YouTube-Tipp: Quartz über „The films of Steve Bannon“

Ich habe vor einiger Zeit mal geschrieben, dass für mich eine Beschäftigung mit Stephen Bannon, dem Chefstrategen im Weißen Haus, noch aussteht. Ein kurzes, sehr dichtes YouTube-Video hat mir jetzt einen Teil der Arbeit abgenommen.

Überhaupt ist es glaube ich sehr wichtig, sich (mal wieder) mit Bannon zu beschäftigen. Denn er tritt durch das Desaster der republikanischen Gesundheitsreform in der medialen Aufmerksamkeit gerade wieder etwas zurück. Wenn das auf langfristige Weise dazu führt, dass er als einflussreicher Mann hinter dem Präsidenten missachtet wird, wäre das glaube ich ziemlich gefährlich.

Daher bin ich der Ansicht, dass der obige Grundkurs in das Weltbild des einflussreichsten Strategen der US-Regierung not tut. Das Video filtert dazu drei Doku-Filme des langjährigen Regisseurs Bannon heraus und präsentiert sie mit gut ausgewählten Szenen und vor allem vielen Direktzitaten, die seine paraphrasierten Thesen untermauern.

Häufig ist zu lesen, dass Bannon Leninist sei. Er wolle einen kompletten Umsturz der bisherigen Ordnung. Deute ich seine Filme richtig – in denen Lenin auch in einer Reihe mit Hitler, Stalin und Mussolini steht –, ist Bannon aber eher ein Anhänger von Oswald Spenglers „Untergang des Abendlandes“. Er glaubt, die nächste Krise der westlichen Kultur ist unvermeidbar, ihr Abstieg habe begonnen.

Überhaupt scheint ihm deutsche Philosophie sehr nahe zu liegen. Ein Abschnitt seines letzten Films „Torchbearer“ von 2016 zitiert in Auschwitz Friedrich Nietzsches Spruch von Gottes Tod. Nur weil Deutschland sich von atheistischer Philosophie wie der Nietzsches hat einwickeln lassen, so Bannons Deutung in den Worten seines Sprechers, sei der Holocaust passiert.

Was selbstverständlich Schwachsinn ist. Aber da in der Politik nichts selbstverständlich bleibt und einfach so zur Norm wird, hier nochmal zum Mitschreiben: Friedrich Nietzsche war Europäer und kein rassistischer Antisemit, der der „genetischen Rasse“ der Juden ein Lebensrecht verweigert hat. Er hat den Nationalismus verachtet.

Außerdem wird er – wie so oft – falsch und vor allem viel zu kurz zitiert. Das vollständige Zitat aus der „Fröhlichen Wissenschaft“ lautet wie folgt:

