Über Widerstand und seine Richtung

Die New York Times widerspricht sich mit einem neuen Beitrag zum Thema Widerstand selbst. Was gut ist.

Der fragliche Beitrag ist ein Magazin-Artikel von Beverly Gage, Professorin für Geschichte der amerikanischen Politik in Yale:

„A ‘Resistance’ Stands Against Trump. But What Will It Stand For?“

Ihr Text thematisiert mit historischen Bezügen den Begriff des Widerstands – und zeigt die neue Erstarkung des Begriffes. Der Women’s March on Washington etwa stand ganz im Zeichen einer „new resistance“, Twitter ist voll von #ResistTrump oder #NewAmericanResistance.

Um dieses Phänomen zu beleuchten, sucht Gage im weiteren Verlauf die Grundeigenschaft des Begriffs „resistance“ – Widerstand – zu finden.

Ihre Hauptthese ist dabei, dass Widerstand immer etwas negatives ist:

To resist is to do something negative — to push back against someone else’s agenda when your own back is up against the wall. It is a desperate word for desperate times, filled with limits as well as possibilities. A call to resist is different from a call to “organize” or — to borrow a word from the long-ago Age of Obama — to “dream.” Those words conjure visions of better worlds. Resistance names what you don’t want and leaves the vision thing for another, less urgent situation.

Man widersteht ihrer Ansicht nach immer gegen etwas. Widerstand sei Aktivismus, der organisieren will, nicht in die Zukunft träumen. Letzteres werde anderen überlassen

Dem ersten Punkt stimme ich zu, dem zweiten nicht.

Widerstand kann nämlich träumen – und zwar, dass bestehende Werte sich verbessern und durch widerständige Aktionen gestärkt werden.

Die New York Times macht das sogar selbst.

So sehen zurzeit die Werbebanner der Times auf Facebook aus:

newyorktimes-anzeige

Sie wählen eine Sprache, die sich zwar gegen konkrete Gefahren wendet – die berüchtigten „alternative facts“ –, aber machen daraus kein Schreckensszenario, gegen das widerstanden werden soll.

Vielmehr wird die Gefahr von „Fake News“ als Anstoß für eine erstarkte Suche nach Wahrheit genommen (Truth. It’s hard to find).

Mit 1000 Journalisten der Times im Rücken sei das leichter (easier). Und trotz der düsteren Nachrichten derzeit soll mit dem beworbenen Angebot der Digital-Zugriff für weniger Geld „genossen werden“ (enjoy). Alternativlose Freude, keine Angst.

Ich kann danke dieser Sprache davon träumen, dass auch positive Unterstützung von gutem Journalismus eine Form des Widerstands ist: Gegen die die Erstarkung von Fake News, den medialen Widerständen gegen die absolute Wahrheit – und für den Traum vom Bestand des Richtigen.


Ich finde daher: Ein Digital-Abo der New York Times ist sinnvoll derzeit. Für Studenten kostet es nur 4 Euro im Monat.

2 Kommentare zu „Über Widerstand und seine Richtung“

  1. Wie sehr ich deine Meinung teile!
    Das Schöne und Sympathische ist, dass sich nicht nur die Times widerspricht, sondern Beverly Gage selbst:
    In response, a small group of alarmed progressives founded an organization that came to be known as the American Civil Liberties Union. They lost many early courtroom battles, but their vision of a nation in which “civil liberties” were taken seriously eventually changed the face of American law and politics.

    Es scheint mir ein wenig ironisch, dass der Widerstand besser zu funktionieren scheint, wenn er sich in Opposition zu einer greifbaren Sache oder einer dezidierten Person stellen kann. Da sich die Motivation des Widerstands, meiner Meinung nach, nichtsdestotrotz auch immer aus einer Vision, einem Traum speist.
    So wirkt es so, als ob die aktuellen Ansprüche und Wünsche der Demokrat*innen keinerlei großartige Zukunftsvision bedürften, da es vielmehr um einen Erhalt oder die Rückkehr zu einer gewissen Ordnung zu gehen scheint. Ein Problem des Widerstands (und der Demokratie) scheint momentan also eher zu sein, wie man diese Ordnung widerherstellt oder erhält ohne Verdrossenheit, Trägheit und Frust aufkommen zu lassen, da in einer Demokratie Fortschritte oder Veränderungen meist schwerfällig und mühsam vonstattengehen.

    Eine Perspektive, die der Demokratie womöglich nochmal eine andere Zukunftsvision verschaffen könnte, habe ich hier gefunden: http://www.zeit.de/2017/04/rechtspopulismus-demokratie-wahlen-buergerversammlungen-politisches-system-griechenland/komplettansicht ab der Zwischenüberschrift ‚Ein Repräsentationsproblem‘ wird es meiner Meinung nach interessant. Schade nur, dass,wie in den Kommentaren kritisiert wird, damals lediglich wehrfähige Männer wählen durften, aber die Versuche aus Irland klingen echt gut.

    1. Ein sehr spannendes Projekt in Irland, in der Tat. Für den Anfang würde es glaube ich hier funktionieren, wenn ein derartiger Ansatz in Deutschland zunächst in der Kommunalpolitik angeregt werden würde. Denn natürlich ist es etwas anderes, ein Land mit der Einwohnerzahl von Irland mit 99 Bürgern zu repräsentieren, als eines wie Deutschland. Was nicht heißen soll, dass man es nicht auch so wie in dem Artikel vorgeschlagen tun könnte. Nur würde so vielleicht eine stärkere „Repräsentationsbrücke“ geschlagen werden.

      Und ja, auch das Repräsentationsproblem hat mit der Frage nach der Vision eines Widerstands zu tun. Würde ich es auf den Raum dieses Projekts zurückführen, hat dieses Problem für mich etwas mit der Angst oder dem Respekt vor ausgedehnten, schriftlichen wie mündlichen Diskussionen zu Themen zu tun, vor denen viele vielleicht aus Angst vor Unwissen zurückschrecken. Sie haben Sorge, dass ihre Meinung von der verwendeten Sprache nicht gut repräsentiert wird. Ich finde aber: Niemand sollte mehr oder weniger würdig sein, an einer Unterhaltung teilzunehmen, wenn er sich ihr wirklich stellen will.

      Denn auch wenn es vielleicht nicht jedem so scheint: Ich will hier ein Forum für jeden öffnen. Öffentliche Debatten wie diese hier in den Kommentaren sind auf einer Ebene wie alle Texte, die ich allein verfasse und publiziere. Denn sie können (und sollten, in meiner Vision des Widerstands) gleichwertig Stein des Anstoßes sein. Diese Gleichheit der Behandlung von Meinungen ist für mich die wichtigste Ordnung, die die Demokratie wiederherstellen sollte.

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