Mein Weiß-Projekt: Das (erste) Fazit

Vor einer Woche habe ich in meiner Rezension des Buches „Die autoritäre Revolte“ von Volker Weiß einen Beschluss gefasst: Eine Woche lang in jedem meiner Beiträge zu versuchen, deutliche politische Statements zu finden. Dass es nicht leicht sein würde, hatte ich bereits gedacht. Aber nicht auf einem derart existenziellen Level, wie es sich mir bald zeigte.

Um zu erklären, wie tief mich die eigentlich leicht klingende Idee betroffen hat, in sechs Tagen sechs Themen aus Politik, Gesellschaft, Wirtschaft etc. zu finden, zu denen ich kurz und knapp Stellung nehme, will ich zwei Dinge betrachten. Das erste: Mein erstes Statement unter meinen Notizen zum Thema der gelungenen Unterhaltung – und das zweite: den „Schulz-Effekt“. Klingt disparat? Keineswegs.

Meine kurzen Gedanken zur sozialen Ungerechtigkeit und wie ich sie wahrnehme, wenn ich mich auf der Straße mit Bettlern oder Obdachlosen konfrontiert sehe, die unter meinem ersten Artikel nach der Rezension standen, kamen intuitiv aus meiner Hand. Ich habe nur gefühlt: Darüber müsste mehr geredet werden. Und dass ich damit Recht hatte, hat mir Martin Oettings ehrenvoller Beitrag über mein Mini-Projekt gezeigt. Das Thema ging Leute an.

Als ich dann am nächsten Tag ein weiteres, neues Thema in meinem zweiten Kommentar anschneiden wollte, war ich aber auf einmal gehemmt. Ich habe auch schnell gemerkt wieso: Ich wollte unbedingt etwas Neues herausfinden, mir erarbeiten und dann notieren, das auf die größtmögliche Resonanz treffen würde – es war nicht mehr nur reine Intuition.

Es ist wie mit dem Schulz-Effekt: Fehlt die Euphorie der Intuition, der ersten Ideen- und Leidenschaftswelle, übernehmen die harten Fakten, ökonomischen Maßstäbe und Anerkennung der Anderen sofort die Führung. Und dann muss man sich wirklich auskennen, bevor man was sagt. Und nicht nur impulsiv drauflos schreiben. Das machte mich unsicher.

Ich wusste aber auch, dass ich eine Verpflichtung eingegangen bin, gegenüber dem Buch und meinem eigenen Verlangen, politischer zu werden. Also musste ich Mut beweisen und habe das Projekt fortgeführt.

Das Ergebnis sind, hier noch einmal zusammengeführt, die folgenden sechs Statements:

