Jacques Derrida: „Marx & Sons“

Ich habe bislang noch nichts von Karl Marx gelesen und frage mich trotzdem schon, ob er mir Ideen vererbt hat. Außerdem bin ich mir nicht sicher, ob ich politische Haltung habe – mehr, als bisher zuvor, obwohl ich fester stehe in dem, was ich sage. Alles Dinge, für die ich diesem Buch dankbar bin.

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Wer zumindest hauchweise merkt, wohinter er bei Jacques Derrida steigen muss, um dessen Philosophie in sich zu begreifen, wird unheimlich belohnt. Ich sage: Immer wieder neu versuchen.

„Marx & Sons“ zählt als mein dritter Anlauf. Zuvor habe ich es mit dem Aufsatz zur différance und „Die Schrift und die Differenz“ versucht.

Es hat aber erst jetzt geklappt. Ich habe ansatzweise begriffen, was originell an Derrida ist, wie er als Witz scheint, um ernst zu bleiben.

Dazu ein wenig Hintergrund, welches Material mir das beschert hat. Derrida hat 1995 ein Buch über marxistische Theorien geschrieben: „Marx‘ Gespenster“. Eine der Fragen dieses Buches ist, auch ohne Marx gelesen zu haben, ganz leicht zu verstehen: Marx wollte den Besitz abschaffen, der Kommunismus ist die besitz- und klassenlose Gesellschaft. Dann ist er gestorben und hat ein Testament hinterlassen, ihm Nachgeborene haben sich zu materiellen wie intellektuellen Erben seiner selbst entwickelt. Diese besitzen (und besetzen) damit Marx. Und um seine Idee zu diskutieren müssen sie ihn auch weiterhin besetzen.

Wie kann der Marxismus aber dann noch möglich sein, wenn seine Idee sich selbst jetzt und in aller Zukunft widerspricht? Wenn es nicht ohne Besitz seiner Theorie möglich ist, Besitzlosigkeit zu diskutieren?

Marx ist für Derrida in diesem Paradox zum Gespenst geworden: Sein Körper ist tot, seine Idee kein zu erreichendes Ziel mehr, aber in Begriffen und seinem Namen, wenn er genannt wird, ist er immer noch präsent. Sein Einfluss ist vergleichbar mit dem des Geistes von Hamlets Vater, der weder tot noch lebendig ist, auf seinen Sohn. In seinem Befehl, zu töten, stürzt er den eigentlich lebendigen in die existenzielle, zwischenweltliche Krise des“Sein oder Nicht-Sein“.

Derrida fasst solche Komplexe mit dem Begriff hauntologyder Logik des Gespensts.

Eine zweite Ebene entfaltet in „Marx & Sons“. Darin setzt sich Derrida mithilfe seiner Gespenstertheorie mit Kritikern von „Marx‘ Gespenster“ auseinander. Es ist das Erbenparadox auf zweiter Stufe: Wie reagiere ich auf Kritiker, die eine „hauntology-Kritik“ des marx’schen Erbes mit ihrer von Marx geerbten Theorie kritisieren?

Seine versuchte Antwort: Indem ich performativ davon absehe, diese Frage konkret zu behandeln. Indem ich in meiner Kritik selbst ein Gespenst werde, „Messianisches ohne Messianismus“ durchführe, wie er es nennt: Ich zitiere ältere Texte von mir als Beleg gegen Anschuldigungen (Vergangenheit) und verweise außerdem darauf, dass zwar Marx‘ Hoffnung auf eine besitzlose Gesellschaft unmöglich ist, die Hoffnung (Zukunft) selbst aber dadurch befreit und neu wirksam wird. Meine Schrift, die von mir absieht, ist messianisch in Bezug auf meine Theorie.

Dafür muss ich immer vom Augenblick absehen. So werde ich, indem ich mein Denken von den Zwängen der absoluten Gegenwart befreie, selbst zum Gespenst.

Derrida vermag es, darin die absolute Freiheit des Handelns und Produzierens zu sehen. Und das ist, nach all der Vorarbeit, dann so leicht verständlich, wie es grandios für politisches Handeln ist:

Die Analyse muss jeden Tag aufs Neue begonnen werden, ohne je durch ein vorgängiges Wissen abgesichert zu sein: Unter dieser Bedingung, unter der Bedingung dieses Gebots kann es, falls überhaupt, ein politisches Handeln, eine politische Entscheidung und Verantwortung – eine Repolitisierung geben.

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