Gramsci lesen: Über Intellektualität und die Philosophie der Praxis

Nach der gestrigen Einleitung geht es jetzt also los: Mein Engagement für eine verstärkte Auseinandersetzung mit Antonio Gramsci – als Arbeit gegen Rechts.

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Es soll dabei direkt um Gramscis Hauptwerk, die Gefängnishefte gehen, die er 1929 nach zwei Jahren in faschistischer Haft begann und bis 1935, zwei Jahren vor seinem Tod im Jahr 1937 führte. Sie sind als kritische Gesamtausgabe in zehn Bänden im Argument Verlag erschienen und wurden unter der wissenschaftlichen Leitung von Prof. Dr. Klaus Bochmann und Prof. Dr. Wolfgang Fritz Haug herausgegeben.

Wie Giuseppe Fiori in seiner Biografie von Gramscis Leben – die nächste Woche ausführlicher Thema sein wird – auf Seite 323 beschreibt, sollten sie ursprünglich vier Teile beinhalten:

  1. eine Untersuchung über die italienischen Intellektuellen, ihre Ursprünge, ihre Gruppierungen entsprechend den verschiedenen kulturellen Strömungen, ihre verschiedenen Denkweisen;
  2. eine Studie über vergleichende Sprachwissenschaft;
  3. eine Studie über das Theater Pirandellos und über den Wandel des italienischen Theatergeschmacks, den Pirandello repräsentiert und mitbestimmt hat;
  4. ein Essay über den Trivialroman und den literarischen Geschmack des Volkes

Der vollständige Text, der aus dieser losen Ideensammlung entstand, umfasst in der Ausgabe heute ganze 3600 Seiten. 3600 Seiten, die zeigen, dass Gramsci von diesem Plan bald abwich. Zunächst übersetzte er nämlich in diese Hefte zur Sprachübung Texte aus dem Deutschen hinein und entwickelte dann einen erweiterten Arbeitsplan.

Dieser zeigte bereits, was die endgültigen Hefte, insgesamt 32 Stück, beinhalten sollten: Vielfältige Überlegungen über politische und gesellschaftliche Macht, Herrschaftsstrukturen, Intellektualität, Alltag, Bildung, Arbeitsverhältnisse wie etwa die des Fordismus, natürlich auch Literatur, etwa Dante, Guido Cavalcanti und Niccolò Machiavelli, aber auch vieles andere.

Eine Masse, die Scheu erregt – und (vielleicht) auch deshalb immer wieder auf einen Begriff heruntergebrochen wird: Kulturelle Hegemonie.

Ein Begriff, der zurzeit zu immer größerem Sprengstoff wird, weil er ein Konzept der gesellschaftlichen Machtergreifung beschreibt, das sich die sogenannte Neue Rechte auf die Fahne geschrieben hat.

So beschreibt etwa die Bundeszentrale für politische Bildung in ihrem Online-Glossar die intellektuellen Aktivitäten von rechten Denkern wie Götz Kubitschek, Martin Lichtmesz oder Marc Jongen mit diesem Kernbegriff im Zentrum wie folgt:

Die Neue Rechte bezieht sich auf autoritäre und elitäre Denker der „Konservativen Revolution“, die in der Weimarer Republik zu den antidemokratischen Kräften gehörten (zum Beispiel Ernst Jünger, Arthur Moeller van den Bruck, Carl Schmitt). Auch Theoretiker des Faschismus wie Julius Evola genießen in der Neuen Rechten hohes Ansehen. Daneben orientiert sich die Neue Rechte aber auch an linken Denkern, etwa dem italienischen Marxisten Antonio Gramsci, und verfolgt eine Strategie der „kulturellen Hegemonie“: Bevor Wahlerfolge rechtsextremer Parteien möglich sind, müssten deren ideologische Positionen durch Beeinflussung öffentlicher Debatten in der Gesellschaft verankert werden. Als erster Schritt auf dem Weg dahin wird das Prägen von Elitendiskursen angesehen, etwa durch publizistische Aktivitäten an der Grenze zwischen Konservatismus und Rechtsextremismus.

Diesem Trend, der auch immer häufiger als Metapolitik bezeichnet wird, muss in meinen Augen eine verstärkt antifaschistische Beschäftigung mit Antonio Gramsci entgegengesetzt werden.

Natürlich gibt es diese bereits in diversen Feldern, ich habe gestern mit meiner Linkliste darauf hingewiesen. Aber eine zusätzliche publizistische Aktivität für einen „linken Elitendiskurs“, der aber die Arbeiter nicht außen vor lässt, will ich der Debatte trotzdem nicht versagen und hiermit beginnen.

Das Ziel: Gramsci wieder lesen

Ich möchte mit meinem Gramsci-Projekt nicht das Gramsci-Rad neu erfinden, sondern mit meinen Beiträgen mehr Bewusstsein für die Wirkkraft dieser marxistisch inspririerten, aber keineswegs starr auf Kapitalismuskritik fixierten, sondern extrem vielseitigen Theorie schaffen.

