Kollektive Archivarbeit: „Eine Geschichte des modernen Gelsenkirchen in 25 Objekten“

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Jeder Mensch hat eine natürliche Schwelle eingebaut, die leicht zu übertreten ist, doch von der es danach schwer ist wieder zurückzukehren: Die Schwelle des Vergessens.

Das Vergessen hat ein positives, helles Gegenstück: Das Erinnern. Schiebt das Vergessen Erfahrungen, Wissen, Bedeutungen ins anziehende Dunkel, so zieht sie das Erinnern unter großer Anstrengung, gegen den Widerstand der Schwelle des Vergessens, wieder hervor.

Zwischen diesen beiden eingebauten Eigenschaften des Menschen steht immer ein Ort. Dieser Ort ist das Archiv. In uns drin heißt dieses Archiv Gehirn, außen hat es andere, oft geografisch bestimmte Namen. Unser Gehirn ist ein Archiv des Einzelnen, alle anderen gehören Kollektiven.

Alle Archive sind auch Institutionen. Unser Gehirn ist Institution unseres Selbst, Archive wie das des Instituts für Stadtgeschichte in Gelsenkirchen ist eine Institution dieser bestimmten Stadt – in diesem Fall der Stadt meiner Herkunft. 

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In der „Geschichte des modernen Gelsenkirchen in 25 Objekten“ wurde nun eine neue Historie dieser Stadt geschrieben. Wer hat sie geschrieben und über was schreibt er oder sie?

Das „wer?“ ist schnell beantwortet: Das Buch, im Klartext Verlag erschienen, war ein Projekt Masterstudenten der Geschichte aus Münster.

Und sie haben über das geschrieben, was im Titel steht: 25 Objekte – mal Papiere, mal riesige Zahnräder aus Stahl, die beinahe unbemerkt in der Stadt herumstehen.

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Von diesen einzelnen Objekten gehen die 25 unterschiedlichen, selten mehr als fünf Seiten umfassenden und mit vielen Fotos ausgestatteten Artikel aus – um dann häufig eine ganze Themen und ihre Geschichte zu umgreifen. Geschichten, von denen ich oft noch nichts wusste, etwas der des Taubensports im Ruhrgebiet oder selbst der zur Regionsgeschichte gehörenden Epoche der ausländischen Gastarbeiter in Zechen und anderen Industrien.

Natürlich sind diese Beschreibungen nie vollständig – doch da auch der Raum der Objekte, von denen sie ausgeht, kein großer ist (häufig waren sie jahrelang verschlossen und sind kaum einem bekannt), ist das auch nicht der Anspruch.

Vielmehr dienen die unscheinbaren Objekte als neue Quelle von Wissen und Aufmerksamkeit. Sie rücken die Stadt, die Region, sogar das Land und Europa in neue Perspektiven und zeigen andere Seiten.

Ein Bild, das für einen derartigen Effekt häufig verwendet wird, ist der des Kaleidoskops. Durch eine Öffnung eines bestimmten Gegenstandes entsteht ein vielfältiges Bild, meist voller Farben und Anekdoten.

Das besondere an diesem Buch: Hier sind es 25 kleine Kaleidoskope, die zu einem Ganzen zusammengeführt werden. Zusammen sind sie nicht nur Bilder, es ist auch möglich zu erkennen, dass sie auf verschiedene Weise sprechen. Ihre einzelnen Bilder werden zu einer Gesamtsprache der Stadt. Das weiß auch die Beschreibung auf der Buchseite des Klartext Verlags:

In diesem Buch werden 25 ausgewählte Objekte aus dem Zeitraum von der Stadtwerdung um 1875 bis in die Gegenwart zum Sprechen gebracht – Alltagsgegenstände, die auf den ersten Blick belanglos wirken mögen, ebenso wie Denkmäler und Kunstwerke, die vielen Gelsenkirchenerinnen und Gelsenkirchenern ein Begriff sind. Ihre Geschichten fügen sich zu einer bewegten Stadtgeschichte, die faszinierende Perspektiven auf Unbekanntes eröffnet und Bekanntes in neuem Licht erscheinen lässt.

Was bedeutet das für das Erinnern und Vergessen? Es bedeutet, dass beide Elemente hier zusammengefügt werden.

Mithilfe der Objekte wird sich über die Institution des Archivs oder der heutigen Stadt an Vergangenes erinnert.  Da um die Objekte herum aber auch das heutige Leben pulsiert, erkennen sie an, dass es zum Verlauf der Zeit gehört, zu vergessen.

Ihre Geschichten zeigen alle, dass sie eine Zwischenposition einnehmen, einen bislang leeren Raum zwischen Vergessen (ihre ursprüngliche Welt gibt es nicht mehr) und Erinnern (sie sind dennoch da) – und diese füllen sie mit eigener Kraft aus.

Zugleich lassen sie auch Platz für andere Interpretation ihrer Bedeutung. Besonders ihrer Bedeutung für Menschen, die nicht aus Gelsenkirchen kommen – wie ja auch die Autoren der 25 Beiträge.

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