  1. Ich fühle mich unwohl, wenn ich auf der Straße einen*r Bettler*in sehe. Ich laufe beinahe immer schnell vorbei, weil ich merke, dass er/sie mich in einer Situation stört, in der ich nicht über gesellschaftliche Ungerechtigkeit nachdenke. Ich brauche Phasen, in denen ich nicht über Gesellschaft und Politik nachdenken muss und Musik hörend durch die Stadt zu gehen gehört dazu. Trotzdem sind Armut und Obdachlosigkeit eine Schande für jeden, der sie zulässt. Ich betreibe damit Doppelmoral und ich will eine sozial gerechte Gesellschaft mit funktionierender Sozialhilfe, egal wie viel sie kostet, damit so etwas nicht mehr vorkommt. Jede Elite, die ihr eigenes Überleben vor solche Unart der Existenz stellt, rechts wie links, handelt unmoralisch und kann kein Vorbild sein.
  2. Homosexualität ist für mich als Heterosexuellen nicht selbstverständlich, aber mindestens genauso normal wie Heterosexualität oder Transsexualität. Jeder hat das Recht auf Heirat und uneingeschränkte Liebe. Das ist außerdem auch Privatsache und Politik sollte nur die damit verbundene Privatsphäre gewährleisten. Jeder der Homosexualität ausnutzt und diffamiert, um seine eigene Position zu bestärken, handelt ungerecht und unreflektiert.
  3. Neurechte Theoretiker schreiben oft über den Verlust der Männlichkeit – und huldigen sogar Islamisten dafür, dass sie die ihrige behaupten. Ich für meinen Teil wüsste nicht mal, was das sein soll, „Männlichkeit“. Gerade der Mann, dem wichtig ist, dass andere ihn einen Mann nennen, ist ein Schwächling und verfehlt jegliche eigene Identität zugunsten eines schwammigen Begriff von zweifelhaften Autoritäten: Demagogen, unzusammenhängenden Traditionen, unterdrückenden Erziehungsmethoden. Ich will lieber lernen, wer ich selbst bin und sensibel dafür sein, in welches Umfeld ich damit passe – und die unpassenderen Umgebungen im Gegenteil bestenfalls auch bestärken. Denn alle haben ein Recht darauf, männlich oder nicht zu sein. Das einzige, was sie alle haben sollten, ist Respekt für den Anderen.
  4. Ich bin für eine bundesweite Rot-Rot-Grüne Koalition im Herbst. Ich will eine linke Debatte innerhalb der Regierung und eine ihrer Verantwortung bewusste CDU in einer machtvollen Opposition. Wenn die Linke sich dann nicht kompromissbereit und zeitgleich immer für eigene Ideals kämpferisch zeigt, werde ich sehr enttäuscht sein.
  5. Ich habe nicht das Gefühl, dass jede muslimische Frau gerne und nach dem Willen ihres letzten Wortes in der Auseinandersetzung mit der Bedeutung dieses Aktes eine Ganzkörperverhüllung praktiziert. Ich kann zwar nicht in die dahinter bestehenden Familienverhältnisse sehen, aber in jedem Fall wird hier der Wille einer Frau eingeschränkt, zu tragen was sie will und ihr zur Auswahl stünde. Dass die Burka überhaupt ein Zeichen für diese Einschränkung sein kann, macht eigentlich schon klar, dass es hier Machtverhältnisse gibt, die auf die Kontrolle der weiblichen Sexualität abzielen. Wie weit sie im einzelnen gehen, muss immer wieder neu beurteilt werden. Was aber noch eine viel größere Perfidie ist, sind agitatorische Redeweisen die das ausnutzen.
  6. „Jede Philosophie wird in ihrem Inhalt und in ihrer Methode von den Klassenkämpfen ihrer Zeit bestimmt.“ So steht es in einem Beitrag der Jungen Welt zum neurechten Philosophen Marc Jongen. So links ich auch bin, dem kann ich nicht zustimmen. Es ist nicht der Akt des Philosophierens selber, sondern das endgültig niedergeschriebene Ergebnis, das in seinem Ausdruck und seiner Wirkung von den Klassenkämpfen bestimmt wird. Der Akt des Denkens ist ein natürlicher Automatismus, der höchsten indirekt durch Klassenkampf, etwa wegen Hunger, der durch soziale Ungerechtigkeit entsteht, beeinflusst werden – aber niemals bestimmt. Das Denken an sich lässt sich nicht bestimmen.

Mit keinem von ihnen bin ich gänzlich zufrieden. Und im Überblick weiß ich auch, dass sie bei weitem nicht genug sind.

Weshalb ich das Weiß-Projekt nun ausdehnen werde. Ich will ab sofort immer, wenn mich ein Hauch von Intuition anweht, zu einem Beitrag, an dem ich arbeite, noch ein dazu vielleicht passendes, vielleicht unpassendes Thema mit einer politischen Haltung zu bewerten. Ich werd es nicht ankündigen – aber vielleicht bald in einer Sonderseite alle Statements sammeln, um so eine kleine Collage meiner intuitiv entstandenen, aber erst durch die kontinuierliche Arbeit zusammengeführten Meinungen zu erstellen.

So will ich einen weiteren Weg einschlagen, der dieses Projekt auf einer weiteren Ebene von einer ersten Begeisterung und Arbeitskraft in etwas Kontinuierliche Wachsendes und langsam ganzer Werdendes überführt. Ich bin gespannt, ob es mir gelingt, diesen Weg weit genug zu verfolgen.

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