Strategie und Taktik

Politische Theorie ist immer auch ein sprachliches Abenteuer. In ihrem Terrain sollte jeder wissen, mit welchen Worten er es zu tun hat. Ein Gegensatzpaar, welches damit einhergehende Probleme hervorragend ausstellt, ist das von Strategie und Taktik.

Bei ihnen ist nämlich ein Unterschied am Werk, der keine genaue Grenze kennt. Daher ist es schwierig, bei einem ersten Blick in den Duden schon abgetrennte Anwendungsfelder von Strategie und Taktik zu erkennen.

So definiert Deutschlands Wörterbuch den Begriff der Strategie:

Strategie, die: genauer Plan des eigenen Vorgehens, der dazu dient, ein militärisches, politisches, psychologisches, wirtschaftliches o.ä. Ziel zu erreichen, und in dem man diejenigen Faktoren, die in die eigene Aktion hineinspielen könnten, von vornherein einzukalkulieren versucht (Link)

Der Duden nennt außerdem die Beispiele „die richtige, falsche Strategie anwenden“ und „eine Strategie des Überlebens, zur Lärmbekämpfung ausarbeiten“.

Und im Vergleich der „Taktik“-Eintrag:

Taktik, die: aufgrund von Überlegungen im Hinblick auf Zweckmäßigkeit und Erfolg festgelegtes Vorgehen (Link)

Hier halten etwa die Anwendungsbeispiele „eine wirksame, verfehlte Taktik“ oder „eine Taktik verfolgen, einschlagen, entwickeln, aufgeben“ die Stellung.

Beide haben eines gemeinsam: Das Wort „Vorgehen“. Der tägliche Wortgebrauch würde dem nicht wiederspechen: Ich verfolge ja in meinem Vorgehen eine Taktik genauso wie eine Strategie.

Aber ist das wirklich so? Obwohl ich bei beiden Dingen „vorgehe“ – verfolge ich nicht auf unterschiedliche Weise? Auf welchem Weg verfolge ich eine Taktik, auf welchem eine Strategie? Und laufe ich dabei gleich schnell und gleich zielgerichtet?

Zur Beantwortung dieser Frage, der Frage nach der Weise eines Wortes, hilft immer ein Blick in die Etymologie.

Wiktionary sagt, basierend auf Kluges Etymologie-Lexikon: Beide Begriffe, Strategie und Taktik, folgen einer Spur, die über das Französische des 18. Jahrunderts (stratégie/tactique) auf das Altgriechische zurückgeht.

Die Wurzel der Strategie liegt dort im Begriff der στρατεγία (strategía), der der Taktik im Wort τακτικὴ (taktiké), welcher wiederum aus τέχνη (téchne) abgeleitet wurde.

Mögliche Übersetzungen der drei Worte:

  • στρατεγία (strategía) = Feldherrnkunst, Taktik
  • τακτικὴ (taktiké) = Lehre von der Anordnung
  • τέχνη (téchne) = Handwerk, Kunst, Kunstfertigkeit

Hier treten die Überschneidungen klar zutage: Die Strategie (des Feldherrn) ist demnach auch eine Taktik, welche wiederum als Lehre von der Anordnung ebenso eine Kunst ist wie die Taten des Feldherrn. Aber: Eines ist die Taktik, was die Feldherrnkunst nicht ist – Handwerk, Technik.

Wer taktisch handelt, hält dazu eine Technik bereit, die er kunstfertig ausübt. Ihr Zweck ist der der Anordnung der Welt nach den Vorstellungen, die hinter der Taktik stehen. Taktiker ordnen die verschiedenen anvisierten Objekte ihres Handelns nach ihrem Willen an. Die Technik wird zum Wohl der Anordnung nicht infrage gestellt

Strategisches Handeln hat nichts mit Ordnung zu tun, sondern mit Übersicht. Es hat keine Technik, es ist selbst Technik, und zwar Technik des Kalkulierens von Risiken verschiedener Techniken. Sein Wille ordnet nicht Bestehendes an, sondern analysiert Bestehendes, sodass es nach seinem Willen getrennt und sondiert wird.

Dadurch stellt sich der Stratege der Herausforderung einer ungeordneten Welt. Der Taktiker will ihr Ordnung aufdrängen. Er glaubt dazu an die Technik, die er anwendet. Der Stratege glaubt daran, dass sein Blick weit genug sein wird, um eigenständig, ohne dogmatische Ordnungsrichtlinien, dafür mit Versuchen, Irrtum und Durchhaltevermögen ein Bild des Ganzen zu produzieren.

 

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