Das hier ist kein Selbstzweck.

Mittlerweile blogge ich seit einem Monat täglich auf dieser Seite. Ich bin politisch so gut informiert, wie ich es noch nie zuvor in meinem Leben war. Warum hier trotzdem nur am Rand davon gesprochen wird, hat Gründe, die ich jetzt erstmals kurz anreißen will.  

Gehen wir von einer testweisen Definition davon aus, was es heißt, öffentlich zu sein.

Alles Öffentliche hat immer etwas mit Raum zu tun. Je mehr Raum jemand mit seiner Stimme, seinem Körper, seinen Ideen bespielen kann, desto größere Chancen haben seine Aussagen auf Wirkung. Und auf Macht.

Jeder Wille, eigene Meinungen und Aussagen zu publizieren, muss daher entscheiden, worauf er bei der Schaffung eines Raumes mit diesen Aussagen Wert legt – und was seine Ziele sind.

Ziel, Waffen und Beweggründe

Vor fast einem Monat habe ich in meinem kleinen Manifest mir selbst gegenüber folgendes geschrieben:

Ich wehre mich nicht gegen Politiker oder gegen dumme Kommentare im Internet, nicht gegen gesellschaftliche Vorurteile und Klischees, auch nicht gegen Donald Trump. Ich wehre mich gegen mein eigenes Gewissen.

Dieses Ziel besteht immer noch so. Ich möchte mein träges politisches Gewissen aufwecken und gegen Teile meiner Ansichten kämpfen, die mir zu wenig konkret, zu unproduktiv, zu schwach entwickelt sind.

Es geht nun darum, den Raum zu finden, der diesem Ziel gut nützt und konstant neue, erweiterte Strategien zu entwerfen, wie es eventuell zu erreichen sei. Dieser Raum soll hier jeden Tag neu eröffnet und zugleich erweitert werden. Mehr Inhalte benötigen von sich aus mehr Raum.

Was sich in den letzten vier Wochen neben dieser Erweiterung des Raums für mein Ziel geformt hat, ist ein besseres Wissen davon, mit welchen Waffen ich den Kampf für dieses Ziel aufnehmen will.

Am Anfang war mir nur eines klar, nämlich dass ich bei dem, was ich zur Verteidigung meines Gewissen schreiben will, einen Bezug zu dem haben soll – eigentlich sogar muss –, was mir am wichtigsten ist. Und das ist das geschriebene Wort. Die Literatur und die Philosophie.

Über Literatur und Philosophie zu schreiben hat nämlich einen immensen Vorteil: Es geht immer (auch) um jemand anderen. Niemals wird dabei allein und nur von einem selbst gesprochen, es ist immer ein Dialog mit einem anderen Menschen. Dieser Dialog hilft mir, mein eigenes Gewissen immer von Neuem und aus anderen Perspektiven zu betrachten.

Die zweite Waffe, die schnell begann, mich ständig zu begleiten, ist die politische Theorie. Ihr soll in Zukunft auch immer mehr Raum gegeben werden.

Doch von ihr solle hier nicht gesprochen werden. Denn die dritte und jüngst immer mehr erkannte Waffe könnte die wichtigste sein: Der Blick für das Randständige. Sie ist die Waffe, die ich mit meinen Veröffentlichungen in den letzten Tagen am meisten schärfen wollte.

Bestimmte Dinge beherrschen die Medien sowieso. Darauf Macht zu beanspruchen, will ich nicht. Das heißt nicht, dass ich mich dieser Macht unterwerfe, weil ich es nicht kann. Ich will vielmehr zeigen, was es bedeutet, zu versuchen, Gegenmächte aufzubauen.

Wer nur ein paar Minuten pro Tag die Schlagzeilen von Zeitungen wie der New York Times, des Spiegel, der taz studiert – nicht mal alle kompletten Artikel dahinter – und ein bisschen Böhmermann guckt, kennt eigentlich alle wichtigen, viralen Polit-Themen. Er (oder sie; Gender kommt bald auch noch…) weiß über die Dinge Bescheid, welche über die großen Nachrichtenmedien Macht haben, weil es notwendig ist, über sie zu berichten.

Weiter dahinter zu steigen, wird dadurch aber nicht direkt leichter. Denn erst dahinter beginnt die Arbeit – und die Sphäre der echten Entscheidungen. Die Entscheidung ist an dieser Stelle zunächst die, politischer Journalist zu werden oder einen anderen Weg einzuschlagen. Ich habe mich für die zweite Richtung entschieden.

Ich schreibe über Themen, die für diesen anderen Weg aus meiner Sicht notwendig sind. Die helfen, hinter etwas anderes zu steigen. Aber nicht, weil ich über nichts anderes schreiben will oder kann, sondern aus einem aktiven Grund. Weil ich mich jedes Mal bewusst dafür entscheide, dass diese Themen notwendig sind – und nicht nur aus persönlichem Interesse gewählt.

Es fällt mir nicht leicht, ständig über diese Themen zu schreiben, mich jedes Mal für Dinge einzusetzen, die mir wichtig sind, aber vielen anderen nicht. Denn Notwendigkeit bedeutet nicht, dass viele Menschen an ihrem Gegenstand interessiert sein sollten.

Meine Beiträge sind notwendig, um zu zeigen, dass Widerstand nur ein Wort ist. Der Begriff schließt ist kein Dogma. Es ist nicht nur notwendig, widerständig über Themen wie Revolutionen, soziale Ungerechtigkeit, Demokratie, rechte Ideologien zu berichten.

Um das Wort Widerstand hängt ein derartiger Nimbus, der viele, die ich auf das Projekt hinweise, zurückzucken und sofort fragen lässt:

„Und wogegen leistet du Widerstand?“

Die Frage ist nicht problematisch, weil ich darauf keine Antwort weiß. Sie ist es, weil ich keine eindeutige Antwort geben will.

Widerstand ist permanente Aktion und neues Bedenken des Begriffs und des Tuns, das damit zusammenhängt. Es ist die Ausdauer, zu der ich mich täglich neu motivieren muss, die meinen Widerstand ausdrückt.

Er liegt nicht in dem, über das ich schreibe, sondern in dem, dass ich schreibe.

Das heißt in Bezug auf die Überschrift: Selbstzweck ist das Projekt nicht nur nicht, weil ich im Dialog mit dem geschriebenen Wort immer andere zu Wort kommen lasse, sondern weil der Zweck daran für mich im Akt des Schreibens liegt. Während ich schreibe, leiste ich Widerstand, weil ich mich entscheide, dass es notwendig ist, zu schreiben.

Das Veröffentlichen zeigt dann nur noch auf, was für Widerstand ich geleistet habe. Es ist kein Selbstzweck mehr, weil dieser schon im Schreiben lag. Ich habe bereits für mich selbst gelernt, als ich geschrieben habe und stelle dieses Gelernthaben hin, nicht mich selbst.

Das Veröffentlichen ist damit ein Angebot an alle Leser, diese Leistung und diesen Lernprozess für sich selbst zu bedenken, zu bewerten und vor allem mit eigenem, angesichts meiner Aussagen womöglich sogar notwendig werdenden Widerstand zu kritisieren.

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