Widerwillig verlegen #2: lisbon poets & co.

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Bilinguale Editionen fremdsprachiger Bücher sind etwas wundervolles. Denn sie zeigen einen der schönsten Widerstände auf, den es gibt: Die Sprachbarriere.

Die Sprachbarriere ist deshalb ein schöner Widerstand, weil ihr Dasein niemand anderem außer einem selbst zuzuschreiben ist. Nur wer eine Sprache selbst zu lernen beginnt, kann sie überwinden.

Ihr kann nur noch auf einem anderen Weg beigekommen werden: Nämlich dem, eine zweisprachige Ausgabe zu kaufen, die aus einer Fremdsprache besteht und einer Sprache, die man beherrscht. Dann gibt es die Chance, sich über die bekannte Sprache in die Wörter der anderen einzufühlen. Empathie für neue Worte gegen das Unwohlsein bei fremden Sprachen.

Auf Reisen ist es am besten möglich, neue Wege der Überwindung dieses Widerstands zu entdecken. So ist es auch mir wieder geschehen, in Portugal.

Dort bin ich auf einen jungen, 2015 in Erscheinung getretenen Verlag gestoßen, der sich der Mehrsprachigkeit so radikal wie nur möglich verschrieben hat, um portugiesische Lyrik in Europa bekannt zu machen: lisbon poets & co.

Sechs Veröffentlichungen haben die Buchmacher bisher zu verzeichnen – wovon vier aber im Grunde dieselbe sind: Eine Anthologie von Lissabonner Dichtern, „Lisbon Poets“ eben.

Fünf Dichtern, um genau zu sein: Luís de Camões, Cesário Verde, Mario de Sá-Carneiro, Florbela Espanca und Fernando Pessoa.

Das Besondere: Die Anthologie gibt es in vier unterschiedlichen Sprachen: Englisch, Italienisch, Französisch und Chinesisch. Jeweils mit dem portugiesischen Original auf der linken Seite des Buchs.

Nach dieser Sammelvorstellung der fünf vielleicht bedeutendsten Lyrikern des Landes hat lisbon poets & co 2016 mit der Vermittlung einzelner Persönlichkeiten begonnen. Neben einem Kinderbuch, das in die Denkwelt Fernando Pessoas einführt, hat mich vor allem die neueste Veröffentlichung angezogen – die ich auch gekauft habe.

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Es ist das „Buch von Cesário Verde“ – auf Portugiesisch und Englisch erschienen, daher mit dem offiziellen Titel „The Book of Cesário Verde“.

Verde – dort einfach Cesário – war ein Star der portugiesischen Lyrik um 1900. Er starb jung.

Er war der erste, der sich in langen Gedichten mit der Bedeutung der Industrie und der wachsenden Großstadt Lissabon befasst hat. Sie wurden posthum von einem Freund gesammelt und publiziert.

Sein Gedicht „O sentimento dum ocidental“ („The Feeling of the Westerner“) gilt in Portugal als das vielleicht bedeutendste Gedicht des 19. Jahrhunderts – und kann diesen Titel, so mein Eindruck nach den ersten Lektüren, auch absolut beanspruchen. Ins Deutsche wurde es bislang noch nicht übersetzt.

Sein Lissabon ist voller Hindernisse, unüberwindbarer. Und doch lebt er weiter. Und schreibt dagegen an. Er schaut hin, wo er eigentlich nicht mehr hinschauen will. Auf Elend, Armut, Ungerechtigkeit. Melancholisch, voller Sehnsucht, aber immer mit dem Blick für die anderen.

Ein Widerstand der Trauer, der sich dann etwa so anhört:

Mas se vivemos, os emparedados,
Sem árvores, no vale escuro das muralhas!…

And yet we, the immured, live on
within the dark and treeless vally of our walls!…

[…]

E, enorme, neste massa irregular
De prédios sepulcrais, com dimensões de montes,
A Dor humana busca os amplos horizontes,
E tem marés, de fel, como um sinistro mar!

And, hulking amid this unruly mass
of grave constructions mountainous in size,
human woe strives toward the vast horizons,
and swells with tides of bitterness, like some grim sea!

Ich könnte unendlich weiter zitieren. Aber das wäre redundant und somit ohne Widerstand

Daher sage ich nur noch eins: Entdeckt Cesário neu!


Bislang hat lisbon poets & co nur eine Facebook-Seite und keinen Online-Shop. Ich finde, das sollte sich bald mal ändern – und werde mich dafür einsetzen. Bis dahin gibt es hier noch eine längere Online-Biografie des Dichters.

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