Zur Logik der Beleidigung

Immer wieder eine kleine Handreichung –  so sieht es hier momentan aus. Kurze Meldungen, der Versuch ehrlicher Meinung.

Auf Twitter ist das anders. Ich hatte in der Nacht auf Sonntag, als ich mich mit den Protesten in Amerika beschäftigt habe, keine hundert Follow- und Like-Buttons gedrückt und einmal die Anwälte der ACLU, welche den #MuslimBan temporär außer Kraft setzen konnten, meiner Überzeugung nach als Helden bezeichnet, und schwups – am Folgetag:

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Aus dem Nichts.

Ich bin sensibel, ich will nicht zynisch werden. Wie gesagt, Handreichungen. Wie also ihm also hier die Hand reichen?

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In „Über Wahrheit und Lüge im außermoralischen Sinne“ schreibt Friedrich Nietzsche:

Der Intellekt, als ein Mittel zur Erhaltung des Individuums, entfaltet seine Hauptkräfte in der Verstellung; denn diese ist das Mittel, durch das die schwächeren, weniger robusten Individuen sich erhalten, als welchen einen Kampf um die Existenz mit Hörnern oder scharfem Raubtier-Gebiß zu führen versagt ist. Im Menschen kommt diese Verstellungskunst auf ihren Gipfel: hier ist die Täuschung, das Schmeicheln, Lügen und Trügen, das Hinter-dem-Rücken-Reden, das Repräsentieren, das im erborgten Glanze Leben, das Maskiertsein, die verhüllende Konvention, das Bühnenspiel vor anderen und vor sich selbst, kurz das fortwährende Herumflattern um die eine Flamme Eitelkeit so sehr die Regel und das Gesetz, daß fast nichts unbegreiflicher ist, als wie unter den Menschen ein ehrlicher und reiner Trieb zur Wahrheit aufkommen konnte. Sie sind tief eingetaucht in Illusionen und Traumbilder, ihr Auge gleitet nur auf der Oberfläche der Dinge herum und sieht „Formen“, ihre Empfindung führt nirgends in die Wahrheit, sondern begnügt sich, Reize zu empfangen und gleichsam ein tastendes Spiel auf dem Rücken der Dinge zu spielen.

Ich habe nicht das Gefühl gehabt, mich verstellt zu haben. Trent wohl auch nicht. Daraus folgt für mich: Diese im Grunde anonym vorgebrachte Beleidigung im Internet übertrifft noch die von Nietzsche beschriebe Form der Heuchelei. Sie ist unverstellt, aber eben darum gänzlich unfrei.

Warum?

Trent kennt mich nicht. Ich kenne ihn nicht. Das Internet ist keins von Nietzsches Dingen, auf dessen Rücken wir beide „ein tastendes Spiel“ spielen. Es existiert nicht als festes Objekt.

Trent weiß auch nicht, ob ich eitel bin und umgekehrt. Wir haben beide nur von vornherein – er, als er meinen Tweet las, ich als ich seine erste Antwort darauf sah – eine einzige Illusion als Reiz: Der andere spielt nicht dasselbe Spiel wie ich. Er ist mir völlig fremd. Diese Illusion beurteilen wir nicht aber als wahr oder als falsch. Wir werden von ihr gezwungen, sie als feststehend anzunehmen. Sie ist wahrhaftig außermoralisch, weil sie eine Aufteilung in wahr und falsch nicht mehr in uns selbst, sondern nur in der Unterscheidung von ihm und mir setzt.

Seine Logik ist darum auch nicht meine, meine nicht seine. Nicht durch unsere politischen Ansichten sind wir getrennt, nicht durch die Entfernung oder das Alter. Nur durch das Medium.

Das Medium lässt uns nicht spielen, nicht spielend reagieren. Es ist ein öffentlich mit anzusehendes Hin und Her in Reihenform, bei dem ich (zumindest) mir schnell die Frage stelle, für wen ich hier eigentlich schreibe. Doch nicht für Trent, dessen Beleidigung sowohl den weiteren als auch den bisherigen Gesprächsverlauf vernichtet hat.

Ich schreibe meine Antwort – in der Logik der Beleidigung – nur noch für mich. Ich kann nicht erwarten, dass Trent mich versteht, noch dass die Öffentlichkeit mich sieht.

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Ich kann nur mich selbst schützen – vor einem Selbst, dass sich durch die Beleidigung beeindrucken lässt und sich in etwas verändert, dass mir nicht gefällt.

4 Kommentare zu „Zur Logik der Beleidigung“

  1. Ich glaube nicht, dass es etwas Unverstelltes geben kann – und unterstützt das Internet als Medium nicht gerade in größerem Maßstab die Verstellungskunst? Hat der Mensch hier, gefühlt, nicht eine noch größere Bühne für sein „Repräsentieren, das im erborgten Glanze Leben, das Maskiertsein, die verhüllende Konvention, das Bühnenspiel vor anderen und vor sich selbst, kurz das fortwährende Herumflattern um die eine Flamme Eitelkeit“?
    Während das Verhüllende weniger notwendig wird und die höflichen Konventionen absterben, bekommt die Selbstinszenierung doch nochmal einen ganz anderen Stellenwert. Das Mitteilen ist immer vom Wissen der Mitleser*innen begleitet, und da die Antwort mittelbar kommt, lässt sich der nächste Schritt, die bestmögliche Darstellung, sogar planen.
    Was würdest du sagen, wie ist Trents Logik beschaffen und lässt sie sich durchbrechen? Ist es möglich auf Ignoranz mit den Mitteln der Rhetorik eine Antwort zu finden, die gehört wird? Auch wenn dies nicht immer das primäre Ziel sein kann oder muss, stellt sich mir diese Frage, im Hinblick auf solche Konfrontationen doch immer wieder.
    Du kannst zwar nicht erwarten von der Öffentlichkeit gesehen zu werden, aber solange die Möglichkeit besteht, gesehen zu werden, antwortest du dann nicht doch auch für die Öffentlichkeit? Meiner Meinung nach, lässt sich das im Medium Internet nicht ausklammern und daher führt mich diese Überlegung immer wieder zur Frage – mit welcher Sprache lässt sich am besten darauf antworten? Denn selbst wenn keine Verständigung erreicht werden kann, weil eigentlich kein Dialog angestrebt wird, geht es nicht eher darum, gerade auf Twitter, etwaige Mitleser*innen zu inspirieren? Wie kann man also dritte, nicht direkt Angesprochene, inspirieren?

