Sarah Kofman: „Nietzsche und die Metapher“

Ich sage es häufig und wiederhole es hier nun auch nochmal öffentlich, zum ersten Mal: Alles führt zurück zu Nietzsche – und dann wieder von ihm weg. Warum, das zeigt (unter anderem) dieses Buch.

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Sarah Kofman war Philosophin und ist zu jung gestorben. Abgesehen von meiner deutlich sichtbaren, mehr als leichten Obsession darüber, wann und wie Intellektuelle, mit denen ich mich befasse, gestorben sind, ist dieser Satz noch ziemlich ungenau.

Weshalb es eben jetzt um ihr Buch gehen soll, das aus ihrer Dissertation bei Gilles Deleuze entstanden ist: „Nietzsche und die Metapher“. Weil es spannend ist, mit ihm auch zu sehen, was Kofman durch Nietzsche hindurch und an ihm entlang zur Philosophin macht.

Es ist ein langes und kompliziertes Buch, das unheimlich leicht zu lesen ist – für alle, die einen Weg finden, zu wissen, wie es leicht zu lesen ist. Kofman schreibt nämlich so leichtfüßig, wie es ihr bei der Lektüre erlaubt wird.

Das bedeutet, sie schreibt so wie Nietzsche in ihren Augen philosophiert hat: Immer in Bewegung – und dabei immer so schnell, wie der Leser bereit ist, einfach zu folgen.

Sofern ich das ohne das Original beurteilen kann, spiegelt das Deutsche (ursprünglich ist das Buch auf Französisch geschrieben worden) dies auch wieder – bis auf ein paar unnötige Rechtschreibfehler in der Übersetzung.

Ein sporadischer Überblick

Worum geht es? Um die Metapher. – Was ist die Metapher für Nietzsche? Die Metapher ist für Nietzsche alles, was wir sagen. Der Mensch spricht immer in Metaphern, er nimmt ein Wort und zieht in ihm mehrere Bedeutungen zusammen. Nur sind diese Bedeutungen für sich selbst stehend wiederum ebenfalls nur in Metaphern auszudrücken.

Das Leben ist für Nietzsche darum ein „Heer von Metaphern“. Bedeutungen, die auf andere Bedeutungen verweisen – aber niemals auf die Wahrheit. Ein endloser Lauf von Übertragungen eines Sinns auf ein neues Wort, eine neue Metapher und damit auch immer von Veränderungen.

Das ist die Kernthese des Buchs. Was zeigt es noch? Es zeigt:

  • weshalb Nietzsche durch ständigen Perspektivenwechsel und permanenter Neuschaffung von allem der Gewährsmann dekonstruktiven Denkens ist
  • inwiefern er als Denker eines „Triebs zur Metaphernbildung“ Vorläufer Freuds war
  • wie die Wissenschaft das Leben zerstören kann, wenn sie ein System aus Begriffen baut – die eigentlich selbst nur Metaphern für andere Metaphern sind und nichts wirklich festhalten
  • dass sich Sinn im Verlauf der Geschichte extrem schnell ändern kann
  • anhand der wackeligen Sinnstiftung der Metapher, dass es so etwas wie Eigentum, geistig wie physisch, nicht gibt
  • nichts Absolutes, keine Wahrheit, die als Endziel dastünde

Jeder, der einem oder mehreren dieser Punkte etwas abgewinnen kann, ist mit diesem Buch gut beraten.

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Doch es ist noch mehr, es ist auf jeden Fall noch mehr in einem Punkt: Die Bewegung Nietzsches, von der Kofman in ihren Denkbewegungen spricht – es ist wichtig, sie als Bewegung des Lebens als Werden zu begreifen.

Das ist das, an dem es leicht es, beim ersten Kontakt mit Nietzsche zu scheitern: Ihn nicht zu lesen, weil er sich bewegt, sondern weil er scheinbar etwas sagt, an das es sich unbedingt zu erinnern lohnt.

In diesem – wie auch vielen anderen Punkten – ist Nietzsche nämlich sowohl andersartig als auch politisch.

