Geld und Wortschatz

Ein Gespenst geht um in Ü50-Deutschland: Wohlstand und Sprachfähigkeit gehen angeblich zwanghaft Hand in Hand. Und die linke Jugend ist schuld daran.

Robert Pausch von ZEIT Campus ONLINE hat im letzten Sommer Wolfgang Merkel, Direktor der Abteilung Demokratie und Demokratisierung am Wissenschaftszentrum Berlin für Sozialforschung (WZB) und Professor für Politikwissenschaft an der Humboldt-Universität zu Berlin zur Situation der deutschen Linken und ihres Nachwuchses befragt.

(Woher Merkel die Informationen hat, auf denen seine im folgenden von mir teilweise gezeigten Antworten beruhen, wird nicht ein einziges Mal behandelt. Stattdessen hagelt es ausschließlich Links auf die „echte“ ZEIT Online. Für externe Verweise, die differenzieren könnten, scheint keine ZEIT da zu sein.)

Bei der Frage nach der inhaltlichen Ausrichtung der jungen deutschen Linken hat Merkel eine klare Meinung:

Die Frage danach, wie sich gesellschaftlicher Wohlstand gerecht verteilen lässt, war ja seit jeher der Wesenskern linker Politik. Und der ist unter jungen Linken heute fast gänzlich in den Hintergrund getreten. Stattdessen dominieren kulturelle und identitätspolitische Themen, über die sich junges Linkssein heute definiert.

Einer meiner Wesenskerne ist ja: Pauschale Urteile über die „Jugend von heute“ gehen einfach immer schief.

In Reaktion auf solche Aussagen bin ich daher ganz pragmatisch: Ein Spieß kann immer umgedreht werden. Hab ich von Voltaire.

Wer nicht sagt: „das Thema des gesellschaftlichen Wohlstands ist unter jungen Linken heute fast gänzlich in den Hintergrund getreten“, sondern: „erst ein multikulturell gebildeter und dennoch identitätssicherer Mensch kann dauerhaft selbstverantwortlich für sein Gehalt sorgen, ohne anderen zu schaden“, malt ein ganz anderes Bild.

So leicht lassen sich plakative Gesamturteile aushebeln.

Genauso wie sein zweites:

Die junge, intellektuelle Linke hat den Bezug zu der Unterklasse im eigenen Land fast gänzlich verloren. Da gibt es vonseiten der Gebildeten weder eine Sensibilität noch eine Aufmerksamkeit und schon gar keine Verbindungen mehr. Die Linke hat sich eben kosmopolitisiert und [..] ihren politischen Schwerpunkt auf eine kulturelle Ebene verlagert, und eben auf dieser Ebene unterscheiden sich die Milieus der hoch und weniger Gebildeten deutlich voneinander. Dieser Verlust der Kommunikation zwischen den Klassen, wenn ich diesen Begriff einmal verwenden darf, ist massiv und ein Problem für die soziale Gerechtigkeit.

Dazu ein kleiner Medienexkurs: Das Interview mit Merkel, in dem er über Kommunikationsverlust redet, ist im Internet, dem kommunikativsten Medium aller Zeiten, veröffentlicht. Fast 60 Millionen Deutsche haben einen Internetanschluss.

Wer das Interview lesen will, egal aus welcher „Klasse“, der kann es lesen. Niemand verbietet es einem – außer der eigene Satz Vorurteile über das, was man kann, sollte, muss und was nicht. Zu denen übrigens auch häufig zählt, dass die ZEIT eine Zeitung der links orientierten Intellektuellen sei – was Merkel in meinen Augen auch beweist, in dem er dieses Publikum provozierend bedient.

Aber das ist noch nicht einmal das größte Problem an dieser Antwort. Dieses liegt in ihrer universalen Negativität. Alles an linker Aktivität, wie Merkel sie sieht, wird im Gegensatz zu konventionell positiv bewerteten Begriffen abgewertet.

Was das bringt? Nichts, nur abstumpfende Sensibilität für seine Aussagen, also das, was er selbst kritisiert. Denn zu viele Dinge bleiben dabei schwammig: „Bezug“, „Unterklasse“, „Aufmerksamkeit“, „Verbindungen“, „kulturelle Ebene“, „Milieu“, „Kommunikation“, „soziale Gerechtigkeit“.

Für keinen dieser Begriffe steht dem Leser eine durch Merkels sonstige Antworten klar erkennbaren Haltung zur Verfügung, mit der er, der Leser, die eigene vergleichen kann. Sie bleiben diffus und bieten somit Raum für Klischees des Klassenkampfes zwischen arm und reich, wortkarg und wortgewandt, dumm und altklug.

Wer sich schon für so eine oberflächliche Darstellung zugunsten der präzisen Formulierung entschließt, sollte zumindest auch dafür sorgen, dass deren Verlauf als Spirale nach oben fortschreitet und nicht in den Sumpf der Ungenauigkeit absinkt.

Sonst werden Platitüden produziert. Wieder Merkel:

Im Schatten der wachsenden kulturellen Sensibilität der Linken ist also eine neue Klassengesellschaft entstanden. Und diese Klassengesellschaft ist bislang zumindest nicht Thema des jungen intellektuellen Diskurses.

Anstatt die zig Fragen, die auf diese Behauptung entstehen – wie kann Sensibilität einen Schatten haben? was für eine neue Klassengesellschaft meint Merkel und was hat sie mit Bildung zu tun? – ist das Interview an dieser Stelle zu Ende.

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