Kaffee & Kapital: Ein Interview mit Martin Oetting

„Politik ist letztendlich nichts anderes als Gespräche“. Ein Satz von Martin Oetting, bis vor kurzem Marketing-Fachmann, jetzt Blogger für ein demokratischeres Deutschland.

Auch weil ich kaum einen Satz noch schneller unterschreiben würde als diesen von ihm, haben wir ein kleines Interview geführt.

kaffee-und-kapital

Zunächst ein paar Worte zu Kaffee&Kapital, Martins Blogprojekt. Er hat es vor drei Monaten begonnen, weil er ein neues Gefühl von Unbehagen in sich, aber auch im Land überhaupt gespürt hat. Diesem wollte er etwas entgegensetzen.

Daraus ist – ganz ähnlich wie bei mir – ein Blogprojekt geworden, das eine Plattform für „ein öffentliches Gespräch für unsere Demokratie“ werden sollte. Dafür wollte er – ebenfalls wie ich – Bücher zum Themen wie Gesellschaft, Kapitalismus und mehr lesen und diese zur Diskussion stellen.

Schon bald aber hat es sich in eine andere Richtung entwickelt. Momentan besucht Martin viele öffentliche Veranstaltungen und schreibt anschließend seine Gedanken dazu nieder. Von den Büchern ist er etwas abgekommen, wohl anders als ich, den die Beschäftigung mit der Politik immer tiefer in den Theoriedschungel getrieben hat. Aber dabei soll es nicht bleiben – bei uns beiden nicht.

1. In deinem „Manifest“ zu Kaffee&Kapital mit dem Titel „Das große Unbehagen“ (das erstaunliche Ähnlichkeiten zu meinem Initialtext hat) forderst du ein gemeinsames Umschalten auf „eine große Lust auf die Zukunft“. Worauf meinst du, drei Monate später, können wir derzeit denn Lust haben?

Es gibt unglaublich viel politische Kreativität, in Deutschland und anderswo. Sie sitzt oft noch in Ecken und Nischen, findet im Verborgenen statt. Aber wenn sich diese Ideen an die Oberfläche bewegen und wenn wir daraus gemeinsam größere Projekte und Vorhaben machen, dann kann sich viel bewegen. Beispiele sind Unternehmertum, das auf Genossenschaften basiert, die gesellschaftlichen Nutzen fördern wollen. Oder eine ausgeloste Bürgerversammlung, die echte gesellschaftliche Repräsentation ermöglicht. Bürgerinitiativen, die sich nicht damit abfinden wollen, dass manche Gruppen in der Bevölkerung nicht mehr miteinander reden, und die Ideen entwickeln, wie der Dialog wieder entstehen kann. Start-Ups, die neue Mobilität jenseits der Ölverbrennung anbieten. Was jetzt fehlt: ein Überbau, eine größere Skizze davon, wie wir uns künftig unsere Gesellschaft vorstellen. Daran sollten wir jetzt arbeiten.

2. Nun ist Lust auf Neues das eine – Widerstand (vielleicht gegen Altes?) etwas anderes. Wogegen lohnt es sich für Dich persönlich gerade am meisten Widerstand zu leisten? Und was unterscheidet Widerstand für Dich von Protest?

Ich persönlich verbringe derzeit gar nicht allzu viel Zeit mit Widerstand. Das liegt aber nicht daran, dass ich Widerstand in dieser Zeit nicht wichtig finde — ganz im Gegenteil. Aber Widerstand gegen etwas ist leichter zu organisieren als der kreative Schaffensprozess für etwas. Deswegen ist progressive Politik ja auch immer schwieriger als konservative. Ich versuche mich grade auf den Einstieg in einen derartigen Schaffensprozess zu konzentrieren, weil ich mehr Zeit habe als andere, und weil so ein Prozess Zeit erfordert. Ich bin aber sehr dafür, dass möglichst viele Menschen Widerstand gegen diejenigen leisten, die unsere Weltoffenheit beschränken oder negieren wollen, die meinen, dass eine Scheuklappensicht auf Herkunft oder Abstammung irgendetwas darüber aussagen kann, wer in diesem Land leben darf, oder die internationalen Isolationismus fordern. Das sind dramatisch falsche und für unser Zusammenleben katastrophale Positionen, die dazu noch unfassbar geschichtsvergessen sind. Und gegen die muss man sich wehren. Protest ist dabei für mich eine Form von Widerstand.