Ein Beispiel: Erinnern etwa, schreibt Kofman, hat mit Nietzsche gedacht eine politische Funktion. Sie schafft nämlich Stabilität der Gesellschaft:

Das grundsätzliche Ziel des Gedächtnisses ist es, um jeden Preis die Differenz und die Entstehung als solche vergessen zu lassen: Beide sind für die Gesellschaft Risiken des Wandels, der Instabilität, der Unsicherheit. (S.73)

Beim Vergessen wird nur ein kleiner Rückstand der urprünglichen Fülle an Dinge im Kopf behalten. Das steht den Chancen, neue Blicke auf die Welt zu erhaschen, im Weg:

Das Vergessen ist […] das Produkt einer Perspektivänderung, der die Wertschätzungen der alten Perspektive wie Sand durch die Finger rinnen, weil sie davon nur im Auge behält, was mit dem neuen Blickpunkt vereinbar ist. (S.78)

Das ist schlechtes Vergessen, beschränkendes, ideologisches Vergessen, das auch zu festgefahrenen politischen Meinungen führt. Es ist eines, das vergisst, das es unendlich viele Perspektiven auf die Welt gibt – je nachdem, mit wem man redet und vor allem: Je nach dem Wort – der Metapher – die man gerade benutzt, um die Welt zu beschreiben. Es vergisst, sich nach dem Vergessen einfach weiter zu bewegen und hält sich an Dingen fest, die so oder so verrinnen werden.

Die Alternative ist Vielfältigkeit: „Tausend Augen“ müsse der Mensch haben, meint Nietzsche, denn sein Leben ist eine rasante Entwicklung von einen Blick zum anderen. Warum das nicht ausnutzen und versuchen, zu tanzen, von einer Perspektive zur nächsten und so versuchen zu „erhorchen“, was das Leben ist?

Wieso starr werden? Wieso einen Sinn schaffen mit Wörtern, die nicht Sinn, sondern Metapher, verschobener Sinn auf weiteren verschobenen Sinn sind, die nichts Konkretes bedeuten, sich immer ändern können?

Wieso mit einer festen Meinung und immergleichen Mustern nach Wahrheit forschen, um unsterblich mit einem Gebäude von Gedanken zu werden – um am Ende doch daran zugrunde zu gehen, dass es keine Wahrheiten gibt, die nicht auch anders genannt und ausgelegt werden können?

Wieso nicht einfach werdend bleiben?  Immer unzureichend, aber dafür immer engagiert und hungrig nach anderem, neuen. Einen möglichen Grundsatz in diese Richtung formuliert auch Kofman:

Nichts außer der Bewegung ist unsterblich. (S. 169)

Und diese Bewegung macht auch frei, den Einzelnen und die Gemeinschaft mit Individuen als Teile. Deshalb lehnt sich nicht nur das flexible Format dieses Projekts hier an diese Ideen Nietzsches an, sondern so ist es auch möglich, eine Gesellschaft zu denken. Eine pluralistische, wie sie etwa Chantal Mouffe propagiert.

Denn eine solche Gesellschaft ist frei von Ungerechtigkeit – wenn sie den Widerstand gegen die unterschiedlichen Formen menschlicher Bewegung aufgibt.

Die Ungerechtigkeit, das ist die Weigerung, das Leben in all seinen Gestalten und in seinem differenzierten Pluralismus zu rechtfertigen. (S. 184f.)

Kein System mit Abgrenzung aufbauen. Selber leben, selbst an sich erfahren, wie sich der Blick auf die Welt mit einem Wort, mit einem Satz, mit einem Buch, mit einem Tag ändern kann.

Und erst dann ans Urteilen über andere Menschen gehen. Das hat Nietzsche nämlich nicht verachtet, ganz im Gegenteil. Er hat aber vor allem gezeigt, dass der Mensch zuvor in sich kehren und sich kennenlernen muss – und dass das nicht mit einem abschließenden Urteil über sich selbst vonstatten gehen wird. Dann noch abschließende Urteile über andere zu fällen erscheint geradezu hirnrissig.

All das hat Sarah Kofman mit diesem Buch mitgedacht und mit ihrer Art zu schreiben. Es ist großartig, dass dieses Buch seit nun fast drei Jahren auch auf Deutsch zu haben ist.


„Nietzsche und die Metapher“ ist 2014 im Wolff Verlag erschienen. Es umfasst 290 Seiten und kostet 19,90 Euro. 

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2 Kommentare zu „Sarah Kofman: „Nietzsche und die Metapher““

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