Volker Weiß: „Die autoritäre Revolte. Die Neue Rechte und der Untergang des Abendlandes“

Nach einem vielgestaltigen Wochenende bin ich mit einer erweiterten Agenda für dieses Blog nach Hause zurückgekehrt. Ich will sie darstellen anhand eines enorm wichtigen, weil ernst und ergebnisorientiert geschriebenen Buches.

weiss-autoritaere-revolte

Der Literaturwissenschaftler, Historiker und Psychologe Volker Weiß ist einer der profiliertesten Forscher zum Rechtsextremismus. Ausgestattet mit einer profunden Kenntnis über Literaten und Philosophen wie Carl Schmitt, Ernst Jünger oder Martin Heidegger griff er nach seiner Promotion zu Arthur Moeller van den Bruck im Jahr 2009 regelmäßig von links in konservative Debatten ein, zuerst mit einer Publikation zur Sarrazin-Debatte.

Seine genauen Beobachtungen der neurechten Szene, etwa auch in seinen Kolumnen „Notizen aus Neuschwabenland“ für die Jungle World, haben sich nun in seiner ersten Sachbuchveröffentlichung in einem Publikumsverlag niedergeschlagen: „Die autoritäre Revolte“ ist ein Handbuch zur Nachkriegsaktivität rechter Splittergruppen, ihrer intellektuellen Grundlagen und ihr Versuch, sich in der AfD zu vereinigen. Es ist bei Klett-Cotta, dem Stammverlag von Ernst Jünger, Carl Schmitt und Stefan George, erschienen.

Weiß‘ Buch ist eine breit aufgestellte, hervorragend recherchierte Bestandsaufnahme der verschiedenen neurechten Milieus. Er nimmt alle Organisationen und damit verbundenen Personen unter die Lupe: Götz Kubitscheks und Ellen Kositzas Antaios Verlag, die Zeitschriften Sezession und Junge Freiheit, die Identitäre Bewegung, das Institut für Staatspolitik, die AfD, HoGeSa – sowie ihre ausländischen Vorbilder, Nachahmer, Nachfolger.

„Die autoritäre Revolte“ ist aber nicht nur ein Überblick über die Geschichte dieser Gruppierungen  – Weiß baut in seine Darstellung der Entwicklung der Neuen Rechten auch ein Begriffskompendium ein.

Was das in meinen Augen bedeutet, will ich kurz erklären. Denn es liegt hier für mich neben dem Aufschließen politischer Ereignisse am Rand der Geschichtsschreibung der letzten 60 Jahre der größte Verdienst des Buches: Weiß ist sich nämlich bei aller Sachlichkeit und Faktenreichtum auch immer durchweg bewusst, wie Sprache menschliche Realität prägt – und kann das zeigen. Fakten treffen hier auf die Frage nach rhetorischer Verführung, auf die Frage, wie die Rechten mit ihren Begriffsbildungen Kontrolle über die kulturelle Bildung erlangen wollen – eine verquere, auf Zwang beruhende Form kultureller Hegemonie, die auf Ausschluss bestimmter Vorstellungen zielt.

Deshalb lernt der Leser durch eine Art permanent eingebauten, worterklärenden Glossar, wo der Unterschied zwischen „Pluralismus“ (gegenseitiges Respektieren verschiedener Milieus und Kulturen im selben Raum) und neurechtem „Ethno-Pluralismus“ (gegenseitiges Achten in anderen, für verschiedene Völker „richtigen“ Raum) liegt. Oder was es bedeutet, wenn eine Publikation des Antaios Verlag Heideggers Begriff der „Eigentlichkeit“, den schon Adorno kritisiert hat, erneut vereinnahmen will, um ihn rassistisch zu verdrehen – und dass sich eine Philosophie überhaupt auf so ein einzelnes kleines Wort reduzieren lässt.

Dadurch macht das Buch sensibel für Begriffe. Es zeigt, was es bedeutet, politisch zu sprechen.

