Antanas Škėma: Das weiße Leintuch

Manchmal wird alles richtig gemacht, wie nebenbei. Antanas Škėmas Roman „Das weiße Leintuch“, in der Übersetzung von Claudia Sinnig im Guggolz Verlag erschienen, schenkt einem diesen Eindruck: wie ein leichter Windstoß, der vorüberweht.

skema-leintuch-klein

Es wird in diesem Buch erzählt, dann verdichtet, auf einmal nur noch gedichtet und schon wieder erzählt.

Mal wird geatmet, mal verprügelt. Dann taucht Friedrich Nietzsche auf, dann „Bernsteinkäfer, krabbelnd im Sand“ und schöne Frauen aus osteuropäischer Erinnerung.

Der litauische Autor Antanas Škėma, seit 1949 Exilant in den Staaten, zeigt in diesem Roman vor allem die USA, New York, Manhatten, ein Hotel mit Aufzug als Schauplatz. Darin ist immer auch Litauen präsent, nicht nur sein Heimatland, sondern auch das seines Helden, eines Liftboys, in dessen Notizbuch die Lüge über das Leben eines Dichters versteckt ist, der im Aufzug nach dem Wahren sucht, krank, einsam, verliebt, gebrochen. Die Lüge über seinen Drang nach Ruhm, den er hinter sich lassen will, weil er durch ihn vernichtet wurde. Und die Tatsache, dass er einen Mord begangen hat.

„Das weiße Leintuch“ erzählt von vielem – und in allem von einem: Dem Exil. Personifiziert durch ebenjenen Dichterhelden, den Aufzugshelfer Antanas Garšva, der wohl wiederum seinen Herrn, den Autor personifiziert.

Škėma sucht Antanas in Garšva, in einem Roman, der ein Versteckspiel vor der einheitlichen Form ist, ein Konglomerat aus Erinnerungen, Wünschen, platten Scherzen und abenteuerlichen Vergleichen. Ein Trümmerfeld, das so schön erscheint wie es eine ausgedrückte Zigarette nach einem wilden Liebesspiel am Stadtrand nur tun kann.

Ein Trümmerfeld auch von Leben, wie Garšvas durch einen sowjetischen Prügelknaben mit einem Brieföffner beiläufig zerspaltener Schädel, der ihm eine unheilbare Krankheit, hirnzerplatzende Anfälle bereitet.

Ein solches Leben ist nicht mehr zusammenzusetzen, schon gar nicht in einem fremden Land. Nur seine Träume können es, für eine Sekunde:

Die Trümmer berühren einander. Ich kann sie nicht zusammenfügen wie ein Kind, das Puzzle spielt: die Straße, das Flüsschen, Berge, ein Reh. Das Kind schnalzt mit der Zunge, und die Landschaft ist zusammengefügt.

Doch was bleibt sind immer nur Spiegelbilder des eigenen Wunsches. Masken, die Masken von Realität vortäuschen. Ein Vortäuschen.

Die gespiegelte Maske verlangte geradezu danach, abgenommen und zerknüllt zu werden.

Auch die schwerste Tragik passiert in diesem Buch am Rande. Der 1961 bei einem Autounfall um Leben gekommene Škėma macht seine Protagonisten zu Randständigen, die an der Scheidewand zwischen Welt und Worten horchen, die von der Poesie immer stärker nach innen gedrückt wird und sie in die Ecke drängt. Die sogar übersehen, wie drohend der Tod ist.

Was sie warm werden lässt. Weniger ernst, mehr im Automatismus des Arbeitsalltags eingespannt, ehrlicher liebend. Zufrieden. Wie das letzte Wort des Textes: „Gemütlich“.

Bestimmt werden kann an diesem großartig übersetzten Buch eigentlich nur sein Schweifen. Seine Umkreisungen um das Eigentliche des eigenen Lebens – als Versuch, nach dem Verlust von Sicherheit und Geborgenheit zuhause erst recht die Schönheit zu retten und nicht zu versinken.

Der Rest seiner Schönheit muss beim Lesen selbst bemerkt werden. Denn direkt berühren tut „Das weiße Leintuch“ nur hin und wieder, man überliest vieles Schöne, weil es alles so flüchtig ist. Doch gerade dadurch wird an dieser oder jener Stelle der Blick auf einmal scharf – und man beneidet Herrn Antanas Škėma für seine Wortgewaltigkeit, ein ums andere Mal.

Es wird mit diesem Buch ganz einfach zum Träumen verführt. Das, ohne dabei lächerlich zu wirken, schafft nur große Literatur.

Dazu passt auch das, was der litauische Regisseur und Schriftsteller Jonas Mekas in seinem knappen, enorm präzisen Nachwort schreibt. Er sagt, Škėmas Literatur würde sich vor allem durch eines auszeichnen: „Keine unnötigen Ornamente“.

Treffender kann dieser einzigartige Roman kaum beschrieben werden. Denn er ist oft ornamental – hat aber auch jedes seiner abgrundtiefen Ornamente bitter nötig.


„Das weiße Leintuch“, von Antanas Škėma zwischen 1952-1954 in New York geschrieben, umfasst 255 Seiten, wurde von Claudia Sinnig übersetzt und ist mit einem Nachwort von Jonas Mekas als Publikation aus dem Guggolz Verlag für 21 Euro erhältlich.

Es ist als makellos gestaltetes, gesetztes und gedrucktes Buch ein (weiterer) Beweis dafür, warum der Guggolz Verlag eines der faszinierendsten Verlagshäuser derzeit ist – und auf der Leipziger Buchmesse vor einer Woche zurecht mit dem Förderpreis der Kurt Wolff Stiftung ausgezeichnet wurde. Es sollte viel mehr Leser haben.

 

1 Kommentar zu „Antanas Škėma: Das weiße Leintuch“

Kommentar verfassen

Trage deine Daten unten ein oder klicke ein Icon um dich einzuloggen:

WordPress.com-Logo

Du kommentierst mit Deinem WordPress.com-Konto. Abmelden / Ändern )

Twitter-Bild

Du kommentierst mit Deinem Twitter-Konto. Abmelden / Ändern )

Facebook-Foto

Du kommentierst mit Deinem Facebook-Konto. Abmelden / Ändern )

Google+ Foto

Du kommentierst mit Deinem Google+-Konto. Abmelden / Ändern )

Verbinde mit %s