Simone Weil: „Anmerkung zur generellen Abschaffung der Parteien“

Wie oft die kurzen Texte mehr Wirkung zeitigen als die langen… Man muss sie nur kennen! Gilt auch für Simone Weils Aufsatz-Vermächtnis „Anmerkung zur generellen Abschaffung der Parteien“.

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Über Simone Weil gibt es genug Informationen im Internet. Daher zur Orientierung – und zur Befriedigung meiner Todes-Obsession – nur den Hinweis, das sie als (heimlich praktizierende) Jüdin 1943 an Lungentuberkulose gestorben ist.

Simone Weil ist, ähnlich wie Nietzsche, ein Spezialfall unter den Philosophen, weil ihr ein ganz eigener Sinn für Unabhängigkeit anhaftet. Ihr ganzes Schreiben ist nachdrücklich und leicht zugleich.

Sie schreibt, als würde sie jeden Satz nur so und nicht anders meinen – und könnte danach aufhören, zu schreiben – und doch ist sie nie an einer Ansicht festgewachsen. Das macht ihre Texte sehr schwierig, aber doch unglaublich leicht zu lesen.

Nur einen Fixpunkt lässt sie gelten: Die Wahrheit. Die reine, absolute Wahrheit. Nach ihr sucht sie, ohne Gnade.

Sie sucht nach ihr auch, ja so scheint es fast sogar vor allem, im politischen Leben und stellt sich die Frage: Wo ist die Wahrheit in der Demokratie? Was ist wahres demokratisches Verhalten, wenn jede Partei in der Demokratie versucht, die ihrige zu pachten und zu verbreiten?

Simone Weil glaubt nicht, dass wahre Demokratie in Parteien möglich ist, weder links noch rechts. Ab einem gewissen Grad sind Parteien für sie nichts anders als totalitär. Totalitär deshalb, weil sie ihre Meinung als gut und des Verbreitens wert darstellen und somit moralischen Druck auf ihre Mitglieder ausüben:

Sobald das Wachstum der Partei ein Kriterium des Guten darstellt, entsteht unweigerlich ein kollektiver Druck der Partei auf das Denken der Menschen. Dieser Druck wird tatsächlich ausgeübt. Er macht sich öffentlich breit. Er ist offen eingestanden, kundgetan. Das würde uns entsetzen, hätte die Gewöhnung uns nicht so verhärtet. (S. 18)

Man gewöhnt sich in der Partei an Unfreiheit, sie schreibt den Mitgliedern vor, was gut ist. Es ist deshalb auch nicht anerkannt, als Mitglied einer Partei gegen Punkte des Parteiprogramms zu sein, das man geschworen hat, zu verbreiten.

Das ist für sie nicht mit dem Hauptziel jedes wahren Handelns vereinbar: Gerechtigkeit. Gerecht sei eine Demokratie nur, wenn ein gemeinsamer, als absolut gut und gerecht erkannte Wille in einem ganzen Volk vorherrscht – wie in der Frühphase der Französischen Revolution:

Der wahre Geist von 1789 besteht nicht in dem Gedanken, dass eine Sache gerecht ist, weil das Volk sie will, sondern darin, dass der Wille des Volkes unter gewissen Bedingungen eher der Gerechtigkeit entsprechen dürfte als jeder andere Wille. (S. 11)

Was wären die perfekten Bedingungen in einer wahren Form von Demokratie, einer Form, die diesem Geist entsprechen? Auf jeden Fall ein Umfeld ohne Parteien, meint Weil.

Denn egal ob links oder rechts: Sobald eine Partei an ihr eigenes Wohl denkt und nicht an die absolute Gerechtigkeit – hier steht die Philosophin mit einem Hauch Absolutismus dem Marxismus nahe –, geht es ihr um das Falsche.

Weil träumt von einer freien Wahllandschaft, in der die Gewählten nicht mehr dem Parteiprogramm hinterherlaufen und ihre eigenen Ideale vergessen, sondern sich in einem, wie sie es nennt, „natürlichen und beweglichen Spiel der Affinitäten“ (S. 30) bewegen.

Heißt: Bei der einen Diskussion wird der eine Gesprächspartner um Hilfe und Rat befragt, bei der anderen ein anderer – je nach Gusto und nach einem gänzlichen eigenen Wertemaßstab in Bezug auf die Kompetenz des Gegenübers.

Meine Meinung zum Thema Abschaffung der Parteien: Mit einer guten Alternative wäre ich dabei.

Meine Meinung zu Weils Alternative: Reichlich naiv, wie ich finde.

Ihr Demokratiebedürfnis ist vorbildhaft. Sie zeigt auch, wie man schwierige politische Themen ansprechend und in knappen Sätzen verpackt. Aber eine Politik ohne Machtbedürfnis, als reines Spiel zu denken, ist mir nicht möglich.

Selbst Weils eigener kraftvoller Duktus zeugt von dem, was bei Antonio Gramsci (kulturelle) Hegemonie heißt: Sie will einen Raum mit einer neuen Theorie einnehmen und bestimmen können, der Veränderungen in anderen bewirkt. Das hat nichts mit Affinität zu tun, sondern ist gerichteter Willen Sie will, dass andere nach dem handeln, was sie schreibt. Und das ist auch richtig so – nur stimmt es nicht mit ihrer Theorie der puren Affinität überein.

Wer mit seiner Meinung an die Öffentlichkeit geht, nimmt damit einen bestimmten Raum, eine bestimmte Menge an Aufmerksamkeit ein. Ich tue dies mit dieser Rezension genauso wie Spiegel Online mit der nächsten Eilmeldung. Nur unterscheidet sich der Umfang dieses Raums und somit die Reichweite der Meinung enorm.

Wer seine Meinung präsentiert, mag zwar nicht darüber nachdenken, welchen Einfluss sie haben kann. Sie kann auch nur im Spiel der Affinität an einen anderen Menschen, der einem nahesteht, übermittelt werden. Doch hat dieser immer noch die Freiheit, diese Ansicht nicht zu teilen oder in einem Gespräch mit einem Dritten anders auszulegen als ich sie verstehe.

Und da beginnt die wahre Politik – und Simone Weils Affinitätskonzept zu schwanken: Versuche ich zum Beispiel, weiter meine Meinung zu verteidigen, sodass der Dritte sie doch irgendwann so versteht wie ich? Oder lasse ich meine veränderte Meinung bei ihm zu und diskutiere mit ihm über die Unterschiede? Wie vereinbare ich seine Andersheit mit mir selbst? Und wo ziehe ich die Grenze?

Besonders die letzte Frage ist wichtig. Politik ist immer Grenzziehung. Denn wenn keine Grenzen gezogen werden, psychologisch wie räumlich, geht das Individuum verloren. Und wie soll ein Individuum Affinitäten entwickeln, wenn es nicht zuvor Grenzen gezogen hat? Die müssen zwar nicht zwingend durch Parteien gezogen werden – aber da sind sie in jedem Fall.

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