Was mich zur angekündigten neuen Agenda zurückführt: Ich muss deutlicher werden, was meine Wortwahl angeht. Das soll nicht heißen, dass ich immer unbedingt eindeutiger schreiben will oder muss. Sondern dass ich neue Weg finden will, in meinen Beiträgen Hinweise darauf zu geben, warum ich bestimmte Wörter verwende und andere nicht.

Aber damit soll es nicht in diesem Beitrag gehen, erst ab morgen: Ab dann will ich unter jeden Beitrag der nächsten Woche ein klares politisches Statement anhängen. Sie werden mit Themen aus Weiß‘ Buch zusammenhängen und meine Position zu ihnen klarmachen. Ich will zeigen, wie ich übe, klare Begriffe zu benutzen – und was das aus meiner Haltung macht. Nach einer Woche werde ich ein Fazit aus meinen mit ihnen verbundenen Überlegungen ziehen und dann weitersehen.

Bis dahin bleibt mir nur noch eines zu schreiben: Dass nämlich das Buch „Die autoritäre Revolte“ von Volker Weiß eines der wichtigsten ist, die es in diesem Jahr zu lesen gibt – und es absolut zurecht für den Sachbuchpreis der Leipziger Buchmesse nominiert ist. Diesen Status zementiert vor allem das fulminante letzte Kapitel, das mit einer schonungslosen Analyse des Frauenbildes im Islamismus und der klaren Parallele zwischen dem daraus entstehenden Männerideal und dem Männlichkeitsgestus der Neuen Rechten einen deutlichen Angriffspunkt der Linken entwickelt.

Diesen gilt es jetzt zu nutzen: Gegen die Unterdrückung der Frau zu sein, das zeigt Weiß ganz deutlich, heißt heute für ein demokratisches, offenes Gesellschaftsmodell zu sein. Denn auch die am weitesten fortgeschrittene Emanzipation gilt es zu verteidigen und ihre Gegner – und das sind nicht alle Muslime auf einen Schlag, dafür aber umso mehr rechts eingestellte Deutsche – sind deutlich und vereint zu kritisieren.


Volker Weiß: „Die autoritäre Revolte. Die Neue Rechte und der Untergang des Abendlandes“, Klett-Cotta, 20 Euro.

 

10 Kommentare zu „Volker Weiß: „Die autoritäre Revolte. Die Neue Rechte und der Untergang des Abendlandes““

  1. […] Weiß-Projekt, Statement 1: Ich fühle mich unwohl, wenn ich auf der Straße einen*r Bettler*in sehe. Ich laufe beinahe immer schnell vorbei, weil ich merke, dass er/sie mich in einer Situation stört, in der ich nicht über gesellschaftliche Ungerechtigkeit nachdenke. Ich brauche Phasen, in denen ich nicht über Gesellschaft und Politik nachdenken muss und Musik hörend durch die Stadt zu gehen gehört dazu. Trotzdem sind Armut und Obdachlosigkeit eine Schande für jeden, der sie zulässt. Ich betreibe damit Doppelmoral und ich will eine sozial gerechte Gesellschaft mit funktionierender Sozialhilfe, egal wie viel sie kostet, damit so etwas nicht mehr vorkommt. Jede Elite, die ihr eigenes Überleben vor solche Unart der Existenz stellt, rechts wie links, handelt unmoralisch und kann kein Vorbild sein. […]

  2. […] Weiß-Projekt, Statement 2: Homosexualität ist für mich als Heterosexuellen nicht selbstverständlich, aber mindestens genauso normal wie Heterosexualität oder Transsexualität. Jeder hat das Recht auf Heirat und uneingeschränkte Liebe. Das ist außerdem auch Privatsache und Politik sollte nur die damit verbundene Privatsphäre gewährleisten. Jeder der Homosexualität ausnutzt und diffamiert, um seine eigene Position zu bestärken, handelt ungerecht und unreflektiert.  […]

  3. Klingt ein bisschen nach Viktor Klemperer (LTI). Kommt definitiv auf meine Leseliste – ganz oben. Danke für den Impuls!

