Peter Weiss: „Dem Unerreichbaren auf der Spur“

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Kennt ihr auch dieses Gefühl, an der Komplexität der Welt zu verzweifeln? Wenn wir uns gefühlt „in einem Dickicht von Material befinden, das auf uns geladen wird und von dem wir teilweise gelähmt werden, […] und dass unser Wunsch bloß darin besteht, ein bisschen voranzukommen in diesem Dickicht, um eine Spur hinter uns und möglicherweise eine Öffnung vor uns zu sehen.“ (S. 238)

Peter Weiss kennt dieses Gefühl. Er schreibt dagegen an. So fordert er den Lesenden auf, dasselbe zu tun und Widerstand zu leisten. Die Texte in diesem Band schlagen auf der Suche nach einem Weg durchs Dickicht zumindest ein paar Breschen.

In „Dem Unerreichbaren auf der Spur“ sind chronologisch Essays und Aufsätze, sowie drei Interviews aus den Jahren 1950-80 versammelt, die von Gustav Landgren erstmalig aus dem Schwedischen übersetzt wurden. Das Buch nimmt den Lesenden mit auf eine Reise durch Weiss‘ Interessensgebiete: Den eindrucksvollen Beginn macht die Kurzerzählung Wiederholung, in der schon alle Themen angelegt sind. Die Beschreibung eines Bühnenspiels, das in seiner Form schon auf das Thema Film verweist, lässt zunächst an eine Rezension denken. Auf formaler Ebene lassen sich dann auch Themen wie die Kunst und die Frage nach Arten ihrer Vermittlung finden. Inhaltlich wendet sich der Text in eine politische Richtung und hat dabei auf eine erschütternde Art und Weise den Menschen im Zentrum.

„Als sie blutig am Boden liegen, hat das Bewusstsein der beiden Harlekine sie bereits verlassen. Sie sind bis in das Knochenmark, bis in ihre zerquetschten Knochen Mensch.“

Es folgt ein Potpourri aus Rezensionen, Essays und Zeitungsartikeln. Die frühen Texte setzen sich eher mit Kunst – vor allem mit dem Surrealismus, Samuel Beckett, Robert Musil und dem Film – auseinander, darauf folgt ab 1965 eine intensive öffentliche Auseinandersetzung mit dem Vietnam-Konflikt. Ist es dem Thema, der Plattform oder Weiss‘ Entschluss zum Widerstand geschuldet, dass die Worte hier dann oft polemisch und laut, die Ansichten stark, aber manchmal eindimensional und blind für andere Positionen wirken?

An dieser Stelle des Buches ist daher Hintergrundwissen zum Vietnam-Konflikt hilfreich, um beispielsweise in der Lage zu sein, Weiss prokommunistischen Standpunkt, der mit schweren Anklagen gegen die USA verbunden ist, einordnen und beurteilen zu können.

Am Ende hat man, wenn schon keine Anleitung zum Widerstand, so doch auf jeden Fall eine neue Lese- und Filmliste im Kopf. Nur wen es stört, Genaueres über die Handlung zu erfahren, sollte bei Rezensionen weiterblättern, nimmt Weiss doch des Öfteren auch den Schluss der Werke voraus.

Mit diesem Buch ist eine interessante Mischung gelungen. Einerseits ist es sicherlich ein Muss für Weiss-Liebhaber*innen und Menschen, die sich gerne mit politischen sowie kunsttheoretischen und -praktischen Fragen der zweiten Hälfte des 20. Jahrhunderts auseinandersetzen, andererseits bieten die Texte, durch ihre Kürze (die meisten unter 5 Seiten) auch die Möglichkeit einer ersten Annäherung an einen Autor, dessen Hauptwerk Ästhetik des Widerstands ja in manchen Ausgaben mehrere 1000 Seiten umfasst. Unabhängig von Inhalten bietet die Struktur und Form, sowie die Anordnung der Texte Raum für interessante Beobachtungen und Schlussfolgerung zur Entstehung seines Schreibstils.

So ist unser Alltag, gedankenarm und einförmig, bis wir plötzlich aufgerüttelt und vor ein übermenschliches Geschehen gestellt werden. Das merkwürdige an diesen Menschen ist, dass sie die gleichen sind wie früher, sie sind nicht stärker oder heroisch geworden, sie haben in der exponierten Situation nur plötzlich ein Gesicht bekommen. […] Diese Handvoll Menschen verkörpert eine ungeheure Macht, weil sie ihre grundlegenden Rechte verteidigt, ihre Freiheit. (S. 118ff.)

Zum Thema Widerstand findet der Lesende Annäherungen von vielen verschiedenen Seiten, sowie Parallelen zur heutigen Situation und kann an Weiss‘ Standpunkt aber genauso gut die Problematiken, die es schwierig machen, den linken Standpunkt in der Gesellschaft stärker zu verankern, erkennen.

Weiss fordert die Skeptischen, die sich abwägend zurückhalten und die leisen Stimmen, die „die Absurdität als künstlerischen Ausdruck [schätzen]“ auf, sich einzumischen: „Es genügt nicht ein Schild von Skeptizismus vor einen Konflikt zu halten, der unlösbar erscheint, der aber das Leben der einen Seite bedroht. Deswegen möchte ich gerne, dass du deinen Standpunkt verdeutlichst.“ (S. 160)

„Es gilt nur weiterzumachen. Es gilt nur die eigene Vision fortzusetzen. Lass sie möglichst nackt, intensiv und engagiert werden, möglichst verletzend gegen Zucht und Sittlichkeit!“

Die Motivation und Ideen, die Weiss zu seinen Texten brachten, werden dem Lesenden am Ende des Buches in fünf sehr guten Interviews näher gebracht. Sie runden die Lektüre ab und zeigen einen nachdenklicheren, strukturierteren Peter Weiss, sein Denken und seine eigenen Erfahrungen. Es ist, wie der Mensch selbst, ein Buch der Vielfalt.

Ich betrachte die Geschichte als eine unaufhörliche Reihe von Kollisionen zwischen Gegensätzen, und in diesem Spiel von Gegensätzen habe ich versucht, einen Weg für mich selbst zu finden oder für die Personen, die ich schildere. Aber auch die Linie, zu der man allmählich gelangt, ist gespalten und kompliziert. […] Ein Buch ist etwas sehr Offenes, Unabgeschlossenes, ähnlich wie meine Stücke es oft waren: Ich behandle ein Thema, einen Stoff und kann mir immer vorstellen, dass die Problematik dadurch erweitert wird, dass andere hinzukommen und sich äußern dürfen. (S. 237)


„Dem Unerreichbaren auf der Spur“ von Peter Weiss ist im Verbrecher Verlag erschienen, kostet 24€ und ist hier bestellbar.

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