Alain Badiou: „Auf der Suche nach dem verlorenen Realen“

Was ist Demokratie in Hinsicht auf den Kapitalismus – und was an ihr ist dabei real?

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In den Nachrichten, in Gesprächen, im Kampf um die eigene Zukunft, den Arbeitsplatz – immer wieder tauchen Formulierungen auf, die uns ermahnen: „Sei doch mal realistisch.“ – „So ist es eben.“ – „Du bist noch nicht in der Wirklichkeit angekommen.“

Worte, die uns aus unseren Träumen holen können. Aus unserem Glauben daran, dass es irgendwann gerechter zugehen wird in unserem Umfeld. Dass vielleicht weniger Menschen zu viel Wert auf Geld legen. Dass alle Menschen gleiche Rechte haben. Aus solchen Utopien eben.

Mit dem Wortschatz des Marxismus verteidigt Alain Badiou in seinem Buch „Auf der Suche nach dem verlorenen Realen“ solche Utopien. Es ist aus einem Vortrag hervorgegangen und erinnert in seinem Titel sehr bewusst an Marcel Prousts „Auf der Suche nach der verlorenen Zeit“.

Es geht also nicht nur um Reales, sondern auch um Zeit. Was bedeuten diese Begriffe, einzeln und zusammen?

Badiou versucht zunächst zu erklären, wie ein Lebensumstand als real gültig wird. Er meint, es ist nur möglich „Zugang zu einem Realen“ zu finden, „wenn man entdeckt, was das einer Formalisierung eigene Unmögliche ist.“ (S. 36) Kryptisch formuliert, anhand des Kapitalismus aber leicht zu verstehen.

Der Kapitalismus ist heutzutage ohne Zweifel etwas Reales. Der Mensch entscheidet sich für oder gegen etwas immer auch im Hinblick darauf, ob ihm seine Entscheidung ökonomischen Nutzen bringt. Aber warum?

Weil der Kapitalismus, wie Badiou es nennt, „die Hauptformalisierung“ der heutigen Zeit ist. Die umfassendste Denkweise, die immer präsent ist. Sie wird aber nicht real, weil sie unausweichlich ist, sondern weil es eine Sache gibt, die mit ihr absolut unvereinbar ist: Die Gleichheit.

Nur weil das Konzept der Gleichheit als unmöglich abgestempelt wird, kann der Kapitalismus real werden. Nur weil niemand mehr daran glaubt, dass absolute Gleichheit möglich ist, haben Menschen ihren eigenen Vorteil im Blick.

Im Umkehrschluss heißt das: Wer das ändern will, muss die Utopie der absoluten Gleichheit wieder glaubwürdig machen. Jede neue Politik muss daher von der Gleichheit ausgehen – sie ist der „Zugang zum Realen“ des Kapitalimus (S. 40).

Das hervorragendste Konzept solcher Gleichheit ist der Kommunismus. Doch leider, so zeigt Badiou in einer bestechenden Analyse eines Gedichts von Pier Paolo Pasolini mit dem Titel „Gramscis Asche“, ist dieses Konzept nach dem Zweiten Weltkrieg unglaubwürdig geworden.

Hier tritt die Zeit zum Realen hinzu. Badiou konstatiert, dass die Geschichte träge geworden ist. Pasolini sieht in den Vororten Roms, wo der Kommunist Gramsci beerdigt ist, Menschen, die sich in ihrer bürgerlichen Existenz einkuscheln. Anstatt sich zu fokussieren und zu fragen, was in Zukunft besser werden kann, zerstreuen sie sich nur. Sie wollen, so lange sie leben, außerhalb einer zeitlichen Entwicklung zu einer besseren Welt leben, nur an ihr Wohlbefinden denkend.

Das ist seit den 50ern, in denen Pasolini das Gedicht schrieb, natürlich nicht wirklich besser geworden. Badiou diagnostiziert richtig, wenn er sagt:

Das Reale erscheint, wenn die Zerstreuung außer Atem ist und es nicht mehr schafft, uns vor einem solchen Erscheinen zu schützen (S. 50)

Dazu hat es aber kaum noch eine Chance. Mehr und mehr Zerstreuung lässt es weniger und weniger zu, an Veränderung zu denken. Das Reale des Kapitalismus lässt immer weniger Gründe zu, an eine Zukunft der Gleichheit zu denken.

Aber:

Das politische Beharren muss es schaffen, trotz der Abwesenheit der historischen Hoffnung zu bestehen. (S. 59)

Es ist nicht unbedingt Badious teilweise schleppende und paradoxerweise zugleich hin und her springende Analyse von Molière und Lacan der ersten beiden Teile, die mir von diesem Buch geblieben sind. Es sind die einfachen Sätze, so wie dieser. Sie stammen fast ausnahmslos aus dem dritten Pasolini-Teil der Schrift.

Badiou wiederholt etwas, dass hier schon häufiger Thema: Trotz der Abwesenheit von historischer Hoffnung – es ist so oft schiefgegangen mit den Ideen, den Revolutionen, dem Glauben – muss weiterhin politisch beharrt werden.

Wichtig ist dabei, dass Badiou auch nicht sagt, worauf beharrt werden soll. Denn ob es nun das Ziel ist, zu zeigen, dass die heutige Demokratie, wie er lapidar sagt, nur eine „Maske des Kapitalismus“, ein Schein von Realität sei oder ob es der Kampf für Toleranz ist: Wichtig ist es immer, zu beharren. Und zwar auch auf Standpunkten, die nicht einmal festgelegt und dann für immer verteidigt werden, sondern auch darauf, dass die eigene Meinung fehlbar ist.

Demokratie ist dann für mich eine Umgebung, zu der nicht nur alle Zugang haben – das ist mir, wie für Badiou, selbstverständlich –, sondern innerhalb derer auch alle Zugang zu den Positionen, Meinungen und Irrtümern der anderen haben. Der Umgang mit allem anderen außer einem selbst hat so frei zu sein, dass jeder in der Lage wäre, alle Meinungen der anderen produktiv für alle anzunehmen und zu nutzen.

Was wiederum doch sehr nahe am Kommunismus liegt.


Alain Badiou: „Auf der Suche nach dem verlorenen Realen“, 1. Aufl. 2016, 72 Seiten, 10,20 Euro, erschienen im Passagen Verlag (Facebook).

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