  4. […] Weiß-Projekt, Statement 3: Neurechte Theoretiker schreiben oft über den Verlust der Männlichkeit – und huldigen sogar Islamisten dafür. Ich für meinen Teil wüsste nicht mal, was das sein soll, "Männlichkeit". Gerade der Mann, dem wichtig ist, dass andere ihn einen Mann nennen, ist ein Schwächling und verfehlt jegliche eigene Identität zugunsten eines schwammigen Begriff von zweifelhaften Autoritäten: Demagogen, unzusammenhängenden Traditionen, unterdrückenden Erziehungsmethoden. Ich will lieber lernen, wer ich selbst bin und sensibel dafür sein, in welches Umfeld ich damit passe – und die unpassenderen Umgebungen im Gegenteil bestenfalls auch bestärken. Denn alle haben ein Recht darauf, männlich oder nicht zu sein. Das einzige, was sie alle haben sollten, ist Respekt für den Anderen. […]

  5. […] Weiß-Projekt, Statement 4: Ich bin für eine bundesweite Rot-Rot-Grüne Koalition im Herbst. Ich will eine linke Debatte innerhalb der Regierung und eine ihrer Verantwortung bewusste CDU in einer machtvollen Opposition. Wenn die Linke sich dann nicht kompromissbereit und zeitgleich immer für eigene Ideals kämpferisch zeigt, werde ich sehr enttäuscht sein. […]

  6. […] Weiß-Projekt Statement 5: Ich bin noch einmal durch den letzten Teil von "Die autoritäre Revolte" gegangen. Ich habe erkannt, dass ich mich auch zum Thema der Unterdrückung der Frau im Islamismus äußern muss, um meinem Anspruch klarer politischer Aussagen gerecht zu werden: Ich habe nicht das Gefühl, dass jede muslimische Frau gerne und nach dem Willen ihres letzten Wortes in der Auseinandersetzung mit der Bedeutung dieses Aktes eine Ganzkörperverhüllung praktiziert. Ich kann zwar nicht in die dahinter bestehenden Familienverhältnisse sehen, aber in jedem Fall wird hier der Wille einer Frau eingeschränkt, zu tragen was sie will und ihr zur Auswahl stünde. Dass die Burka überhaupt ein Zeichen für diese Einschränkung sein kann, macht eigentlich schon klar, dass es hier Machtverhältnisse gibt, die auf die Kontrolle der weiblichen Sexualität abzielen. Wie weit sie im einzelnen gehen, muss immer wieder neu beurteilt werden. Was aber noch eine viel größere Perfidie ist, sind agitatorische Sprüche die das ausnutzen – wie dieser hier, den ich in Bochum entdeckt habe: […]

  7. […] Weiß-Projekt, Statement 5: "Jede Philosophie wird in ihrem Inhalt und in ihrer Methode von den Klassenkämpfen ihrer Zeit bestimmt." So steht es in dem oben verlinkten Artikel zu Marc Jongen. So links ich auch bin, dem kann ich nicht zustimmen. Es ist nicht der Akt des Philosophierens selber, sondern das endgültig niedergeschriebene Ergebnis, das in seinem Ausdruck und seiner Wirkung von den Klassenkämpfen bestimmt wird. Der Akt des Denkens ist ein natürlicher Automatismus, der höchsten indirekt durch Klassenkampf, etwa wegen Hunger, der durch soziale Ungerechtigkeit entsteht, beeinflusst werden – aber niemals bestimmt. Das Denken an sich lässt sich nicht bestimmen. […]

Kommentar verfassen

Trage deine Daten unten ein oder klicke ein Icon um dich einzuloggen:

WordPress.com-Logo

Du kommentierst mit Deinem WordPress.com-Konto. Abmelden / Ändern )

Twitter-Bild

Du kommentierst mit Deinem Twitter-Konto. Abmelden / Ändern )

Facebook-Foto

Du kommentierst mit Deinem Facebook-Konto. Abmelden / Ändern )

Google+ Foto

Du kommentierst mit Deinem Google+-Konto. Abmelden / Ändern )

Verbinde mit %s