er eloquent und kompakt den Sinn des Unterfangens dar, ein Unterfangen in einer Zeit, in der produktive Erinnerungskultur immer mehr überlagert wird von falscher Sentimentalität, die ins Totale, Totalitäre geht, Besonderheiten und kulturelle Vielfalt auslöscht, gepredigt von immer einflussreicheren Politikern und sogenannten Intellektuellen, die diesen Einfluss nicht verdienen.

Geyers Alternative zum verzweifelten Weg in die Einseitigkeit ist – begrifflich auf einen Nenner reduziert – eine Besinnung auf den Unterschied zwischen dem Sentimentalen und dem Sentimentalischen.

Diese beiden Prototypen des menschlichen Seelenlebens eigenen sich gut, die verschiedenen emotionalen Herangehensweisen an unsere schwierige Gegenwart klar zu machen. Und es ist ganz klar, dass das Sentimentalische dabei den Vorrang vor dem Sentimentalen haben sollte.

Anders als der sentimentale Mensch, der sich mit seinem „Früher war alles besser“-Gerede in die Vergangenheit zurückwünscht, ist der sentimentalische nämlich ein melancholischer Vordenker. Ein Mensch, der das unfassbare Ganze seiner Geschichte angeht, um Neues zu produzieren, der Praxis übt, um Wertvolles wach zu halten.

Sein größter Vorteil: Er macht sich keine Illusionen. Er glaubt nicht daran, zur Natur zurückzukehren, die Welt als Ganzes direkt und für alle gleichermaßen sofort besser zu machen. Das, woran er jedoch glaubt, ist die Reflexion – die permanente Reflexion.

Sie stärkt ihn, was umso wichtiger ist in unsicheren Zeiten, bei ungewohnter Unruhe:

„Sentimentalisch ist, wer den historischen Ausdifferenzierungsprozess der europäischen Gesellschaften und des europäischen Bewusstseins seit dem Mittelalter – solidarisch – als Ganzes in den Blick nimmt und, den totalitären Tendenzen der Gegenwart zum Trotz, die Freiheits- und Kritikpotenziale der europäischen Kulturgeschichte wachhält. Das schwach autonome moderne Subjekt hat sich mit der kapitalistischen Konkurrenzgesellschaft herausgebildet, sich ihr dann zunehmend entfremdet, und heute droht der sich globalisierende, abstrakt gewordene Kapitalismus das moderne Subjekt zu liquidieren. Das kulturelle Gedächtnis Europas aber leistet Widerstand.“ (S. 14)

Dass ein Professor derart deutlich Position bezieht und Literaturwissenschaft zur politischen Widerstandswaffe des introvertierten Denkers macht, ist außergewöhnlich und bewundernswert. Vorbildhaft.

Geyer kann damit als ein Vertreter des immer rarer werdenden Typus eines öffentlichen Intellektuellen gelten, ein Begriff der in der vergangenen Woche hier erstmals Thema war. Er greift aus seinem Fachgebiet, ohne es wirklich zu verlassen, mit seinem Können gestaltend ein und versucht so, hinter seiner Arbeit eine positive, Einheit in der Vielheit stiftende gesellschaftliche Kraft walten zu lassen.

Und wie genau leistet das kulturelle Gedächtnis Europas nun seinen Widerstand?

Indem es den seiner eigenen Vielfältigkeit bewussten, abendländischen Menschen befähigt, kritisch zu denken. Denn Vielfalt darf nicht mit Unübersichtlichkeit verwechselt werden. Sie sollte viel lieber unendliche Möglichkeiten bedeuten – und birgt selbstredend genauso Gefahren:

Gekoppelt an die Freisetzung des Möglichkeitshorizonts erscheint […] die Erhöhung des Konflikt- und Kritikpotenzials. Eine nachmetaphysische Zivilisation befindet sich im permanenten (Macht-)Kampf um Selbstverwirklichungsmöglichkeiten, um Deutungshoheiten und um die Verfügung über Diskurspotenziale. Jede neu eröffnete Möglichkeit kultureller, zivilisatorischer und individueller Realisierung erzeugt auch die Möglichkeit ihrer Kritik – Kritik, die aber letztgültiger Kriterien entbehrt. (S. 12)

Das Wichtigste und eigentlich Politische an dieser Aussage liegt im letzten Teil des letzten Satzes. Geyer macht nochmal klar: Es geht in unserer Moderne nicht mehr zurück zur Natur, zur Einheit aller Menschen. Noch mehr: Letztgültige Kriterien zur Bewertung des Lebens überhaupt sind nicht mehr möglich. Das ist vielleicht unheimlich, aber nicht ausweglos.

Denn der Mensch, der diese Unmöglichkeit der Rückkehr zu einfachen Lösungswegen und klaren Weltbilder wahrhaben kann und/oder will, hat dennoch die Wahl: Entweder er verzweifelt daran – oder er nimmt es als Anlass, den Möglichkeitshorizont als Richtung seiner Hoffnung anzuerkennen und die Welt als Herausforderung zu nehmen, um sie auf seine Weise zu gestalten, zumindest ein wenig zu ordnen.

Geyer entscheidet sich mit dem Rest des Buches fulminant für den zweiten Weg.

Damit nimmt er seine Leser an die Hand. Die wiederum dankbar dafür sein sollten: Mithilfe einer einzigartigen Reise durch die vielen Erzählungen einiger der bedeutendsten Schriftsteller der letzten 800 Jahre (für die kaum Vorwissen, dafür umso mehr Neugier nötig ist) ermächtigt er sie, schlussendlich stärker auf eigenen Beinen zu stehen, und so eigenmächtig und selbstbewusst sowohl auf die Vergangenheit, als auch nach vorn schauen zu können. Wenig ist derzeit brauchbarer.


Der erste Band des dreibändigen Werks „Von Dante zu Ionesco“, verfasst von Prof. Dr. Paul Geyer, ist im Olms Verlag erschienen. Das Buch von 2013 umfasst 333 Seiten, beinhaltet 18 (sehenswerte) farbige Abbildungen und kann für 29 Euro hier bestellt werden. Erste Details zum zweiten Band über die französische Klassik, der dieses Jahr erscheinen soll, wurden mittlerweile auch bekanntgegeben.

1 Kommentar zu „Paul Geyer: „Von Dante zu Ionesco““

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