Der Unterschied zwischen normal und selbstverständlich

Die Umstände der letzten Wochen haben mich ein wenig mehr über zwei Wörter nachdenken lassen und ich frage mich ständig: Was ist eigentlich normal – und was ist selbstverständlich?

Seit nun fast zwei Monaten hat die USA einen neuen Präsidenten. Seit ungefähr zwei Monaten weckt mich die Autorin Jessica Wagener in meiner Twitter-Timeline jeden Tag mit denselben Worten:

Sie hat recht. Das ist nicht normal. Aber ist es auch normal, dass sie Recht hat?

Nein. Es ist nicht normal, für mich aber eigentlich selbstverständlich. Anders ausgedrückt – ich finde: Natürlich hat sie Recht.

Es liegt aber ein großer Unterschied zwischen diesen beiden Dingen, zwischen der Tatsache, dass es nicht normal ist, dass Trump Präsident ist und der Tatsache, dass sie damit in meinen Augen selbstverständlich Recht hat.

Das wird klarer, wenn man sich die beiden Begriffe genauer ansieht. Das Wort „normal“ ist ein guter Start. Es hat einen klaren Verwandten: Die Norm.

Im Duden steht dazu:

Norm, die: (1 a) allgemein anerkannte, als verbindlich geltende Regel für das Zusammenleben der Menschen

Mit ihrem Tweet kämpft Frau Wagener jeden Morgen gegen einen Umstand, von dem sie nicht will, dass er anerkannte Regel für unser Zusammenleben wird, nämlich den Umstand, dass Trump als normal, als Norm anerkannt wird. Umgekehrt formuliert: Wäre Trump normal, würde unser Zusammenleben ihn nicht mehr infrage stellen und er könnte es verbindlich bestimmen.

Die impliziten Aufforderungen des Tweets sind damit klar: Er fordert den Leser auf, selbst sein Alltagsleben mit anderen Menschen dauerhaft gegen diese mögliche Norm auszurichten. Das fordert Arbeit und konstantes Engagement in der Politik – das nicht jeder imstande ist, zu leisten.

Da ist es doch als Leser einfacher, zu sagen: Selbstverständlich ist Trump nicht normal – und dann so weiter zu leben, wie zuvor. Dann ist man doch eigentlich genauso dagegen, dass er normal wird, oder?

Falsch. Denn das Wort „selbstverständlich“ verlagert die Diskussion. Sie verlagert sie von der Gesellschaft ins eigene Denken.

Zu sagen, dass Trump selbstverständlich nicht normal sei, ist im Grunde ein Widerspruch.

Denn nur, weil etwas für einen selbst verständlich ist, heißt das nicht, dass es das für alle ist oder sein sollte.

Wenn etwas für einen selbst „selbstverständlich“ ist, schirmt dieses Urteil über etwas das eigene Leben von dem der anderen in Bezug auf dieses Etwas ab. Denn dann gibt es darüber für einen selbst nichts zu diskutieren, alles ist glasklar. Die eigene Meinung steht unumstößlich fest

Das heißt aber auch, dass alles, was selbstverständlich ist, immer auch unpolitisch ist. Es fühlt sich für einen nämlich selbst so natürlich an, dass man kann sich keinen Gegensatz davon ausdenken kann.

Es bedeutet daher auch einen großen Widerstand zu überwinden, für oder gegen etwas den Mund aufzumachen, das einem selbst komplett selbstverständlich vorkommt. Diese Überwindung, sich für Dinge einzusetzen, für die man eigentlich glaubt, sich nicht einsetzen zu müssen ist ein großer und oft schmerzhafter Schritt ins politische Leben.

Denn dann wird schnell klar, dass das, was ich für selbstverständlich halte, von anderen in Fragen des Zusammenlebens nicht zeitgleich auch als normal angesehen wird. Und dass das für diese Anderen sogar häufig auch selbst selbstverständlich ist, es nicht als Norm zu akzeptieren.

Es wird dann auch oft klar, dass es falsch wäre, derartige Selbstverständlichkeiten von Anderen zur Norm werden zu lassen. Womit man direkt auf den Kampfplatz der Politik gelangt wäre – aber weg von jeglicher Selbstverständlichkeit.

Es ist ein schwieriger Unterscheid. Aber auch ein wichtiger, den es gilt, zu kennen.

Und falls Euch nach diesen Ausführungen immer noch nichts einfällt, das für Euch eigentlich selbstverständlich ist, für das Ihr aber trotzdem kämpfen wollt – dann schaut mal ins Grundgesetz.

 

1 Kommentar zu „Der Unterschied zwischen normal und selbstverständlich“

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