Primo Levi: „Ist das ein Mensch?“

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Ein Mensch ist man immer, hin oder her. Eine Ansicht, welche einigen missfallen mag, die sich aber auch schnell wieder beruhigen dürfen: Denn von einem Menschen zu reden ist absolut nicht dasselbe. Nicht einmal das gleiche.

Menschen, von denen geredet werden sollte, gibt es nämlich nur wenige – und es werden nach bestimmten Lektüren immer weniger.

Menschen, über die geredet werden sollte, sind etwa jene, die ihnen unbekannten Franzosen beim barfüßigen Holen der Suppe für Lagerinsassen, unter Aufsicht von NS-Soldaten, Italienisch beibringen. Menschen wie Primo Levi.

Menschen, die das tun, indem sie auswendig aus Dantes Göttlicher Komödie zitieren – und sich dabei auch noch ausgerechnet an Dantes Darstellung vom Aufbruch des Odysseus zu seiner letzten Reise erinnern.

Denn Odysseus ist dadurch auch ein Mensch.

Odysseus ist dadurch in diesem Moment Primo Levis echtester Mensch. Er ist der Mensch, an den sich alle erinnern, obwohl er mit ziemlicher Sicherheit nie gelebt hat. Er ist der Mensch, der von den Gefahren seiner Reise nicht bloß erzählt, sondern singt und zwar folgendes:

Auf die hohe, offne See ich mich begab
Ma misi me per l’alto mare aperto.

Im besungenen Ozean, den Odysseus sich als sein Terrain auserkoren hat, wird nichts mehr gelagert, in Kisten, Baracken, nicht mal in Schubladen. Nichts ist eingepfercht. Alles ist offen, frei – und gerade dennoch bedrohlich zugleich. Der Blick geht rundherum.

Levi weiß um die Kraft, die für einen Wechsel auf, an und in diesen Ort nötig ist. Sich dahin zu versetzen, aktiv und selbst. Er erklärt es Jean „Pikkolo“, seinem armen Gefährten anhand der Stelle, die er gerade in seinem Gedächtnis gefunden hat:

Ja, hier bin ich ganz sicher, das kann ich Jean erklären, kann ihm auseinandersetzen, warum »misi me« nicht dasselbe ist wie »je me mis«, daß es viel stärker und viel wagemutiger ist, eine zersprengte Fessel, ein Sichhinüberwerfen auf die andere Seite der Barriere, wie gut wir doch diesen Drang kennen. 

Immer, wenn ich das lese, wird mir bewusst, dass auch ich diesen Drang kenne. Ich würde dann gern die Fessel der Zeit, diesem absoluten Mahnmal zersprengen und zu den beiden hin, auf ihren Weg im Nirgendwo.

Ich würde dann vieles opfern, um Primo Levi als Italienischlehrer zu haben.


Primo Levis „Ist das ein Mensch?“, ein Auschwitz-Bericht, ist auf Deutsch im Hanser Verlag erschienen, zusammen mit „Die Atempause“, seinem Reisebericht in die Heimat Italien durch das zerstörte Europa der Trümmerjahre. Zitate aus: „Der Gesang des Odysseus“, ebd. S. 136-144.

Auf Italienisch wird das Buch von Einaudi verkauft.

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