  2. Natürlich, du hast Recht.

    Ich habe in meinem Verständnis der oben beschriebenen Situation die Kommunikationssituation als einen Dialog begriffen, da ich überhaupt erst einen Zugriff auf den anderen suchte. Die Beleidigung ist etwas sehr persönliches, bei der, so glaube ich, der Öffentlichkeitsaspekt für politische Ziele noch zählt – bei mir als Adressierten aber in bestimmter Weise (auch) rein persönlich wirkt.

    Öffentlich stärke ich meine Meinung in der Antwort in Abgrenzung zum Beleidigenden, aber für mich persönlich fungiert sie als psychologische Gegenarbeit, die den inneren Widerstand gegen das Empörende der Beleidigung überwinden will.

    Sobald ein Dritter, die mögliche Öffentlichkeit auch dieses psychologische Moment berührt – hier etwa, weil eine ganze kulturelle Gemeinschaft mit beleidigt wurde – tritt in meine innere Rechtfertigung die Frage nach Verantwortung ein. Ich bin mit meiner Antwort verantwortlich für das, was ich an den mit beleidigten Menschen verteidigungswürdig halte. Vielleicht ist dies ein weiterer Widerstand, der überwunden werden muss – von der Eitelkeit zur Menschlichkeit, weil sie trotz allem ein Gespräch offen hält?

  3. Also – du wehrst dich in der Antwort nicht nur gegen die Beleidigung in Bezug auf dich als Individuum, sondern gleichzeitig auch gegen die Beleidigung an sich und stehst so für deine Meinung und, in diesem Fall, für die beleidigte kulturelle Gruppe ein. Soweit kann ich folgen und würde dem zustimmen, doch was für eine Art von Widerstand resultiert daraus? Das Vorhaben das Gespräch offen zu halten, ist natürlich die Idealvorstellung, nur siehst du hierzu bei Trent in der Retrospektive wirklich eine Möglichkeit?

    Ich wage das zu bezweifeln. Nichtsdestotrotz halte ich solche Konfrontationen für wichtig, da sie eine Vorbildfunktion einnehmen können oder stille Mitleser*innen beeinflussen können. Daher zielte meine Frage eigentlich auf Strategien genau dafür ab. Wie tritt man in solchen Konfrontationen überzeugend auf? Meiner Meinung nach muss ich die Logik Trents durchschauen und diese dann dekonstruieren. Liegt das Problem nicht darin, dass keine Logik erkennbar ist, sondern lediglich eine Antihaltung, bestehend aus Widerspruch und einem Beharren auf das Immergleiche?

    Mag es auch anmaßend sein, ich halte es mittlerweile für notwendig, mir Fähigkeiten anzueignen, die es mir ermöglichen, andere zu überzeugen oder zumindest dazu zu bringen, ihre eigene Position für einen Moment in Frage zu stellen. Deine Antwort funktioniert, meiner Meinung nach, gut. Sie gibt nicht der Versuchung nach, selbst unwirsch zu werden oder stur bereits Gesagtes zu wiederholen, sondern wechselt auf eine Metaebene, die anzeigt, dass du erkennst, dass weitere inhaltliche Investitionen vergeblich wären. Daher wollte ich wissen, ob du dir diesbezüglich Strategien überlegt hast.

    1. Ich glaube momentan, dass eine der wichtigsten Fähigkeiten des Widerstands Ausdauer ist. Es ist eine große Herausforderung für den eigenen Willen, immer wieder neue Perspektiven des eigenen Standpunkts zu eröffnen, von denen vielleicht irgendeine das Gegenüber aufrüttelt.

      Wenn man sich versucht, derartige Ausdauer und auch Geduld anzueignen, entstehen glaube ich dabei auch immer neue Strategien. Damit meine ich, dass immer wieder neue rhetorische Anläufe unternommen werden müssen, das Gegenüber zu ändern, aus der Reserve zu locken, vielleicht auch einen Fehler begehen zu lassen.

      Gleichzeitig prüfe ich durch diese immer neu entworfenen Strategien auch meine eigene Meinung – ob sie den neuen Positionen, mit denen ich den anderen überzeugen will, standhält. Ich stelle also meine Meinung immer wieder neu zur Debatte.

      Wenn damit der andere nicht inspiriert wird, kann ich mir dann zumindest sagen, dass ich mich zumindest selbst immer neu inspiriert habe, meine Meinung neuartig und somit lebendig zu vertreten. Das trainiert – und damit wäre der Zirkel vollendet – auch die Ausdauer.

      Das ist momentan meine Vorstellung einer Strategie, um andere zu überzeugen bzw. immer wieder Meinungen zur Debatte zur stellen und zu fragen, was an ihnen wertvoll ist.

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