Gramsci bestimmen: Sein Leben in Grundzügen und sein Strukturbegriff

Das Gramsci-Leseprojekt geht in die dritte und letzte Runde in dieser Woche: Nachdem ich mich im ersten Hauptteilein wenig an Gramscis Gefängnishefte herangetastet habe, sollen heute erstmals kurz seine Biografie und dann die Kernbegriffe Struktur und Superstruktur im Zentrum der Aufmerksamkeit stehen.

Helfen soll mir dabei heute vor allem Wolfram Kleins Buch „Antonio Gramsci. Seine politischen Ideen“.

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Dieses bietet zu Beginn einen kompakten Überblick über Gramscis Leben. Sein Leben soll in einer baldigen Fortsetzung anhand einer längeren Biografie genauer besprochen werden –  an dieser Stelle reichen aber ein paar kurze Fakten, die Kleins sehr kompakte Studie gut aufzeigt und mit geschichtlichen Ereignissen von Gramscis Heimatland Italien verbindet.

Gramscis Biografie, ganz kondensiert:

  • Geboren am 22. Januar 1891 auf Sardinien
  • Ab 1911 Studium, ab 1913 Mitglied der Sozialistischen Partei (PSI)
  • 1919: Beitritt der Sozialistischen Partei zur Kommunistischen Internationalen; Gramsci ist Mitbegründer der Zeitschrift L’Ordine Nuovo
  • 1921: Abspaltung der Kommunistischen Partei Italiens (PCI) von der PSI, Gramsci wird Mitglied der PCI
  • Ab da intensiver Kampf für eine einheitliche internationale kommunistische Partei
  • 1922: Reise nach Moskau
  • 8. November 1925: Verhaftung durch die Mussolini-Regierung
  • Acht Jahre Gefängnis, ab November 1933 in der Krankenabteilung
  • Ab 1934 dann Arrest, Freilassung am 21. April 1937
  • Gestorben am 27. April 1937 an einer Hirnblutung

Als Antonio Gramsci geboren wurde, war Karl Marx keine zehn Jahre tot. Marx hatte mit seiner Kritik des Kapitalismus die Theorie der Arbeit und der Staatssysteme entworfen, mit der sich Gramsci in seinem Leben hauptsächlich beschäftigen sollte.

Er, Gramsci, nahm diese Theorie nicht einfach blind auf, sondern dachte sie neu, indem er ihren Fokus verlagerte, um die politischen Entwicklungen Italiens zu analysieren. Er tat dies insbesondere, um auf ein spezifisches Verständnis von Kultur hinzuweisen: Gramsci hat in seinen Schriften immer wieder betont, dass unterschiedliche Klassen nicht nur auf dem Feld der Politik versuchen, die Macht über so viele Menschen und Gesellschaftsbereiche zu erhalten, sondern auch auf dem Feld der Kultur.

Heißt: Wer mehr Menschen von bestimmten kulturellen Grundwerten des Lebens überzeugen kann, wer darin führend ist, wie Gramsci sagt, ist auch politisch vorherrschend. Gramsci setzt deshalb die Akteure, Gruppen und Institutionen, die zu einem bestimmten Zeitpunkt diese Führung und damit politische Herrschaft innehaben, mit dem Staat gleich.

Darin unterscheidet er sich, wie Wolfram Klein in seiner Studie zeigt, in einem entscheidenen Punkt von Karl Marx. Diesen Unterschied möchte ich mir nun etwas genauer ansehen.

Marx stellte in seiner „Kritik der politischen Ökonomie“ und auch im „Kapital“ eine grundlegende Trennung auf: die zwischen Basis und Überbau. In seinen Augen konstituiert sich eine Gesellschaft aus einem Bereich, der die ökonomischen Verhältnisse bestimmt – der Basis – und einem, der diese rechtlich und politisch organisiert: dem staatlichen Überbau.

Die kulturellen Eigenschaften des Menschen sind hier zunächst ausgeklammert. Marx stellt sie separat auf und bezeichnet sie als „Bewußtseinsformen“ der Gesellschaft. In der Religion, der Philosophie, der Kunst, kann sich die Gesellschaft ihrer eigenen Struktur von Basis und Überbau auf verschiedene Weise bewusst werden.

