Poetische Politik oder: Die schöne Unterhaltung

Es gibt einen Satz, den höre ich derzeit zu selten. Er lautet: „Das war aber eine schöne Diskussion.“

Ich habe in den letzten Tagen einige wirksame, vielseitige Gespräche geführt. Überhaupt habe ich wieder das Sprechen gelernt und rede nicht mehr nur vor mich hin und von Dingen, von denen ich Ahnung habe. Ich will mehr Unterhaltungen.

Es gibt da für mich auch klare Bewertungen von Unterhaltungen, Arten von ihnen, die ich will und solche, die ich nicht will. Welche ich will: Solche mit Argumentationssträngen, die mich faszinieren, mir Spaß machen, mich betören, auch anekeln. Kurz: Besonders geformte, dichte Wortwechsel.

Teil solcher Wortwechsel sind immer Menschen, die in der Lage sind, mit mir Unterhaltungen zu dichten. Gesprächsabschnitte herzustellen, die man auf einmal völlig unter Kontrolle hat, bei denen jeder sicher darüber ist, was er sagen will. Phasen der Gewissheit, der blinden Kommunikation und deutlichen Zusammenhaltes.

In solchen Phasen von Gesprächen muss es nicht einmal um etwas von großem Belang gehen. Die Wörter bilden ungeachtet ihrer Bedeutung einen Raum, in dem sie frei sind. Es sind dann reine Wortwechsel, man wechselt eben nur Wörter aus, eins um das andere, eine Abfolge – aber ohne Ziel – die sich selbst genügt.

Wenn es dann dennoch über Politik geht, ist eine Gesprächssituation erreicht, von deren Fortbestand ich mir sehr viel erhoffe: Eine Situation, in der keiner der Teilnehmenden einzelne Aussagen beurteilt und somit fixiert, sondern einfach voller Anlässe ist. Der eine Satz hier, die andere Behauptung dort sind dann einfach Anlass für neue Gedanken. Gemeinsam wird ein Gespräch gedichtet, mal mehr mal weniger zusammengeführt.

Es geht dabei nur noch um eines: Zu merken, wie Gedanken von Unterhaltenden manchmal zusammenfinden und dann wieder auseinanderdriften. Einfach zu sehen, wie so etwas wie Unterhalten stattfindet. Zu merken, dass es ein Ereignis ist, sich unterhalten zu können, dass das etwas schönes ist. Und dass es offen bleiben muss, nicht zu einem Ergebnis kommen kann, damit dieses Schöne auch weiter besteht. Dass keiner den anderen von Beginn an bestimmen darf.

Darum hat es einen persönlichkeitsbildenden Effekt. Man kann herausfinden, bei welchen Punkten dieses Verlaufs man zufrieden mit sich und seiner Position ist und wann nicht. So lernt man sich selbst kennen. Man entwickelt ein klareres Urteilsvermögen, aber verurteilt (noch) nichts: Man lernt, unfaschistisch zu denken. Man hat sich immer mehr unter Kontrolle, will aber nie andere gänzlich kontrollieren.

Das Beste daran ist deshalb: Es geht immer auch um Politik. Aber man politisiert nicht den anderen oder gegen den anderen, sondern man politisiert sich gemeinsam. Heißt: Man dichtet eine schöne Unterhaltung zusammen, um zu erkennen, wie die entstehenden Gedanken die eigene Position in diesem konstanten Werden der Unterhaltung bestimmen. Wie der Umstand einer Unterhaltung die eigenen Wertvorstellungen steuert.

Ich glaube nicht zu viel zu tun, wenn ich dabei von poetischer Politik rede.

Denn in einer Unterhaltung, die um der Unterhaltung willen geführt wird, handeln die Teilnehmer immer politisch, weil sie Standpunkte gegenüber stellen – aber auch poetisch, weil sie die Verdichtung, die Erarbeitung des gemeinsamen Gesprächs als Hauptziel vereint. Und kein endgültiges Ziel, keine Verurteilung, keine Tyrannei der Anderen mit der eigenen Meinung.


Weiß-Projekt, Statement 1: Ich fühle mich unwohl, wenn ich auf der Straße einen*r Bettler*in sehe. Ich laufe beinahe immer schnell vorbei, weil ich merke, dass er/sie mich in einer Situation stört, in der ich nicht über gesellschaftliche Ungerechtigkeit nachdenke. Ich brauche Phasen, in denen ich nicht über Gesellschaft und Politik nachdenken muss und Musik hörend durch die Stadt zu gehen gehört dazu. Trotzdem sind Armut und Obdachlosigkeit eine Schande für jeden, der sie zulässt. Ich betreibe damit Doppelmoral und ich will eine sozial gerechte Gesellschaft mit funktionierender Sozialhilfe, egal wie viel sie kostet, damit so etwas nicht mehr vorkommt. Jede Elite, die ihr eigenes Überleben vor solche Unart der Existenz stellt, rechts wie links, handelt unmoralisch und kann kein Vorbild sein.

2 Kommentare zu „Poetische Politik oder: Die schöne Unterhaltung“

  1. Du sprichst mir damit aus der Seele!
    Ich gehe mit genau dieser Einstellung in Gespräche und Diskussionen, doch Unterhaltungen dieser Art zu führen scheitert meistens daran, dass mein gegenüber nicht diese Einstellung hat.
    Ich finde die Gradwanderung zwischen Steit und Diskussion sehr schwierig. Ich würde wenige Unterhaltungen meines Lebens wirklich als Streit bezeichnen, während meine Gesprächspartner das vermutlich so sahen.
    Genau so bekomme ich oft zu hören, dass ich so „anti“ sei – weil ich eben gerne diskutiere. Ich habe aber absolut nichts gegen Diskussionen, in denen man nicht auf einen Nenner kommt und finde sie im Gegenteil sehr wertvoll und positiv, wie du auch beschrieben hast.

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