Vielseitig unentschieden: Richard Gerstl in der Frankfurter Schirn

Eine Ausstellung in der Frankfurter Schirn präsentiert noch bis zum 14. Mai 2017 das nahezu komplette Werk des Malers Richard Gerstl. Ich war am vergangenen Samstag da.

gerstl-schirn-2017

Künstler jeder Art sind immer zweierlei: Teil einer Gesellschaft und Inhaber eines Platzes am Rand dieser Gesellschaft. Von ihrem Umfeld sind sie Teil, um Dinge zu erfahren, erleben zu können – und randständig, um all das künstlerisch zu verarbeiten.

Wenn nun in Frankfurt die erste deutsche Retrospektive des recht schmalen Werks von Richard Gerstl, der sich 1908 mit nur 25 Jahren das Leben nahm, neben einem Publikumsmagneten wie einer Ausstellung mit Gemälden von René Magritte hängt, hat das einen Effekt, der diese Zweiteilung des Künstlerlebens noch einmal im Museum abbildet.

Heißt: Die Magritte-Ausstellung war brechend voll – bei Gerstl hingegen war genug Zeit, um ungestört drei Bilder nebeneinander zu betrachten, ohne dass jemand ins Blickfeld lief. Der eine Künstler war mittendrin in der Aufmerksamkeit, der andere nur am Rand des großen Kunstzirkus, selbst auf so großer Bühne.

Was ich auch verstehen kann: Auch mich begeistert Magritte. Aber nicht nur.

Weshalb ich mich entschieden habe, hier, gerade weil ich beide Ausstellungen gleichermaßen empfehlen kann, ausschließlich für eine Beschäftigung mit den Gemälden von Richard Gerstl werben will. Denn wenn es etwas gibt, das mich ohne Übertreibung direkt mit seinem Werk verbindet, dann ist es sein Hang zu Neugewichtung.

Er war jemand, der offen zeigte, dass er zwar wusste was er wollte, aber nicht wusste, was er vom Malen wollte. Produktiv ohne Gnade ist Gerstl ein Maler des Willens.

Das heißt nicht, dass er ausschließlich impulsiv, ohne Planung oder ohne Konsequenz gearbeitet hat. Er wollte nur immer wieder anderes. Sogar innerhalb eines Bildes. Seine Stile wechseln wild, unvorhersehbar, aber nicht grausam oder schockierend.

Das führt zu verworrenen, fragmentierten, teils lasch, teils erheblich detailliert gemalten Portraits und Landschaften. Und vor allem zu einer Fülle unterschiedlicher Selbstbildnisse, die Kronen seines Schaffens.

Nicht nur ist Gerstl auf ihnen manchmal wie ein Heiliger, manchmal entblößt wie vor ihm niemand, machmal lachend, manchmal ernst zu sehen – auch hinter ihm ist die Welt niemals dieselbe. Mal steht da ein Ofen, mal eine gruselige Halbgestalt.

Immer wird man gepackt, immer verwirrt, aber nie von einem roten Lebensfaden gelassen, der zeigt, dass Gerstl nichts anderes hätte tun können als Malen. Kurz: Ein Werk der konsequenten Verzweiflung, das sich lohnt.


Der Katalog zur Ausstellung in Frankfurt enthält neben mehreren Essays zu Leben und Werk von Richard Gerstl das Gesamtwerk des Künstlers als Abbildungen. Er ist im Hirmer Verlag erschienen und kostet an der Kasse des Museums 32 Euro. Sonst beläuft sich der Preis auf 45 Euro. Zu diesem ist der Band auch auf der Webseite der SCHIRN Kunsthalle bestellbar.

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