Lyrik/Barriere #1: Georg Weerth – „Arbeite“

Gedichte, diese oft widerspenstigsten aller literarischen Erzeugnisse, taugen sehr gut als Gegenstand gedanklicher Arbeit.

Wer sie liest, wird nie alles verstehen. Aber ich bin überzeugt, dass es sich lohnt, den eigenen Widerständen beim Lesen auf die Schliche zu kommen. Der Geist inspiriert sich so auf die Dauer selbst. 

Es lohnt sich genau so sehr, nie zu vergessen, was für ein Privileg es ist, diese geistige Arbeit zu tun. Weshalb diese Tatsache den Auftakt dieser neuen Serie machen soll, zu erkennen in einem Gedicht von Georg Weerth, der das nur zu gut wusste:

Arbeite

Du Mann im schlechten blauen Kittel,
Arbeite! Schaffe Salz und Brot!
Arbeite! Arbeit ist ein Mittel,
Probat für Pestilenz und Not.

Arbeite! Rühre deine Arme!
Arbeite sechzehn Stunden so!
Arbeite! Nachts ja lacht das warme,
Das Lager dir von faulem Stroh.

Arbeite! Hast ja straffe Sehnen.
Arbeite! Denk, mit schwangerem Leib
Harrt in der Hütte dein mit Tränen
Ein schönes leichenbleiches Weib.

Arbeite! Gleich der Stirn der Rinder
Ist ja die deine breit und dick.
Arbeite! Deine nackten Kinder,
Die küssen dich, kehrst du zurück.

Arbeite bis die Adern klopfen!
Arbeite bis die Rippe kracht!
Arbeite bis die Schläfen tropfen –
Du bist zur Arbeit ja gemacht!

Arbeite bis die Sinne schwinden!
Arbeite bis die Kraft versiegt!
Arbeite! – Wirst ja Ruhe finden,
Wenn dein Gebein im Grabe liegt.


Georg Weerth, laut Friedrich Engels der „erste und bedeutendste Dichter des deutschen Proletariats“, lebte von 1822-1856. (Quelle des Gedichts: Die Deutsche Gedichtebibliothek)

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