Gramsci war der Überzeugung, dass aber auch in diesen Bereichen Einfluss auf die Menschen ausgeübt und somit eine Stärkung des alten oder Aufbau eines neuen Staatsapparats forciert werden kann – letzteres taten (und tun heute wieder) faschistische Gruppiereungen. Wenn Vertreter von Institutionen oder Parteien die Kultur auf diese Art und Weise bestimmen, weiten sie in seinen Augen ihren Einfluss als Staat bereits aus. Klein bezeichnet dies als einen „weiten Begriff von Staat“.

Struktur und Superstruktur

Dieser weite Begriff spiegelt sich vor allem in einer neuen Trennung Gramscis wieder: der zwischen Struktur und Superstruktur. Ihre italienische Übersetzung in „struttura – superstruttura“ wird in klassischer Literatur über Marx auch als Übersetzung von Basis und Überbau verwendet. Gramscis Neudeutung ihrer Anwendung hat aber dazu geführt, dass sie auch im Deutschen jetzt mit „Struktur“ und „Superstruktur“ wiedergegeben werden – ein kleiner, aber feiner Unterschied, auf den Klein zurecht mehrfach hinweist.

Denn natürlich verlagert er die Ausrichtung von Gramscis kompletter Theorie. Eine Superstruktur setzt sich nämlich als eine Art Mega-Struktur aus vielen Strukturteilen zusammen, die aber auch für sich stehen können. Sie organisiert die Strukturen nicht nur wie der Überbau, sondern ist aus ihnen entstanden. Und eine einzelne Struktur muss nicht unbedingt eine Basis von etwas größerem sein.

Wie stehen sie nun dann in Relation zueinander? Dazu jetzt Gramsci selbst, mit einem Beispiel für eine Superstruktur, von dem auch viele Intellektuellen, um die es ja gestern ging, Teil sind:

Das wissenschaftliche Denken ist eine Superstruktur, welche die wissenschaftlichen Instrumente hervorbringt […]. (Gramsci lesen, S. 42)

Hier ist ein marxistisches Element trotz der neuen Begriffe vorhanden: Die größere Struktur (bei Marx der Überbau) ist in der Lage etwas zu produzieren, was ihre Macht sichert, hier die wissenschaftlichen Instrumente.

Wie sie in einzelnen Teilen des Wissenschaftsbetrieb, in bestimmten Formen wissenschaftlichen Denkens verwendet werden, ist damit aber noch nicht bestimmt. Es zeigt erstmal nur auf, wie Strukturen im Bereich der Wissenschaft andere beherrschen können. Auch weil sie nicht direkt gegnerische Klassen bestimmt, ist Gramscis Theorie der Strukturen daher zunächst ein kritisches Denken, um vorher unverständliche Zusammenhänge klar zu machen und allgemein darauf aufmerksam zu machen, wo politisches Interesse überhaupt entstehen kann.

Aber natürlich hat Gramsci die beiden Begriffe auch für eine Stärkung linker Politik genutzt – im folgenden Zitat zusammen mit einem weiteren Begriff, der der bereits gestern auftauchte und hier noch klarer wird:

Die Struktur und die Superstrukturen bilden einen »geschichtlichen Block«, das heißt, das komplexe und nicht übereinstimmende Ensemble der Superstrukturen ist der Reflex des Ensembles der gesellschaftlichen Produktionsverhältnisse. (S. 42)

Das ist zugegeben ein schwieriger Satz. Ich interpretiere ihn folgendermaßen: Spezifische Gesellschaftsstrukturen wie Arbeitsverhältnisse stehen in Relation zu größeren Zusammenhängen (Wissenschaft, Religion etc.), als einzelne Strukturen zu größeren Superstrukturen.

Einzelne Menschen oder zusammengehörige Gruppen sind in ihrer eigenen Haltung innerhalb der Geschichte immer in diesem doppelten Zusammenhang eingebunden: einmal direkt (Arbeit, Aktion etc) und einmal indirekt (Glaube, Rechtsverständnis etc.). Das nennt Gramsci „geschichtlichen Block“.

Solche „geschichtlichen Blöcke“ können zunächst mit jeder politischen Ausrichtung assoziiert werden. Doch Gramsci versucht sie vor allem revolutionär zu denken, also den geschichtlichen Block der Arbeiterklasse, die sich sowohl ihrer Arbeitsverhältnisse bewusst wird, als auch weiß, dass es viele unterschiedliche Superstrukturen, also auch unterschiedliche Arbeitergruppen mit unterschiedlichen Ideen und Vorstellungen gibt.

