Lyrik/Barriere #2: Barthold Heinrich Brockes – „Das Metall“

Heute mal wieder ein Gedicht, damit es hier auch mal wieder etwas lyrischer zugeht.

Das Metall

Wer ſagt, daß nicht die Unter-Welt
Die obere beherrſcht, regieret?
Gab nicht der Erden Schooß, das Geld,
Das uͤberall den Zepter fuͤhret?

Was unſrer Erden Schlund gebar,
Das Erz, regiert die Zeit ſo gar.
Die Glocken heiſſen und befehlen,
Wenn wir bald dieß, bald jenes, thun:
Wenn wir erwachen, oder ruhn;
So muͤſſen wir die Glocken zaͤhlen.

Was uns um unſre Freyheit bringt,
Womit man uns beherrſcht und zwingt,
Sind Stuͤcke, Schwerter, und Piſtolen:
Den Stoff zu dieſem Mord-Gewehr
Giebt uns der Erden Jnnres her;
Man muß es aus der Tiefe hohlen.

Allein, was ſchmaͤhlen wir aufs Geld?
Was tadeln wir die Unter-Welt,
Daß ſie uns das Metall gewaͤhret?
Der Menſchen Bosheit bloß allein
Kann hier, nicht ſie, zu tadeln ſeyn,
Die den Gebrauch in Mißbrauch kehret;
Die, was die guͤtige Natur
Uns, im Metall, fuͤr Guts geſchenket,
Auf Ungluͤck und auf Plagen nur,
Zum allgemeinen Schaden, lenket.

“Erweget, was, in unſerm Leben,
“Fuͤr Gutes, durchs Metall, geſchicht!
“Das Boͤſe kann das Gute nicht,
“Und den Gebrauch kein Mißbrauch, heben.

 (von Barthold Heinrich Brockes, Quelle: Deutsches Textarchiv)

Ach, das Erz, das Geld… Alles Schwere, Glänzende, es ist verführerisch, es ist zum Greifen schön. Und es ist seit langem altbekannt.

Das Gedicht ist von 1746. Es wurde geschrieben von Barthold Heinrich Brockes, einem Hamburger Kaufmann und gläubigen Christen. Natürlich ist es voller Moral.

Es ist aber auch voller Einsatz für das Selbstverständliche. Denn es ist leicht zu übersehen: Das Holz, das Eisen, das Uran, mit denen sich die Menschen gegenseitig töten, immer und immer wieder, sind Erzeugnisse der Erde.

Brockes geht es um diese einfache Tatsache. Er ist kein Schönredner, meint nicht, dass es besser gewesen wäre, wenn diese Dinge nicht da gewesen wären. Er weiß nämlich: Dann wäre auch viel Gutes – Häuser, Werkzeuge, Heizmittel – nicht da, der Mensch würde frieren, vegetieren, sterben. Auch gäbe es keine positiven Symbole – ob dies jetzt unbedingt der Bischofsstab oder das Königszepter sein müssen, sei dahingestellt.

Worauf er bei der Nennung der Herkunft alles Natürlichen aber tatsächlich Wert legt ist seine Wertfreiheit. Das Geld ist nur Mittel des Bösen, das Gut kann es nicht aufwiegen – eine passende Metapher.

Zurück zu einer wertfreien, dem Nutzen für das allgemeine Leben zugeneigte Betrachtung scheint mir der Weg aus Brockes Dilemmata zu sein: Zum Schauen, zum Aufnehmen und wertfreien Vermischen dessen, was die Welt zeigt. Nicht es gewaltsam trennen, wie das Metall von der Erde und dann wiederum von seinem natürlichen Zustand in künstliches Geld, in Machtinstrumente.

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