Was ich, wie bereits gestern angedeutet, vor allem anregen möchte ist dabei, Gramsci wieder mehr im Original zu lesen. Wie immer in Zeiten des Überangebots gibt es viele Menschen, die mit Begriffen Gramscis um sich schmeißen – aber kaum jemand hat mehr als ein paar Sätze von ihm gelesen.

Als Einstieg empfehle ich jedem philosophie- und/oder politikinteressierten Leser deshalb, sich das Lesebuch „Gramsci lesen“ zuzulegen. Von Lia Becker, Mario Candeias, Janek Niggemann und Anne Steckner herausgegeben und hervorragend ediert, liefert es auf rund 350 Seiten essentielle Passagen aus den Gefängnisheften.

Wer es liest, hat nicht nur einen Überblick über alle wichtigen Begriffe Gramscis – von denen ich gleich zwei anreißen will –, sondern auch schon einen beachtlichen Teil der Gefängnishefte gelesen, nämlich knapp zehn Prozent.

Das ist ein erster Erfolg, anfangs ein Herantasten, im Laufe des Lesens dann bald schon ein kritisches Auseinandersetzen.

Um auch Lesern dieser Seite ohne das Buch in ihrer Hand den Zugang zu diesen Texten nicht zu versagen, will ich jetzt Gramsci selbst zu Wort kommen lassen und für diesen ersten Kontakt zwei seiner wichtigsten Themen anreißen: Die Intellektualität und das, was er Philosophie der Praxis nannte.

Intellektualität

Viele schreckt das Wort „intellektuell“ ab. Es riecht nach Elite, nach Leuten, die sich als was besseres fühlen. Gramsci arbeitet dagegen. Er ist dafür, dass sich jeder Mensch auch, aber niemand nur als intellektuell begreift. Denn:

„[I]n jeglicher körperlicher Arbeit, auch der mechanischsten und degradiertesten, ist ein Minimum an technischer Qualifikation vorhanden, das heißt ein Minimum an kreativer, intellektueller Tätigkeit“ (Gramsci lesen, S. 94)

Heißt: Alle Menschen sind Intellektuelle, weil sie sich beim Arbeiten – und jeder Mensch arbeitet irgendwie – Gedanken über sich selbst machen.

Sie sind aber auch immer sogenannte „organische Intellektuelle“. Das bedeutet, sie sind intellektuelles Organ der gesellschaftlichen Gruppe, der sie entstammen, etwa einer Glaubensgemeinschaft, einer Berufsform, einer Altersklasse.

Jede intellektuelle, also nachdenkende, kritische Äußerung, geschieht im Dienst eines bestimmten Gesellschaftsbereichs, dem die Intellektuellen eine Stimme verschaffen.

Aber, so Gramsci, diese Intellektuellen sind nicht „fair verteilt“. Es gibt Schichten, die mehr Intellektuelle hervorbringen als andere:

„Es haben sich Schichten gebildet, die traditionell Intellektuelle »produzieren«, und es sind dieselben, die sich gewöhnlich auf das »Sparen« spezialisiert haben, nämlich das grundbesitzende kleine und mittlere Bürgertum und einige Schichten des städtischen kleinen und mittleren Bürgertums“ (S. 96)

Manche gesellschaftliche Gruppen sind also durch ihre Intellektuellen machtvoller vertreten als andere – das oben beschriebene Konzept der kulturellen Hegemonie zeigt sich auch schon hier. In Gramscis Augen sind es die, die Geld sparen, also Kapital ansammeln. Arbeiter, die tendenziell eher von der Hand in den Mund leben, haben nicht die finanziellen Mittel, um sich ein Leben mit Zeit zum Nachdenken zu leisten.

Die Philosophie der Praxis

Gramsci findet: Dagegen sollte was getan werden. Aber was?

Sein Lösungsversuch: Eine Philosophie der Praxis zu beschreiben, eine Lebensform, die Intellektuelle und Arbeiter einander annähert. Damit greift er einen marxistischen Begriff auf.

Gramsci denkt Philosophie der Praxis, grob zusammengefasst, wie folgt: Der gemeinsame Nenner zwischen (linken!) organischen Intellektuellen und der Klasse der sie entstammen, der Arbeiterklasse, ist die Praxis, die Tat, die Aktion. Begreifen sich Intellektuelle und Arbeiter beide als aktiv, als arbeitend schaffend, führen sie ein ähnlicheres Leben.

