Hannah Arendt über Karl Jaspers: Kommunikation ist die einzige Wahrheit

Hannah Arendts tiefes Verständnis von Öffentlichkeit macht Lust auf Karl Jaspers.

Als ich mich zu diesem Projekt entschlossen habe, ahnte ich bereits, welche Hürden meine Affekte mir in den Weg stellen werden: Fehlendes Durchhaltevermögen und eine ganz beschämte Form der Eitelkeit. Beides hat etwas mit dem Begriff der Öffentlichkeit zu tun.

Fehlendes Durchhaltevermögen ist einer meiner Grundzüge. Ich springe schnell von einem Inhalt, von einem Projekt zum nächsten. Mit diesem Blog will ich diese Eigenschaft als ein Problem reflektieren, indem ich zwar noch zwischen Inhalten springe, aber mich thematisch zusammenreiße.

Kurz gesagt: Der Widerstand als Begriff reizt mich in seiner Beständigkeit, weil sie mir selbst häufig fehlt.

Die zweite Hürde, Eitelkeit, spielt mit diesem Problem zusammen. Sie ist für zwei gegensätzliche Bewegungen verantwortlich: Sie treibt den Menschen in die Öffentlichkeit (weil er gesehen werden will) und lässt ihn genauso schnell wieder aus ihr verschwinden (wenn die Bedürfnisse dieser Eitelkeit zu lange nicht wahrgenommen werden).

Gut für mich, dass ich schnell an Hannah Arendt gelangt bin, die so uneitel war wie ihre Ausdauer schildkrötenhaft gewesen sein muss. Sie hilft mir, dagegen zu steuern.

Vor allem durch ihre Einstellung zu einem bestimmten Menschen: Karl Jaspers. Dem scheinen meine zwei Probleme von Natur aus nicht bekannt gewesen zu sein.

Philosophische Folge dieser Naturbegabung, so Arendt, dass sich Jaspers nie in die Einsamkeit zurückziehen wollte. Er wollte nie alleine denken, sondern musste sein Denken immer neu im Umgang mit anderen bewähren:

Jaspers‘ Ja zur Öffentlichkeit ist einzigartig, weil es ein Philosoph ausspricht und weil es sachlich der Grundüberzeugung seines gesamten Philosophierens entspringt: Philosophie hat mit Politik gemeinsam, daß sie alle angeht. Dies ist der Grund, daß sie in die Öffentlichkeit gehört, wo nur die Person und ihre Bewährung zählen.

So Arendt in ihrer Laudatio für Jaspers bei dessen Auszeichnung mit dem Friedenspreis des Deutschen Buchhandels 1958.

In einem weiteren Essay geht sie außerdem der Frage nach, wo für Jaspers in dieser Öffentlichkeit der Begriff der Wahrheit liegt. Ihre Antwort: Wahrheit gibt es für Jaspers nur in der Kommunikation, niemals im einzelnen Denken.

Eine Philosophie, die Wahrheit und Kommunikation als ein und dasselbe faßt, hat den sprichwörtlichen Elfenbeinturm bloßer Betrachtung verlassen. Denken wird praktisch, wenn auch nicht pragmatisch; es ist eine Art Praxis zwischen Menschen, nicht die Verrichtung eines Individuums in seiner selbstgewählten Einsamkeit.

Ein Ziel, auf das ich (weiter) hinarbeiten will – und das bei Jaspers offenbar verwirklicht vorzufinden ist. Zwar bin ich kein Philosoph, was aber nicht nicht heißt, dass ich mir keine Philosophie aneignen sollte.

Meine nächste Lektüre daher: Karl Jaspers – Einleitung in die Philosophie.


Die Zitate sind zwei Texten Hannah Arendts über Karl Jaspers entnommen, zu finden in: Hannah Arendt: Menschen in finsteren Zeiten. Piper Verlag, S. 90-100 und 101-116. Es gab auch einen Briefwechsel zwischen ihr und Jaspers.

Kommentar verfassen

Trage deine Daten unten ein oder klicke ein Icon um dich einzuloggen:

WordPress.com-Logo

Du kommentierst mit Deinem WordPress.com-Konto. Abmelden / Ändern )

Twitter-Bild

Du kommentierst mit Deinem Twitter-Konto. Abmelden / Ändern )

Facebook-Foto

Du kommentierst mit Deinem Facebook-Konto. Abmelden / Ändern )

Google+ Foto

Du kommentierst mit Deinem Google+-Konto. Abmelden / Ändern )

Verbinde mit %s