3. Das Buch, das Dir gerade am meisten hilft/dabei am meisten geholfen hat?

Leider habe ich ja in den vergangenen drei Monaten gar nicht so viele Bücher lesen können wie ich wollte. Damit will ich mir jetzt wieder mehr Mühe geben. Aber das erste Buch, das ich auf Kaffee & Kapital zusammengefasst habe — Wolfgang Streecks „Gekaufte Zeit“ — hat mir schon sehr die Augen geöffnet. Beispielsweise dahingehend, dass man zugleich Europa-Befürworter sein und den Euro ablehnen kann. Ich will damit nicht sagen, dass ich den Euro ablehne. Aber ich habe begriffen, dass manche von mir als untrennbar zusammen gehörend geglaubte Positionen nicht unbedingt so eng verknüpft sein müssen. Wir haben alle die Lizenz, heilige Kühe zu schlachten, wenn die Vernunft das diktiert.

4. Gibt es Themen, die sich im Laufe der vergangenen Wochen als wichtig herauskristallisiert haben – an die Du aber zu Beginn überhaupt nicht gedacht hast?

Ja, der Wahlkampf der SPD und die Positionen von Martin Schulz. Als ich mit Kaffee & Kapital anfing, war ich auf einen zähen und unerfreulichen Wahlkampf gefasst, in dem Sigmar Gabriel irgendwie aus der großen Koalition heraus einen undeutlichen Halb-Oppositions-Wahlkampf versuchen würde. Aus dieser Sicht habe ich mich bemühen wollen, meinen Beitrag zu einer Debatte darüber zu leisten, was progressive Parteien heute eigentlich leisten sollten, um wieder die Zukunft für Deutschland und Europa gestalten zu können. Soziale Gerechtigkeit wäre dabei ein zentrales Thema gewesen. Aber mit Martin Schulz habe ich das Gefühl, dass diese Debatte schon im ganzen Land angefangen hat. Das erfreut mich, weil damit der Wahlkampf von sich aus Fahrt aufnimmt, manche nötigen Fragen bereits gestellt werden, und ich mehr über die eingangs genannten Themen und Fragen nachdenken kann.

5. Wer wie Du verstehen will, was „die immer stärker werdende politische Unruhe in den westlichen Demokratien“ ausmacht, benötigt einen Sinn dafür, fremde Meinungen zu erkennen und sichtbar zu machen. Was sind Deine Strategien dafür?

Ich entwickle grade mit Freunden ein Projekt, das den Dialog zwischen Menschen fördert, die in ganz unterschiedlichen Filterblasen leben. Ich hoffe, dass es nicht nur mir, sondern auch vielen anderen hilft, neu auf ihre Mitmenschen zuzugehen und friedliche konstruktive Gespräche zu führen. Denn Politik ist letztlich nichts anderes als Gespräche. Je mehr wir führen und dabei konstruktiv und respektvoll bleiben, desto besser wird unsere Politik.

6. Und bleibst Du während alledem Du selbst? Oder wirst Du es vielleicht noch mehr, als Du es zuvor warst?

Letzteres. Ich habe 16 Jahre lang im Marketing gearbeitet, wenn man das Studium dazu rechnet, waren es sogar 21 Jahre. In all der Zeit bin ich nie ganz ich selbst, nie ganz bei mir gewesen. Mit meiner aktuellen Tätigkeit bin ich auf dem besten Weg dahin, es endlich zu sein.

3 Kommentare zu „Kaffee & Kapital: Ein Interview mit Martin Oetting“

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