Chemische Waffen

Die Angriffe vor einer Woche Dienstag in Syrien, bei denen mit chemischen Waffen Zivilisten ums Leben gekommen sind, haben mich auf eine neue Weise sprachlos gemacht. Dann habe ich versucht, zu verstehen, was der direkte Rückschlag durch die USA weltpolitisch bedeuten könnte. Aber ich konnte es nicht.

Folgender Kontext: Vor ein paar Wochen habe ich versucht zu beschreiben, was der Unterschied zwischen Normalität und Selbstverständlichkeit ist.

Was ich damit zeigen wollte war, dass wenn einzelne Menschen oder auch eine Gesellschaft etwas als selbstverständlich ansehen, es nicht mehr wirklich zur Sprache kommt. Erst wenn über einen Sachverhalt diskutiert wird, der zur Norm werden könnte oder sollte, findet Diskussion mit gegenüberliegenden Positionen statt. Weil dann etwas zur Debatte steht, bei dem nicht alle einer Meinung sind. Der Unterschied bedeutet kompakt: Eine Norm wird anerkannt, eine Selbstverständlichkeit ist einfach selbstverständlich.

Was in Syrien geschehen ist, hat mir gezeigt, dass diese Teilung aber nicht immer so einfach ist. Denn die Geschehnisse haben mich fühlen lassen, dass es nicht nur eine Form von Selbstverständlichkeit gibt. Selbstverständlichkeit hat unterschiedliche Level von Intensitätund Giftgasangriffe wie dieser drehen die Leistung dieser Intensität bis ins Unerträgliche auf.

Anders gesagt: Es ist selbstverständlich, nicht vor einem kleinen Kind bei rot über die Ampel zu gehen. Es ist selbstverständlicher, es nicht mit tödlichen Gasen zu vergiften.

Dieser Vergleich, jeder muss es eigentlich spüren, ist durch die Intensität der letzteren Selbstverständlichkeit schon fast schon ein Affront in sich. Denn wie kann eine solche Tat überhaupt mit etwas anderem verglichen werden?

Ja, wie kann sie verglichen werden? Darf man überhaupt irgendetwas mit ihr vergleichen? Kommt man sich dann nicht immer schon herablassend, zynisch, egoistisch, weinerlich, arrogant vor?

Diese Fragen schwirren mir seitdem im Kopf herum. Denn sie zeugen von einem großen Problem.

Sie zeigen nämlich – und das ist eigentlich keine neue Erkenntnis –, dass diese unmenschlichen Angriffe so brutal waren, dass sie unvergleichlich sind. Und wenn ich jetzt sagen würde, der Holocaust war noch schlimmer oder Trumps anschließendes Bombardement einer syrischen Militärbasis eine überzogene Reaktion, dann würde die menschliche Intensität der Selbstverständlichkeit keinen solchen Vergleich als einen gerechten Vergleich zulassen.

Und jetzt kommt die Crux: Das ist auch richtig so. Solche Angriffe sind mit nichts zu vergleichen. Sie sind einfach nur grausam.

Was sie aber genauso nicht sind, sind Rechtfertigungsgründe für Vergeltung. Denn Vergeltung ist gleichbedeutend mit Abrechnung, Zurückzahlung eines verlorenen Wertes. Ist das Leben unschuldiger Menschen etwas, das für immer verloren ist und von unermesslichem Wert, dann kann es nicht vergolten werden.

Was für mich heißt: Der US-amerikanische Angriff in Reaktion auf die Verwendung chemischer Waffen war, wenn er aus Gründen der Vergeltung geschah, ein Angriff ohne Rechtfertigung. Er kann nicht „als gerecht gefertigt“ werden, mit keiner rhetorischen Strategie. Worte machen Leben niemals wett. Denn sie haben nichts mit dem zu tun, was sie vergelten oder disziplinieren sollen.

Sobald ein Level von Selbstverständlichkeit über eine politische Handlung in einer Intensität wie der, die diese Gasangriffe ausgelöst haben, erreicht ist, kann keine politische Maßnahme mehr eine gerechte Veränderung hervorrufen. Denn sie würde in einen Raum ohne Maßstab, ohne Abgrenzung von gerechteren oder ungerechteren Aktionen hineinrufen, aus dem kein Echo erschallen wird. Der unschuldige und dennoch gewaltsame Tod schluckt alles.

Mal ganz davon abgesehen, dass sowohl Assad als auch Trump als auch Putin Mörder sind und der Akt des Tötens an sich bereits unvergleichlich ist.

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