Vertrauen und Intellekt

Ein paar erste Gedanken zu einer These über den Verlust an öffentlichen Intellektuellen.

Der Kolumnist David Brooks hat für die New York Times einen kritischen Kommentar zu einem Buch geschrieben, das am 25. Mai auf Englisch erscheinen wird und mich sehr neugierig gemacht hat: „Ideas Industry – How Pessimists, Partisans, and Plutocrats are Transforming the Marketplace of Ideas“ von Daniel Drezner, einem US-amerikanischen Politikprofessor.

Gepackt hatte mich am Artikel zuallererst das eindrucksvolle Aufmacherbild des Artikels: Kleine Schuljungen, vor einem Graffiti mit dem Konterfei von Antonio Gramsci stehend.

Gramsci, der hier die letzte Woche dominiert hat, wird im Beitragsverlauf von Brooks auch aufgegriffen. Vor allem geht es ihm dann um Gramscis öffentliche Position als Intellektueller.

Seine marxistischen Ideen, so Brooks nach Drezner, waren für Gramsci noch unumstößlich. Er hatte einen klaren Zugriff auf die Welt, aber keinen einseitigen. So stand er zugleich für ein konservatives Bildungssystem ein, für den Unterricht klassischer Sprachen, für eine tiefgreifende Erziehung. Kurz: Er war ein Intellektueller im Sinn des 20. Jahrhunderts – ausgestattet mit einer Theorie, nicht scheu um seine Meinung, umfassend gebildet und politisch vor allem resistent, aber nicht fixiert.

„The 20th century held up intellectuals like that, and then discredited them — too many were too wrong about communism and fascism.“

Drezners Buch zeichnet den von ihm postulierten Niedergang dieses Typus von öffentlicher Intelligenz im 21. Jahrhundert nach. Öffentliche Intellektuelle würden, so die These, immer mehr durch „thought leaders“, Menschen mit einem einzigen bestimmten Leitgedanken, verdrängt werden. Ein Beispiel: Al Gore und seine Vision von der Rettung der Welt vor dem Klimawandel.

Mit solchen Visionen geht aber eine andere verloren: die Vision eines tiefgreifenden, umfassenden intellektuellen Denkens, das Überzeitliches in den Blick nimmt. Denn nicht alles im Leben ist Tagespolitik.

[W]e’ve probably over-adjusted, and deprived a generation of a vision of the heroic intellectual. It’s good to have people who think about North Korean disarmament. But politics is most real at a more essential level.

Natürlich ist diese These der Gestalt, die ich mir für mein Projekt und den damit verbundenen Versuch, die Welt zu fassen wünsche, eng verbunden.

Ich bin jemand, der sich nicht mit einem Spezialgebiet zufriedenstellen lässt. Denn ab einem bestimmten Punkt geht es bei jedem Thema (vorerst) nicht mehr weiter, ohne dass eine Weltfremdheit sich einstellt. Wer zu lange nur für sich philosophiert, vernachlässigt die Praxis, das Tun – und somit einen entscheidenden Teil des Lebens.

Neugier geht mir zurzeit vor einzigartiger Kenntnis. Was aber nicht heißt, dass mir mehr Wissen um ein Thema fremd erscheint. Ich will aber zunächst, so gut es geht, selbst entscheiden können, was ich wissen kann und gerade wissen will.

Das bringt mich nämlich in eine neuartige Verantwortung, gerade wenn ich mit Rückgriff auf erworbenes Wissen öffentliche Aussagen tätige. Und (jetzige wie potentiell zukünftige) Leser darauf vertrauen, dass ich mir dieser Verantwortung gewissenhaft umgehe.

Ich versuche jeden Tag, das zu tun – aber eben nicht, um „thought leader“ zu sein. Denn – und hier wäre falsche Bescheidenheit der These zuliebe wohl unangebracht – ich bin zu intellektuell, um zu glauben, das eine einzige Idee heutzutage die Welt grundlegend beeinflussen kann. Die Verantwortung, mit der ich lernen will umzugehen, ist die eines öffentlichen Intellektuellen, der eingreift und umformiert, neue Perspektiven schafft – ein Bild, das mir erstrebenswerter vor Augen tritt als das eines messianischen Führers mit einer einzigen, unflexiblen Vision.

1 Kommentar zu „Vertrauen und Intellekt“

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