Szilárd Borbély: „Kafkas Sohn“

Kaum ein Schrifstellerleben hat der Nachwelt so viele Rätsel aufgegeben wie das von Franz Kafka. Umso mehr Versuche – biografische, filmische, literarische – gibt es, dieses Leben zu dekodieren.

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Ein Wust an Spekulation, Hineindenken, Romantisierung und Mythologie. Schwierig, dem etwas Substantielles hinzuzufügen – und dennoch klappt es hin und wieder. So zu entdecken in Szilárd Borbélys „Kafkas Sohn“.

In Fachkreisen gilt der 1964 geborene Borbély schon länger als die wichtigste literarische Stimme Ungarns der Gegenwart nach Nobelpreisträger Imre Kertesz. Vor knapp drei Jahren publizierte der Suhrkamp Verlag die erste deutsche Übersetzung eines seiner vielen Bücher, des Romans „Die Mittellosen“. Das Buch gibt es mittlerweile auch als Taschenbuch.

Zuvor gab es nur eine einzige weitere Gemeinschaftspublikation im deutschsprachigen Raum, ein Bändchen mit ungarischen Gedichten Borbélys zusammen mit deutschen des Österreichers Michael Donhauser, 2009 im Kortina Verlag Wien erschienen, heute nicht mehr aufzutreiben.

Am 19. Februar 2014 nahm sich Borbély das Leben. Einige Monate vorher, im Herbst 2013, schrieb er seinem ungarischen Verleger, ein neues Buch sei fertig, er würde es ihm bald schicken.

Dieses Buch hat der Verleger nie erhalten – doch mutmaßliche Teile, große Teile von ihm wurden in Borbélys Nachlass entdeckt. Die Manuskripte drehen sich um einen Mann: Franz Kafka, dessen Roman Der Prozess Borbély als Jugendlicher verschlungen und der ihn tief beeindruckt hatte. Suhrkamp hat sich nun entschlossen, dieses Nachlassmanuskript als zweite deutsche Veröffentlichung des Autors übersetzen und herausgeben zu lassen.

„Alles Schreiben führt ins Nichts, vergessen Sie das niemals.“

Wobei hervorragende Arbeit geleistet wurde. „Kafkas Sohn“ ist ein beeindruckendes Zeugnis einer langen Auseinandersetzung mit dem Werk des vielleicht bedeutendsten deutschen Autors des 20. Jahrhunderts. Einer alles andere als oberflächlichen, einer sehr sensiblen und vor allem primär künstlerischen Auseinandersetzung, die angemessen frei mit ihrem Material umgeht.

Ansonsten hätte es das Buch bei kritischen Kafkalesern auch sehr schwer gehabt. Denn es befasst sich hauptsächlich mit einem der meist diskutierten, aber auch genauso oft verdammten Bereiche der Forschung zu Kafkas Leben: mit der Beziehung zu seinem Vater.

Die Vaterfokussiertheit weiter Teile der Kafkaforschung ist berüchtigt. Kaum ein Interpret mit psychoanalytischem Hintergrund, der nicht zuerst Kafkas „Brief an den Vater“ auseinandergenommen hätte, kaum eine Biografie, in der der hünenhaften Gestalt des dominanten Familienoberhaupts keine fast schon übertrieben bedeutsame Rolle zugeschrieben wurde.

Was an sich nicht schlimm wäre, würden nur nicht viele derartigen Kritiker das ganze Werk Kafkas anschließend ausschließlich unter dem Stern der Vatermacht lesen. Eine Fahrlässigkeit, eine Vereinheitlichung eines ungemein vielfältigen Schaffens, das sich nicht nur mit Familie, Einsamkeit, Religion oder gesellschaftlicher Isolation der Juden befasst hat – sondern immer auch mit allem zusammen, der menschlichen Existenz als solcher.

Großartig ist: Genau an dieser Schnittstelle zwischen Vaterobsession und Weltschmerzfähigkeit erspielt sich Borbélys Buch seinen Rang. Die Miniaturen, aus denen es aufgebaut ist, mit eingesprengten Zitaten aus Briefen Kafkas an seine Geliebte Felice, drei kleinen Fotos und vielen Anekdoten und Fabeln, fungieren dazu als eine Emanzipation des Vaters Kafka aus der eindimensionalen Rolle des machtbesessenen, bedrohlichen Machthabers über Kafka. Borbély zeigt nicht einfach Franz Kafkas Einsamkeit – er zeigt die Einsamkeit Franz Kafkas mithilfe einer behutsamen, aber intensiven Einfühlung in die Einsamkeit seines Vaters.

Es ist ein zutiefst empathisches Buch. Es zeigt etwas, das bei der zutiefst tragischen Lebensgeschichte von Franz Kafka, der als Jude, als Familienmann und – in seinen Augen – auch als schreibender Mensch scheiterte, schnell vergessen wird: Mitleid mit seinem Umfeld.

„Alles, was wir besitzen, kann nur im Licht der unermesslichen Verluste gesehen werden, die uns treffen.“

Mitleid mit seinem Vater, dessen fiktive Briefe aus der Feder Borbélys berühren, aber ohne falsches Pathos. Sie sind ehrlich. Mitleid auch mit Prag, das durch Borbély von Kafkas Leben zwar melancholisch wird, es aber auch ohne ihn ist. Prag wird gezeigt als eine menschliche, durch eine lange Geschichte vielschichtig geprägte Stadt, nicht ein Supplement zum Mythos Kafka.

Und dann vermag Borbély auch noch von Gesellschaft zu reden, von menschlichem Beisammensein, durch die Linse auf einen Mann, dem dies so fremd wie vielleicht nichts anderes war. „Kafkas Sohn“ tut dies, indem es auf das Eine verweist, was seine Welt trotz all dem zusammengehalten hat: auf das Schreiben.

Es wird mit vielem parallelisiert: mit dem Erzählen von Fabeln, mit dem Erinnern, aber am eindrucksvollsten mit dem Handel und dem Geld.

„Feilschen ist der Verlust der Sprache und der Wechsel von Worten. Ich gebe dir ein Wort und du gibst mir dafür ein anderes.“

Dem Handel, den sein Vater als Geschäftsmann sein Leben widmete. Um sich selbst zu bereichern, sich so von seinem Vater abzusetzen und seinem Sohn Franz ein sorgloseres Leben zu ermöglichen.

Dann sieht er aber gerade dies scheitern – und scheitert damit an allem, was er je geglaubt hat.

Sich selbst zum Teil darin wieder zu erkennen, in der Poesie dieses Scheiterns, am Leben und am Schreiben des Lebens – von Kafka und seinem Vater, vom Vater und Kafkas Sohn – ist das unheimlich einfühlsame, in der Einfachheit der Sprache etwas versteckte Verdienst Borbélys und diesem seinen zwar unvollendet gebliebenen aber dennoch ziemlich vollkommenen Buchs.


„Kafkas Sohn“ von Szilárd Borbély ist ihm Suhrkamp Verlag erschienen, umfasst 200 Seiten und kann hier bestellt werden.

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