Gramsci versucht so eine Einheit der Arbeiter zu einem bestimmten Zeitpunkt (historischer Block) zu denken – obwohl die Gesellschaft seiner Zeit in so viele unterschiedliche Teilgruppen aufgespalten war, dass eine Einigung eigentlich unmöglich scheint. Gramsci trägt mit seiner Theorie einer Gesellschaft Rechnung, die aus vielen kleineren Gesellschaften besteht. Dies wird möglich, weil er sagt, dass es unterschiedliche Superstrukturen und nicht mehr nur einen Überbau gibt. Sie bestimmen nicht die gesamte Gesellschaft als etwas klar zweigeteiltes, sondern erkennen an, dass unterschiedliche Lebensbereiche auch unterschiedliche Strukturen haben.

Das Ziel ist daher also mit der Zeit die Superstrukturen einer revolutionären Gruppe in der Gesellschaft zu verbinden und eine revolutionäre Superstruktur hervorzubringen:

„Strukturen und Superstrukturen sind […] bei Gramsci nicht nur ein »räumliches« Modell, sondern es gibt auch eine »zeitliche« Komponente: In bestimmten Phasen beginnen revolutionäre Klassen oder Gruppen, eigene Superstrukturen hervorzubringen.“ (Klein, S. 69)

Die Möglichkeit dieser revolutionären Chance in Zusammenhang mit seiner kommunistischen Parteimitgliedschaft zeigen, dass Gramsci klar das Ziel hatte, seine Theorie der gesellschaftlichen Vielfältigkeit dem Ziel einer kommunistischen – und nicht rechts orientierten – Revolution nutzbar zu machen. Sein Weiterdenken von Marx‘ Theorie soll eines sein, dass den Arbeitern nutzt und sie ermächtigt, trotz einer schwierigen gesellschaftlichen Lage zu einer Einheit zu finden.

Es ist in Gramscis Zeit eben schwieriger geworden, die Gesellschaft verständlich zu machen – das mach seine Theorie aber gerade nützlicher, um die noch um vieles vielgestaltigere Gesellschaft unserer heutigen Gegenwart zu beschreiben. Deshalb lohnt es sich, so meine bisherige Ansicht, am meisten, ihn zu lesen.

Vor allem gilt dies für Leser, die in Bereichen tätig sind, in denen sich niemand von Beginn an als Arbeiter oder gar Angehöriger der Arbeitsklasse begreift: Strukturen aufzuzeigen funktioniert auch da – und könnte der erste Weg dazu sein, linke Ideen und ein Gefühl von Solidarität unter arbeitenden Menschen zu stärken, zunächst ganz gleich auf welche Art und Weise sie das tun – ob mit der Hand oder dem Kopf.

Darüber hinaus wird jeder Leser merken, wie kritisch Gramsci jeder Einseitigkeit – die er auch oft genug klar mit faschistischen Tendenzen in Verbindung bringt – gegenübersteht.

Eine wichtige Einsicht, die ich hoffe, ein wenig vermittelt zu haben. Damit endet nun auch die erste Etappe meiner Gramsci-Lektüre. Sie hat vor dem Hintergrund des Hauptkonzepts der kulturellen Hegemonie einige wichtige andere Begriffe Gramscis angerissen: Intellektualität, die Philosophie der Praxis, die Beziehung zwischen Strukturen und Superstrukturen und den revolutionär gedachten Begriff des geschichtlichen Blocks.

In ein paar Wochen werde ich dann die nächste Etappe beginnen. Sie soll weitere Begriffe aufschließen und so das System von Gramscis Denken sichtbarer machen, nachdem in diesen Tagen zunächst einzelne Facetten Thema waren. Dazu soll vor allem der Begriff des integralen Staates debattiert werden.

Aber jetzt brauche ich erstmal ein wenig Zeit zum Weiterlesen – und außerdem gibt es noch einige andere Dinge, über die ich reden will. Mit einem Artikel in eigener Sache soll daher morgen das Thema Gramsci fürs erste abgerundet werden.


„Antonio Gramsci. Seine politischen Ideen“ von Wolfram Klein ist im Manifest Verlag erschienen und kann dort auch für 8,90 Euro bestellt werden.

Das Buch „Gramsci lesen“ – mit Einführungen zu allen wichtigen Theorien Gramscis sowie einigen Hinweisen für mögliche Gramsci-Lesekreise – kostet 17 Euro und kann hier beim Argument Verlag bestellt werden.

1 Kommentar zu „Gramsci bestimmen: Sein Leben in Grundzügen und sein Strukturbegriff“

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