Niklas Luhmann: „Der neue Chef“

Chefs, Angestellte, Diener, Lakaien. Was Niklas Luhmann über Bürokratie zu sagen hat – und was nicht.

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Luhmann lesen war für mich bisher interessant und herausfordernd, wenn auch nicht immer leicht verständlich. Im letztes Jahr erschienenen, kleinen, quietschorangenen Band „Der neue Chef“ liest man drei Aufsätze von Luhmann, die sich mit der Situation des Chef*innenwechsels, verschiedenen Ordnungssystemen und der Machtverteilung in der Verwaltung auseinandersetzen.

Die große Leistung des Buches, so scheint es mir, ist, dass ich als Student, der noch nicht in einer, wie auch immer gearteten Weise, Teil einer Verwaltung war, glaubte, mich doch in den Texten wiederfinden zu können. Gerade der letzte Aufsatz „Unterwachen oder die Kunst, Vorgesetzte zu lenken“ weckte meine Neugierde. Vielleicht kann ich das ja auch?!

Der erste Aufsatz „Der neue Chef“ beobachtet die Situation des Chef*innenwechsels in der Verwaltung. Luhmann stellt dazu zunächst fest:

In jeder Organisation entwickelt sich […] unter der formalen eine informale Ordnung mit eigenen Rollen, mit individuell geformten, persönlichen Erwartungen, mit kleineren Gruppen und Cliquen, die brauchbare Abweichungen in ihrem Kreise legitimieren, Machtschwerpunkte bilden und ihre Mitglieder in allerlei Fehden unterstützen. (S. 16)

Diese Beobachtung stellt das Grundgerüst für seine folgenden Überlegungen dar. Ein Chef*innenwechsel bringt diese fragile, informale Ordnung in Aufruhr. Es ist für alle Beteiligten nur in einem gewissen Maße kalkulierbar, wie sich der*die Neue ins System integriert. Hier eröffnet Luhmann verschiedene Szenarien, in denen er, anhand soziologischer und systemanalytischer Methoden, zu veranschaulichen versucht, welche Parameter Einfluss auf das Gelingen des Chef*innenwechsels haben. Ich persönlich wurde nochmal mit aller Vehemenz daran erinnert, dass das Arbeitsleben durch Rollen bestimmt ist und dass gerade ein*e Chef*in sich, egal wie freundschaftlich oder nah das Verhältnis ist, nie von der Position des*der Vorgesetzten lösen kann.

In seinem zweiten Aufsatz „Spontane Ordnungsbildung“ beschäftigt sich Luhmann unter anderem mit den sozialen Bedingungen von Spontaneität. Er geht davon aus, dass diese auf der Arbeit keinen Platz bzw. nicht oder nur wenig Raum im Umgang mit dem*der Chef*in findet. Spontaneität wird laut Luhmann durch den Grad der Reflektiertheit des Handelns bestimmt.

Ein Mensch handelt spontan in dem Maße, als er sich ausschließlich am Sinn seines Handelns in einer bestimmten Situation orientiert und sich nicht um die Zustimmung anderer oder um den Eindruck kümmert, den er als Person auf sie macht. (S.58)

So definierte Spontanität benötigt ein Vertrauensverhältnis, welches gerade zum*r Chef*in nicht in einer ‚absoluten‘ Form vorhanden sein kann. Spontanes Handeln ist den Mitarbeitenden also nur in den verschiedenen informellen Organisationsformen möglich.

Wichtig scheint mir dies zu begreifen, um zu verstehen, dass der Mensch (bei Luhmann in diesem Kontext als Angestellte*r) sich in einer Rolle nur eingeschränkt bewegen kann. Außerdem ist zu bemerken, dass es verschiedene Systeme gibt, die diese Rollen verteilen und je nach System mehr Freiheiten oder eben Spontaneität zulassen.

Der letzte Aufsatz, „Unterwachen oder die Kunst, Vorgesetzte zu lenken“ – von mir mit Spannung erwartet – gibt erstaunlich wenig her. Luhmann spricht sich dafür aus, den*die sich ohnehin schon in einer Machtposition befindene*n Chef*in nicht noch weiter, wie es in der gängigen Forschung bereits so zahllos beschrieben wird, zu unterstützen. Er spricht den Mitarbeitenden Macht über die Vorgesetzten zu und deutet ein Spiel der Manipulation an, in dem der*diejenige mit den größeren analytischen Fähigkeiten seinem*ihrem Gegenüber voraus sei. Nun weiß ich immernoch nicht, ob ich das in einem Beruf sein kann, da ich gar nicht weiß, was ich dafür überhaupt können muss. Aber es beruhigt doch ungemein, dass es zumindest theoretisch diese Möglichkeit des „Unterwachens“ gibt…

Zu meiner Enttäuschung muss ich sagen, dass mich dieser Band nicht besonders herausgefordert hat, dafür aber zumindest leicht verständlich war. Er ist allerdings weder ein praktischer Ratgeber noch eine besonders fundierte Analyse der komplexen Prozesse in der Arbeits- bzw. Verwaltungswelt. Dennoch, Luhmann bedient sich einer präzisen und leicht humorvollen Sprache, die das Lesen sehr angenehm macht. Diese Texte bieten die Möglichkeit, sich sowohl als Chef*in als auch als Mitarbeitende, sicherer zu fühlen, da sie eine Palette an Kategorien bieten, auf neue Situationen und Umstände vorbereitet zu sein. Man bekommt das Gefühl diese kleine, große Welt der Bürokratie ein wenig mehr in den ‚Griff‘ zu bekommen – und wer mag es nicht, etwas im ‚Griff’ zu haben.


„Der neue Chef“ (2016) von Niklas Luhmann, herausgegeben und mit einem Nachwort von Jürgen Kaube, ist bei Suhrkamp für 10,00 Euro erhältlich

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