Jerome Rothenberg: „14 Stationen / 14 Stations“

Mir bedeutet Lyrik sehr viel. Dass ich bis auf wenige kurze Beiträge noch nicht viel über sie hier veröffentlicht habe, liegt daran, dass es ziemlich schwierig ist, angemessen über sie zu schreiben. Nun will ich es aber endlich tun, muss es anhand dieses Gedichtbandes fast schon tun. Denn sein Thema wiegt schwer.

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Jerome Rothenberg bewegt sich in seinen 14 Gedichten durch 14 Vernichtungslager, er eilt fast hindurch. Die Überschriften nennen ihren Namen – Auschwitz, Bergen-Belsen, Dachau –, der Rest der Texte nichts Konkretes. So schnell wie der Name, die Bedeutung, die Todeszahlen des einen Ortes mit seiner Nennung auftauchen, so schnell ist er wieder weg. Die Sprache ist hier außerhalb jeder Welt, außerhalb jeder Erinnerung und jeder Handlung.

Ich habe schon einige Berichte von Schriftstellern, Musikern, Ärztinnen gelesen, die in NS-Lagern interniert waren. Ihre Bücher haben mir viele Szenen vorgespielt, die ich nicht für möglich gehalten hätte und mir bis heute präsent sind.

Zeitgleich war ich bislang aber auch noch nie selbst in einer der Gedenkstätten. Ich habe es aber zweifellos vor. Denn sieht man den Ort, an dem etwas geschehen ist, prägt es sich über den erblickten Raum direkt im Körper, und nicht nur in den Gedanken ein. Vorher war alles Vorstellung, dann wird es real. Und es ist dringend nötig, dass die Erlebnisse von damals aktualisiert werden, wieder erkennbarer werden.

Die Lektüre von Rothenbergs „14 Stations“ war für mich wie eine Ouvertüre für dieses Erlebnis, das mir noch bevorsteht. Die Gedichte stehen beinahe unsichtbar zwischen Realität und Imagination, im Zwischenraum zwischen objektiver Vorstellung des Grauens und dem tatsächlichen Erleben desselben.

Natürlich ist dies eine Situation, die unmöglich verständlich gemacht werden kann: Ein Zustand zwischen Vorstellung und Realität. Aber genau so ein Zustand ist es auch in diesen Lagern gewesen. Man liest es immer wieder: KZs waren ein Machtsystem außer Raum und Zeit. Der Weg zu ihnen war dunkel und unverständlich, die Zeit in ihnen unbedeutend, weil unmenschlich knapp bemessen.

Dass Rothenberg, dessen Gedichte 14 Kohlezeichnungen des Künstlers Arie Galles begleiten, diesen Zustand heraufbeschwört, ist große Kunst. Kunst, die weh tut.

Allerdings ist sie auch kryptisch, verschlüsselt, fast verschämt beiläufig, in die jüdische Tradition eingebunden. Mithilfe der Gematrie, einer vor allem jüdischen Form von Numerologie, konzertiert Rothenburg seine Gedichte nach den hebräischen Namen der 14 Stationen und den fünf Büchern des Alten Testaments.

Alle 14 Gedichte werden also von einem zentralen Schlüssel zusammengehalten, den der Jude Rothenberg nutzen kann, um in ihrer Komposition zu zeigen, dass mehr hinter diesen Namen steckt, eine Geschichte, ein Zusammenhalt. Außerdem werden die Namen der Lager unter dieser Perspektive zu zusammengesetzten Zahlen und so ihrer deutschsprachigen Bedeutung teilweise beraubt.

Diese heimlich Erinnerung und zugleich Zerstörung des Unheils, die dem ganzen Gedichtband unterschwellig Struktur verleiht, ist die Art von Rothenbergs Texten, die sich selbst eigentlich nur an Horror erinnern können, trotzdem Hoffnung zu bewahren. Hoffnung, die viele heute wieder brauchen.


„14 Stations / 14 Stationen“ von Jerome Rothenberg ist in der Übersetzung von Stefan Hyner im Jahr 2000 erstmals auf Deutsch erschienen, verlegt von der Stadtlichter Presse. Das Buch kostet nur fünf Euro. 

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