Das Missverständnis von Für und Gegen

Ein paar Notizen zu einem Begriffspaar, das eigentlich immer nur falsch verstanden werden kann.

Pulse of Europe ist in Aktivistenkreisen derzeit in alle Munde. In immer mehr deutschen Großstädten versammeln sich Menschen jeden Sonntag um 14 Uhr, um zu demonstrieren.

Viele Erfahrungsberichte, etwa von dem vor kurzem hier interviewten Martin Oetting, zeugen von einer tollen Atmosphäre auf diesen Treffen. Die zum Beispiel Martin auch ermunterte, weiterzumachen. Er verspricht:

Ich werde mich […] ab jetzt bemühen, an jedem Sonntag, an dem ich nicht durch Reisen verhindert bin, für Europa auf die Straße zu gehen.

Eine öffentlichkeitswirksame Bewegung also. Die ich gutheiße: Ich werde am übernächsten Wochenende in Bonn auch hingehen.

Warum? Weil ich absolut für Europa bin. Ganz einfach. Um zu zeigen, dass ich auch für etwas gerade stehe, dass ich für eigentlich selbstverständlich halte: Offene Grenzen, transnationaler Zusammenhalt.

Aber: Ich glaube, dass das bald nicht mehr reichen wird. Es wird nicht mehr reichen, für Europa zu sein. Man sollte auch zugleich gegen Europa sein können.

Ein Widerspruch? Ich glaube kaum. Denn Europa steht auch für freie Lebensentwürfe, die  die Stärkung von Nationalidentitäten in einem größeren Zusammenhang und Kooperation auf Augenhöhe beinhalten. Nicht nur in Regierungen, sondern auch zwischen einzelnen Menschen.

Um dieses Konzept für Europa grundlegend zu stärken, müssen, so glaube ich, mehr Diskussionen über die Bedeutung von Europa im Privaten, nicht nur symbolisch auf der Straße, in Gang gesetzt werden. Und ich wette, dass dann schnell klar wird, dass es fast so viele Entwürfe von einem optimalen Europa gibt, wie die EU an Bürgern hat.

Diese Entwürfe gilt es alle zu berücksichtigen. Nicht nur, weil dann ein so differenziertes Bild entsteht, dass faschistische, totalitäre, einseitige Entwürfe unter den Tisch fallen oder zumindest destabilisiert werden – nein. Sondern auch, weil Europa dann durch etwas wird, das es für viele lange, vielleicht sogar noch nie war: lebendig.

Es werden dann aber auch unvereinbare Widersprüche auftauchen. Der eine will eine EU mit, der andere ohne Euro. Hier werden Studiengebühren als sinnvoll angesehen, hier nicht. Doch derartige Meinungen an anderen nicht zu akzeptieren, wäre fatal. Denn sie würden einem feindlich werden, man selbst würde sein Weltbild mit allem was man bekommt stärken – und weniger zuhören

Deshalb sollten solche Widersprüche wieder zugelassen werden. Ein Nein zu einer Sache verlauten und es dann stehen lassen können. Aber auch immer wieder Gespräche aufnehmen können, die dieses Nein relativieren wollen. Im Privaten und in aller Öffentlichkeit

Dafür sollte meiner Meinung nach Pulse of Europe ebenfalls ein Vorbild sein. Denn, wie Martin richtig schrieb, würden die Treffen sonst zu einer reinen „Hurra Europa“-Sause verkommen. Pulse of Europe wäre dann – und dazu wird die Bewegung in der Presse schon häufig stilisiert – eine reine Gegenbewegung, die Feindbilder entwickelt. Sie würde reaktionär werden, statt aktivistisch bleiben. Wo jetzt ein „Für“ steht, würde eine reine Motivation aus einem „Gegen“ sichtbar werden.

Heißt: Pulse of Europe sollte von Respekt handeln, nicht nur von Offenheit.

Für Respekt gegenüber anderen Meinungen. Für Europa auf die Straße gehen, um gegen andere Meinungen zu arbeiten. Für produktive Widersprüche – und gegen das Vorurteil, ein Für und Gegen in Bezug auf ein Thema seien zu Zwietracht und Missgunst verurteilt.

Nach solchen Bestrebungen werde ich nächste Woche Ausschau halten. Und mich dann wieder mit einer neuen Meinung melden.

1 Kommentar zu „Das Missverständnis von Für und Gegen“

  1. Vielfalt aushalten um die Einheit zu stärken. Das ist jetzt wohl der Weg. Und möglicherweise brauchte es 60 Jahre des Europäischen Einigungsprozesses, mit allen Höhen und Tiefen, Glanzlichtern, Irr- und Abwegen, um zu dieser Erkenntnis zu gelangen. Jetzt bleibt zu hoffen (und etwas daFÜR zu tun), dass uns der Laden nicht um die Ohren fliegt. Gelungener Beitrag!

Kommentar verfassen

Trage deine Daten unten ein oder klicke ein Icon um dich einzuloggen:

WordPress.com-Logo

Du kommentierst mit Deinem WordPress.com-Konto. Abmelden / Ändern )

Twitter-Bild

Du kommentierst mit Deinem Twitter-Konto. Abmelden / Ändern )

Facebook-Foto

Du kommentierst mit Deinem Facebook-Konto. Abmelden / Ändern )

Google+ Foto

Du kommentierst mit Deinem Google+-Konto. Abmelden / Ändern )

Verbinde mit %s