Der Widerstand (k)einer Lücke/Auf Lücke lesen

Derrida hat mich länger gefangen genommen als gedacht, weshalb ich auch einen zweiten Widerstandsbegriff durch ihn kennengelernt habe: Die Lücke.

derrida_postkarte

Nach „Marx & Sons“ als nächstes von Derrida sein literarisches Hauptwerk „Die Postkarte“ zu lesen, war offenbar notwendig. Das Buch, in Brief-/Postkartennachrichten an eine unbekannte Geliebte geschrieben, hat mich gefangen genommen.

Vielleicht wegen der folgenden deutlichen Anweisung zu Beginn:

Nun, es ist schlecht, vom Schlechten kenne ich keine andere Definition, es ist schlecht, seine Lektüre zu prädestinieren, es ist immer schlecht, vorzudeuten. Es ist schlecht, Leser, nicht mehr gern zurückzukommen rückwärts. (S. 5)

Zwischen dieser Freiheit, immer wieder im Text zu springen und einer klaren Richtung schwanke ich ständig – beim Lesen und auch, wenn ich hier schreibe.

Ich will nämlich mit diesem Projekt eigentlich ein Ziel verfolgen, aber genauso eigentlich auch nicht unbedingt ankommen. Eigentlich ist es nämlich tödlich für politische Theorie, irgendwo anzukommen – denn das wäre ja das Ende des Handelns.

Zum Glück baut Derrida in der „Postkarte“ etwas ein, das zeigt, dass im Grunde wirklich nie angekommen wird: Lücken.

Seine (zumindest datierten) Briefe sind nämlich nicht vollständig. Sie brechen regelmäßig zwischendurch ab – und zwar kalkuliert: Derrida selbst sagt, es fehlten immer 52 Zeichen, die hinzu gedacht werden müssen. Er nennt es Chiffre. Ein Code, den nur er und der/die Angesprochene kennt.

Heißt: Es sind planmäßige Lücken. Um die „Postkarte“ zu lesen, müssen sie mitgelesen werden – und zugleich auch mit Sinn gefüllt, damit der Text (voller wunderbarer Liebeserklärungen) auch verständlich bleibt. Sie sind negativer

Sie sind der Grund, aus dem ich das Buch „auf die Lücken hin“ und „lückenhaft“ zugleich lese. Es ist nie vollständig, dafür gibt es zu viele Widerstände. Aber zugleich sind sie es auch, die mich – wie es Derrida schon in Marx & Sons so schön sagt – immer wieder neu anfangen lassen.

Sie lassen einen merken, was der Mensch ist. Etwas, das Derrida  auch selbst von sich sagt, ebenfalls zu Beginn eines Abschnitts nach einer Lücke:

weil ich ein wahres Netz von Widerständen bin, mit diesen inneren Scheidewänden, diesen Dreiergrüppchen, die nur auf einer Seite kommunizieren (wie nennt sich das?), um sich nichts auspressen zu lassen, der Folter nicht nachzugeben und letztlich nicht verraten zu können. Was eine Hand tut, weiß die andere nicht (Definition des islamischen Almosens? (S. 55)


Jacques Derridas „Die Postkarte“ ist auf Deutsch in zwei Bänden im Berliner Verlag Brinkmann & Bose erschienen. Leider ist es vergriffen – doch in einigen größeren Bibliotheken auch noch zur Leihe zu bekommen. Antiquarisch ist es sehr teuer.

Kommentar verfassen

Trage deine Daten unten ein oder klicke ein Icon um dich einzuloggen:

WordPress.com-Logo

Du kommentierst mit Deinem WordPress.com-Konto. Abmelden / Ändern )

Twitter-Bild

Du kommentierst mit Deinem Twitter-Konto. Abmelden / Ändern )

Facebook-Foto

Du kommentierst mit Deinem Facebook-Konto. Abmelden / Ändern )

Google+ Foto

Du kommentierst mit Deinem Google+-Konto. Abmelden / Ändern )

Verbinde mit %s