„125. Der tolle Mensch. — Habt ihr nicht von jenem tollen Menschen gehört, der am hellen Vormittage eine Laterne anzündete, auf den Markt lief und unaufhörlich schrie: „Ich suche Gott! Ich suche Gott!“ — Da dort gerade Viele von Denen zusammen standen, welche nicht an Gott glaubten, so erregte er ein grosses Gelächter. Ist er denn verloren gegangen? sagte der Eine. Hat er sich verlaufen wie ein Kind? sagte der Andere. Oder hält er sich versteckt? Fürchtet er sich vor uns? Ist er zu Schiff gegangen? ausgewandert? — so schrieen und lachten sie durcheinander. Der tolle Mensch sprang mitten unter sie und durchbohrte sie mit seinen Blicken. „Wohin ist Gott? rief er, ich will es euch sagen! Wir haben ihn getödtet, — ihr und ich! Wir Alle sind seine Mörder! Aber wie haben wir diess gemacht? Wie vermochten wir das Meer auszutrinken? Wer gab uns den Schwamm, um den ganzen Horizont wegzuwischen? Was thaten wir, als wir diese Erde von ihrer Sonne losketteten? Wohin bewegt sie sich nun? Wohin bewegen wir uns? Fort von allen Sonnen? Stürzen wir nicht fortwährend? Und rückwärts, seitwärts, vorwärts, nach allen Seiten? Giebt es noch ein Oben und ein Unten? Irren wir nicht wie durch ein unendliches Nichts? Haucht uns nicht der leere Raum an? Ist es nicht kälter geworden? Kommt nicht immerfort die Nacht und mehr Nacht? Müssen nicht Laternen am Vormittage angezündet werden? Hören wir noch Nichts von dem Lärm der Todtengräber, welche Gott begraben? Riechen wir noch Nichts von der göttlichen Verwesung? — auch Götter verwesen! Gott ist todt! Gott bleibt todt! Und wir haben ihn getödtet! Wie trösten wir uns, die Mörder aller Mörder? Das Heiligste und Mächtigste, was die Welt bisher besass, es ist unter unseren Messern verblutet, — wer wischt diess Blut von uns ab? Mit welchem Wasser könnten wir uns reinigen? Welche Sühnfeiern, welche heiligen Spiele werden wir erfinden müssen? Ist nicht die Grösse dieser That zu gross für uns? Müssen wir nicht selber zu Göttern werden, um nur ihrer würdig zu erscheinen? Es gab nie eine grössere That, — und wer nur immer nach uns geboren wird, gehört um dieser That willen in eine höhere Geschichte, als alle Geschichte bisher war!““ — Hier schwieg der tolle Mensch und sah wieder seine Zuhörer an: auch sie schwiegen und blickten befremdet auf ihn. Endlich warf er seine Laterne auf den Boden, dass sie in Stücke sprang und erlosch. „Ich komme zu früh, sagte er dann, ich bin noch nicht an der Zeit. Diess ungeheure Ereigniss ist noch unterwegs und wandert, — es ist noch nicht bis zu den Ohren der Menschen gedrungen. Blitz und Donner brauchen Zeit, das Licht der Gestirne braucht Zeit, Thaten brauchen Zeit, auch nachdem sie gethan sind, um gesehen und gehört zu werden. Diese That ist ihnen immer noch ferner, als die fernsten Gestirne, — und doch haben sie dieselbe gethan!“ — Man erzählt noch, dass der tolle Mensch des selbigen Tages in verschiedene Kirchen eingedrungen sei und darin sein Requiem aeternam deo angestimmt habe. Hinausgeführt und zur Rede gesetzt, habe er immer nur diess entgegnet: „Was sind denn diese Kirchen noch, wenn sie nicht die Grüfte und Grabmäler Gottes sind?“ —

Ich weiß, dass Nietzsche so bildlich und vieldeutig schreibt, dass er immer auch anders ausgelegt werden kann. Aber wenn ich bei ihm von einem redenden Narren lese, der die Menschen als geistige Mörder bezeichnet, dann denke ich: Nietzsches Text ist ein Text gegen die Gewalt und für die Selbstermächtigung. Ein Text der zeigt, welche Gefahren der Desorientierung ein Leben ohne Glauben haben kann – und dass es Zeit und Kraft braucht, dieses „Irren“ in einem „unendlichen Nichts“ ohne Bedeutung zu ertragen und zu nutzen.

Aber nirgendwo steht hier etwas von der Ausrottung von Millionen von Menschen – oder von einer Verteidigung des Christentums, ja überhaupt irgendeiner Religion.

Wenn Bannon Nietzsche ausnutzt, um mit seinen Worten für die Christenheit zu kämpfen, entlarvt er sich als ein Mensch, zu dessen Ohren das „ungeheure Ereigniss“ der Tötung Gottes und der dadurch entstehenden vollkommenen geistigen Freiheit des Menschen nicht nur noch nicht gelangt ist – sondern die dafür überhaupt nicht gemacht zu sein scheinen.

Weiß-Projekt Statement 5: Ich bin noch einmal durch den letzten Teil von "Die autoritäre Revolte" gegangen. Ich habe erkannt, dass ich mich auch zum Thema der Unterdrückung der Frau im Islamismus äußern muss, um meinem Anspruch klarer politischer Aussagen gerecht zu werden: Ich habe nicht das Gefühl, dass jede muslimische Frau gerne und nach dem Willen ihres letzten Wortes in der Auseinandersetzung mit der Bedeutung dieses Aktes eine Ganzkörperverhüllung praktiziert. Ich kann zwar nicht in die dahinter bestehenden Familienverhältnisse sehen, aber in jedem Fall wird hier der Wille einer Frau eingeschränkt, zu tragen was sie will und ihr zur Auswahl stünde. Dass die Burka überhaupt ein Zeichen für diese Einschränkung sein kann, macht eigentlich schon klar, dass es hier Machtverhältnisse gibt, die auf die Kontrolle der weiblichen Sexualität abzielen. Wie weit sie im einzelnen gehen, muss immer wieder neu beurteilt werden. Was aber noch eine viel größere Perfidie ist, sind agitatorische Sprüche die das ausnutzen - wie dieser hier, den ich in Bochum entdeckt habe:


Ekelhaft. In so vielen Punkten. 

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