Gesellschaftlich gedacht hätte so eine Haltung einen massenhaften Effekt: Wenn mehr Intellektuelle und Arbeiter – Gramsci nennt sich in Anführungszeichen auch »Einfache«, was nicht herablassend verstanden werden darf – in Kontakt treten, bilden sie eine größere Einheit. Und diese Einheit hätte die Macht, die Welt zu ändern:

„[D]ie Philosophie der Praxis strebt nicht danach, die »Einfachen« in ihrer primitiven Philosophie des Alltagsverstands zu belassen, sondern sie statt dessen zu einer höheren Lebensauffassung zu führen. Wenn sie das Erfordernis des Kontakts zwischen Intellektuellen und Einfachen bejaht, so geschieht das nicht, um die wissenschaftliche Aktivität einzuschränken und um eine Einheit auf dem niedrigen Niveau der Massen aufrechtzuerhalten, sondern gerade um einen moralisch-intellektuellen Block zu errichten, der einen massenhaften intellektuellen Fortschritt und nicht nur einen von spärlichen Intellektuellengruppen politisch möglich macht.“ (S. 122)

Gramscis Philosophie der Praxis will beiden, den Intellektuellen und den Arbeitern, helfen. Sie will die Arbeiter zu einem besseren Verständnis ihres Lebens führen, mehr Selbstbewusstsein und Macht über ihre Situation schaffen. Und die Intellektuellen will er kontaktfreudiger, offener machen, damit sie merken, dass und wie ihre Ideen wirken.

Das Ziel ist es, einen historischen Block zu schaffen, wie Gramsci es nennt. Damit ist ein in Bezug auf die führenden Werte und politischen Ansichten stabiler Gesellschaftsbereich, der in der Lage ist, in seiner besonderen geschichtlichen Lage geschlossen zu agieren.

Mit diesem ersten Kontakt wären in den Worten Gramscis meiner ersten Etappe bereits zwei wichtige Bereiche der Gesellschaft – ein Verständnis von Intelligenz und Intellektualität sowie eine allgemeine Lebenshaltung, die Menschen zusammenführen kann – angerissen worden.

Mir persönlich ist dabei wichtig zu betonen, dass Gramsci in weiten Teilen der Gefängnishefte nicht (nur) von Widerstand oder Revolution spricht. Er denkt vielmehr über Machtverhältnisse im allgemeinen nach und versucht, sie mit Begriffen wie „organische Intellektuelle“ neu zu denken.

Damit trägt er der Masse und dem Einzelnen gleichermaßen Rechnung. Denn er weiß: Ohne Selbstermächtigung, ohne ein Bewusstsein der eigenen Lage, tritt ein Mensch in einer großen Menge nicht für etwas ein, sondern geht unter.

Dazu abschließend noch ein längeres Zitat aus Gramscis gestern schon erwähnten Aufsatz „Sozialismus und Kultur“, der dies noch einmal unterstreichen und in seiner restlichen Eloquenz und Klarheit für sich selbst stehen soll:

Man muß sich abgewöhnen, die Kultur als enzyklopädisches Wissen zu begreifen, wobei der Mensch nur wie ein Gefäß betrachtet wird, das mit empirischen Daten und rohen, unzusammenhängenden Fakten anzufüllen ist […]. Diese Form der Kultur ist wahrhaft schädlich, besonders für das Proletariat. Die Folge davon sind verschrobene Leute, die sich der übrigen Menschheit überlegen dünken, weil sie in ihrem Gedächtnis eine gewisse Anzahl von Daten aufgehäuft haben, die sie bei jeder Gelegenheit vor sich herplappern, um so nachgerade eine Mauer zwischen sich und den anderen aufzurichten. […] Kultur ist etwas ganzes anderes. Sie ist Organisation, Disziplin des eigenen Ichs, Besitz der eigenen Persönlichkeit, Eroberung eines höheren Bewußtseins, mit dessen Hilfe es gelingt, den eigenen geschichtlichen Wert zu begreifen, die eigene Funktion im Leben, die eigenen Rechte und Pflichten. Aber all das kann nicht auf dem Wege spontaner Entwicklung erfolgen, durch willensunabhängige Aktionen und Reaktionen, wie in der Natur bei Pflanzen und Tieren, wo jedes einzelne, vom Gesetz der Dinge bestimmt, die eignen Organe unbewußt selektiert und spezifiziert. […] Der Mensch ist vor allem Geist, geschichtliche Schöpfung und nicht Natur.

Um zu dieser sehr differenzierten Ansicht von Kultur zu gelangen, hat sich Gramsci lang mit Marx auseinandergesetzt. Immer wieder muss dabei auch dessen Theorie von Basis und Überbau eine Rolle gespielt haben, den Verhältnissen zwischen Arbeit und staatlicher Organisation.

Um dieses Begriffspaar soll es als nächstes gehen. Gramsci hat es nämlich abgewandelt und spricht von Strukturen und Superstrukturen. Unter Zuhilfenahme des Buches „Antonio Gramsci. Seine politischen Ideen.“ von Wolfram Klein und erneut Original-Zitaten Gramscis will ich mich morgen damit auseinandersetzen und zeigen, wie er es versteht.

3 Kommentare zu „Gramsci lesen: Über Intellektualität und die Philosophie der Praxis“

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