Permatemps

Ein neues Unwort! – Ein Kommentar dazu, dass ich ein „Permatemp“ bin, aber irgendwie auch nicht.

Die prekäre Lage von vielen 20- bis 30-Jährigen in Europa lässt trotz des politischen Wirbelwinds der letzten Wochen sogar Amerika aufhorchen.

Mit dramatischen Fotos und vielen Gesprächen hat die New York Times sechs junge Uni-Absolventen aus Spanien, Italien und anderen EU-Ländern (nicht Deutschland) in ihrem Alltag begleitet. Wobei Alltag für sie Jobsuche heißt.

Es ist immer wieder erschreckend zu sehen – gerade wenn man wie ich (zurzeit) durch die Familie und glückliche Jobangebote abgesichert ist –, wie nach der Uni eine Existenz auf dem Spiel stehen kann.

Aber wieso muss dafür ein Kunstwort her? „Permatemp“ nennt der Artikel die jungen Menschen, die einen Job nach dem nächsten suchen. Eine Bezeichnung für die ständige Lage „zwischen Jobs“  und die Menschen, die sich in ihr wiederfinden.

Das Wort stört mich.

Es soll eigentlich bezeichnen, dass die jungen Europäer, die die Times hier interviewt, von einem befristeten Vertrag in den nächsten schlittern und deshalb Lebensträume wie Heirat oder ein Haus aufgeben mussten.

Die Sache ist die: Ich selbst habe nie das Gefühl gehabt, dass es für mich in Zukunft anders sein könnte. Das, was für die Interviewten eine Lebenssituation ist, in der sie sich gefangen fühlen, ist für mich der anvisierte Normalzustand und ich bereite mich darauf vor.

Ich studiere Germanistik. Ich werde dafür großzügig finanziell unterstützt. Manche haben dafür die Familie, andere das Bafög-Amt, andere Stipendien. Das wird aber nicht immer so sein.

Ich habe keine Illusion darüber, was in Zukunft alles auf dem Spiel stehen kann: Weshalb ich aber auch einfach keine Erwartungen für die Zukunft aufbaue, die sie mir nicht erfüllen kann, basierend auf der aktuellen Einkommenslage.

Ich kümmere mich finanziell um heute und morgen. Vielleicht noch die nächsten ein, zwei Monate. Heißt, ich bin ein Permatemp. Nur eben nicht in einem befristeten Vertrag, sondern in einem befristeten Planungsbereich.

Das Interview gibt den Eindruck, als würde das aber für meine Generation durch die Bank nicht reichen:

Young people talk of delaying marriage and families indefinitely. And though many were grateful for any workplace experience, they were also cynical about companies that treated them like disposable labor.

Vielleicht bin ich für diese Wünsche noch zu jung. Vielleicht habe ich keine schlechten Erfahrungen mit Arbeitgebern gemacht.

Vielleicht kann ich aber auch einfach nicht zynisch werden, da ich eines weiß – und auch weiß, dass ich das nicht ändern kann: In einer Zeit digitaler Technologie, Wirtschaftskrisen und wachsender Feindlichkeit in der Gesellschaft ist potentiell jede Arbeit „disposable“, ersetzbar.

Es ist für mich nicht nur unnötig, für die daraus entstehenden Schwierigkeiten das Wort „permatemps“ zu verwenden, sondern für meinen Lebensstil sogar schädlich. Denn es suggeriert durch seinen Gegensatz von permanenter Arbeit (gut) und temporärer Arbeit (schlecht) eine gute Lebensweise (Vollzeitjob) und eine schlechte (Teilzeitjob[s]).

Ich will mich aber nicht schlecht fühlen müssen dafür, dass ich finanziell nicht weiter planen kann.

Denn das Leben selbst ist „permatemp“. Das soll nicht fatalistisch heißen: Es kann jederzeit zu Ende sein. Sondern: Jederzeit kann ein Lebensabschnitt wechseln. Nicht nur im Job.

Was ich dagegen tun kann ist nur eins: Meine Lage immer wieder überdenken. Und, wie das Klischee sagt: „An ihr wachsen“. Oder, um es anders zu sagen: Immer einen anderen Weg im Blick haben, ohne ihn als schlechter oder besser als meine aktuelle Situation zu bewerten.

Aber auch das ist Luxus, ich weiß. Viele haben nicht einmal die Chance für diesen Blick.

Aber trotzdem will ich kein Permatemp sein. Sondern einfach arbeiten, wenn ich davon überzeugt bin, dass es richtig ist, zu arbeiten. Egal als was oder für wieviel Geld.

Und vielleicht ist das naiv. Aber sollte es mich daran hindern, jetzt das zu schreiben, zu sagen, zu tun, was ich für richtig halte?

Wer sich als Permatemp begreift, so scheint mir, verliert diese Möglichkeit des freien Handelns auf ganz grundlegender Ebene einfach nur durch dieses Wort. Wer sich als Permatemp begreift, sieht befristete Arbeitszeiten pauschal als Käfig und Vollzeitjobs als die Rettung. Das ist das Problem. Denn ich glaube nicht, dass das so einfach ist.

 

2 Kommentare zu „Permatemps“

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